Eon, RWE und Co. Schrumpfen sich die Energieversorger zu Tode?

Tausende Stellen fallen weg, Investitionen werden zusammengestrichen, Unternehmensanteile verkauft: Energieversorger wie Eon und RWE überbieten sich in einem beispiellosen Schrumpfwettlauf. Mit welchem Ende?
Schlechte Aussichten: Die deutschen Energieversorger gehen harten Zeiten entgegen

Schlechte Aussichten: Die deutschen Energieversorger gehen harten Zeiten entgegen

Foto: AFP

Hamburg - Es ist nicht viele Jahre her, da waren die Auftritte von führenden deutschen Energiemanagern machtvolle Demonstrationen der Stärke. Von neuen Kraftwerken, neuen Märkten und neuen Gewinnrekorden wussten Altvordere wie Jürgen Großmann (RWE), Wulf Bernotat (Eon) oder auch Utz Classen (EnBW) zu berichten. Potenzielle Übernahmeziele konnten gar nicht groß genug sein.

Aus. Vorbei.

Die heutigen Chefs Peter Terium, Johannes Teyssen und Frank Mastiaux müssen die Konzerne vor dem Totalschaden bewahren. Ihre jüngsten Worte drücken den historischen Niedergang der Unternehmen am besten aus:

"Unser traditionelles Geschäftsmodell bricht uns unter den Füßen weg", klagt RWE-Mann Terium und sieht sich angesichts eines massiven Ergebniseinbruchs im "Tal der Tränen".

Einen Tag zuvor konstatierte Eon-Chef Teyssen: "Unser traditionelles Kraftwerksgeschäft leidet nach wie vor unter Verwerfungen des Marktes."

Wenig Illusionen gibt sich der EnBW-Vorstandsvorsitzender Frank Mastiaux hin. "Niemand ist auf uns angewiesen", stellte er unlängst fest.

Einschläge treffen bereits ins Herz

In diesen Tagen wird so deutlich wie noch nicht zuvor: Die Einschläge bei RWE , Eon  und Co. kommen näher. Im Grunde ist es noch schlimmer - sie treffen teilweise bereits ins Herz der Unternehmen. So erwirtschaften die Kraftwerke nur noch ein Bruchteil ihrer einstigen Gewinne oder rutschen gar in die roten Zahlen.

Die Liste der Ursachen ist inzwischen lang: Atomausstieg, Siegeszug der erneuerbaren Energien, Liberalisierung des Strommarktes, Wirtschaftskrise und sinkende Strompreise, dazu behördenartige Strukturen und Denkmuster in den Unternehmen.

Verschärfend kommt die Tatsache hinzu, dass die Konzerne mit Tausenden gut bezahlten Managern auf die wenigsten dieser Entwicklungen und Missstände entschieden reagiert oder sie gar zum Vorteil genutzt haben. Stattdessen setzten sie viel zu lange stur auf ihr altes Geschäftsmodell.

Nun bleibt nur noch der geordnete Rückzug

Was bleibt, ist der geordnete Rückzug. "Nun sind die Zwänge so groß, dass sich nichts mehr aufschieben lässt", sagt Fondsmanager Thomas Deser von Union Investment. Schrumpfen, schrumpfen, schrumpfen, ist die Parole.

"Wir müssen handeln", sagt RWE-Chef Peter Terium nun. Doch ihm verbleiben dafür inzwischen kaum noch Optionen. Zu sehr belasten die Ergebnisrückgänge die Bilanz. Investitionen sind kaum noch möglich, nur der Bestand soll gesichert werden. Sogar bei Hoffnungsträgern wie den erneuerbaren Energien fährt Terium das Engagement zurück. "Der Cash Flow reicht einfach nicht mehr für eine ordentliche Dividende und Wachstumsinvestitionen zugleich", sagt Deser.

