Mittwoch, 22. Januar 2020

Die Wirtschaftsglosse RWE, der Rufer in der Wüste

Strom aus der Wüste: Die ganze deutsche Industrie wie ein Mann auf ein Ziel ausgerichtet

Auch in der Wüste kann man ins Gras beißen. Diese Erkenntnis spricht sich allmählich im Industriekonsortium des Sonnenstromprojekts Desertec herum. Nur RWE hat noch nix gemerkt. Am Ende des Tages bleibt wohl nur noch die Ananaszucht in Alaska.

Lange nichts mehr gehört von Desertec. Sie wissen schon, das Wüstenstromprojekt, das 2009 mit großen Fanfaren und einer bestechenden Logik gestartet wurde: Wenn hier nicht mehr genug Strom produziert wird (damals wusste man ja, dass es so kommen würde), warum nicht einfach massenhaft Solaranlagen in die Sahara stellen und den Saft mit ein paar roten Leitungen (siehe Grafik links) zu uns bringen? Dort unten ist ja Platz, den keiner braucht, die Sonne scheint immer, und gutmütige Diktatoren sind einer bestechenden Logik stets aufgeschlossen.

Jetzt sind fünf Jahre vergangen, und die Nachrichten aus dem Industriekonsortium Dii lassen sich so zusammenfassen: Die Kalkulation ist absurd. Kairo antwortet nicht. Bosch steigt aus. Siemens Börsen-Chart zeigen steigt aus. Die Desertec-Stiftung, die überhaupt diese Idee hatte, steigt aus.

Jetzt gibt es wieder eine Nachricht von Desertec. Überraschung: Eon Börsen-Chart zeigen steigt aus. Eon, das ist einer dieser Stromgiganten, die nach dem Atomausstieg dringend ein neues Geschäftsmodell suchen. Die vielen Gaskraftwerke ("Brücke zur Energiewende") laufen etwas weniger als super. Das Heil im Ausland haben auch Bündnisse mit einem windigen Ex-Milliardär in Brasilien und einer türkischen Dynastie komischerweise nicht gebracht. Nur in Russland hat der Konzern wirklich Grund zur Freude. Oh, Mist.

Arvid Kaiser
manager-magazin.de
Arvid Kaiser
Ein klares Zeichen, dass auch Desertec nicht den Geheimschlüssel zur Zukunft liefert, das lehrt die Managerfibel, ist wenn sogar die HSH Nordbank das Geschäft als riskant erkennt (zumindest laut "Süddeutscher Zeitung"). "Eon wird sich wieder ausschließlich auf eigene Vorhaben konzentrieren und dabei auch die Entwicklung der Märkte im Bereich Erneuerbarer Energien in Afrika und im Mittleren Osten mit Interesse verfolgen", heißt es daher nun aus Düsseldorf.

Die Phrase "mit Interesse verfolgen" ist Code für "traurige Vorstandssitzungen mit etwas Schadenfreude auflockern und sich über die dummen Konkurrenten kaputtlachen, die immer noch auf dem hoffnungslosen Trip hängen".

Womit wir bei RWE Börsen-Chart zeigen wären. "Wir bleiben dabei. Wir glauben immer noch an die Zukunft des Projektes", sagte ein Unternehmenssprecher.

Was auch sonst. RWE glaubte ja auch noch ziemlich lange an die Zukunft des Projekts einer langen Gasleitung namens Nabucco, die mit ähnlichem Brimborium wie Desertec von der EU ins Leben gerufen wurde, um mit Hilfe aus Aserbaidschan alle Energieprobleme zu lösen und unabhängig von finsteren Diktatoren zu werden, oder so. RWE glaubte, in Joschka Fischer einen hervorragenden Berater für globale Energiefragen gefunden zu haben. RWE glaubte, mit den Russen einen günstigen Deal über Gaslieferungen geschlossen zu haben.

Stand heute glaubt RWE (immer noch), die Zukunft mit großflächigem Braunkohletagebau im Rheinland gewinnen zu können. Und nebenbei vielleicht doch noch mit der Erneuerbare-Energien-Tochter Innogy den Anschluss zu bekommen.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Und wenn es damit doch nichts wird? Dann bleibt immer noch eine Hoffnung: Ananas in Alaska züchten. Denn da, so verheißt ein altes Diktum des RWE-Vordenkers Jürgen Grossmann, strahlt die Sonne genauso wie in Deutschland.

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