Anstatt die Phantasie der Anteilseigner mit neuem Geschäft in gewissen Größenordnungen anzuregen, bringen die Versorger fast nur noch strikt ihre Zahlen in Ordnung. Das heißt im einzelnen:

Personal abbauen: RWE will bis 2016 weitere 6750 Stellen streichen, Eon vermindert seine Belegschaft um 11.000 Beschäftigte bis 2015 und EnBW baut bis Ende 2014 1350 Stellen ab. Vattenfall will mit 2500 Mitarbeitern weniger auskommen, in Deutschland sind 1500 Arbeitsplätze betroffen

Geschäftsanteile verkaufen: RWE will in diesem Jahr bis zu sieben Milliarden Euro einnehmen, indem die Firma Unternehmensteile abgibt. Das Ziel schien zuletzt aber nicht erreichbar zu sein. Eon will bis Ende des Jahres 15 Milliarden erlösen, und liegt dabei über Plan

Investitionen zusammenstreichen: RWE will voraussichtlich keine konventionellen Kraftwerke mehr bauen und spart auch bei erneuerbaren Energien. Eon drosselt seine Aktivitäten ebenfalls

Kraftwerke abschalten: Insgesamt haben die Versorger Anlagen mit einer Erzeugungskapazität von 7000 Megawatt zur Stilllegung angemeldet.

Raus aus den Schulden

Wichtigstes Ziel der Mammutprogramme ist vor allem bei RWE und Eon der Schuldenabbau. Die Renditen früherer Tage werden wohl nicht mehr zu erzielen sein, doch die Gewinne sollen sich soweit stabilisieren, dass eine akute Schieflage vermieden wird.

RWE drücken immer noch 35 Milliarden Euro Verbindlichkeiten, bei Eon sind es 33 Milliarden. Diese Summen bedrohen insbesondere das Rating, bei dem RWE schon nicht mehr, Eon nur noch knapp im A-Bereich liegt. Wiederholt haben die Ratingagenturen jedoch durchblicken lassen, dass sie die Konzerne sehr kritisch beäugen.

Vergleichsweise stark ins Risiko geht derzeit Eon. Zwar schrumpft sich das Unternehmen kontinuierlich zurecht, doch zeigt es sich beim Aufbau neuer Geschäftsfelder etwas wagemutiger als etwa RWE. In Brasilien und der Türkei baut Eon neue Kraftwerke, doch die derzeit zu beobachtenden Rückschläge könnten angesichts der prekären Gesamtlage noch heftig schmerzen.

RWE dagegen bleibt auf Europa konzentriert und meidet Abenteuer. Aus Anlegersicht sei dieses Vorgehen zumindest einigermaßen berechenbar, lobt Union-Investment-Mann Deser. "RWE beschränkt sich auf das, was das Unternehmen kann."

Alle Augen auf die Politik

Die große Hoffnung bei RWE in Essen und Eon in Düsseldorf ist, dass der Boden in den kommenden Jahren erreicht ist, und sich die Ertragslage stabilisiert. Ohne Eingriffe der Politik ist dies aber schwer vorstellbar.

Um dies zu illustrieren, hat RWE-Chef Terium am Donnerstag eine recht eindrucksvolle Rechnung präsentiert. Sollte sein Konzern den erzeugten Strom nur noch zum heutigen Börsenpreis von 37 Euro pro Kilowattstunde verkaufen können, bedeute dies einen jährlichen Verlust von 500 Millionen Euro in der Kraftwerkssparte. Noch lebt RWE von längerfristig laufenden Verträgen, in denen höhere Preise vereinbart sind.

Nur wenn die Politik einen Markt für Kraftwerke schafft, die als Back-up für die schwankenden Energieträger Sonne und Wind zur Verfügung stehen, könnte sich das Blatt zum Besseren wenden. Analysten sind aber skeptisch. Man rechne nicht mit einer Korrektur der deutschen Energiewende, die kurzfristig deutlich positive Auswirkungen für die großen Versorger haben könnte, heißt es etwa bei der Nationalbank.

Fondsmanager Deser ist etwas optimistischer. Letztlich würden moderne Gas- und Kohlekraftwerke einfach gebraucht, der Ausbau der erneuerbaren Energien werde an Grenzen stoßen. Wenn die Versorger dann ihre Hausaufgaben gemacht haben, könnten etwas bessere Zeiten kommen. "Die Kostensenkungen führen dazu, dass wachstumsfreie Dividendenmaschinen entstehen", sagt er nüchtern. Portfoliomanager könnten auf diese Titel aber durchaus wieder Lust bekommen. Zuvor seien aber noch Umsatzrückgänge von 20 bis 30 Prozent zu erwarten.

Immerhin hätten die Energiekonzerne damit wieder einen Status erreicht, den sie vor ihrer großen Blütephase innehatten: Sie wären langweilige, aber profitable Unternehmen - gemessen an den hochfliegenden Plänen des vergangenen Jahrzehnts zugleich aber auch ein Schatten ihrer selbst.

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