Teure Rohstoffe Wie die Börsenrallye die Energiewende durchkreuzt

Ob Wind- und Sonnenkraftwerke oder Batterien für Elektroautos: Grüne Energie boomt. Doch angesichts massiv steigender Rohstoffpreise rechnen sich viele Projekte nicht mehr. Bremst das die Energiewende aus?
Stürmischer Markt: Windpark in Mecklenburg-Vorpommern

Stürmischer Markt: Windpark in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: Norbert Fellechner / BildFunkMV / IMAGO

Der Trend ist gebrochen. Leider, leider müsse Vestas den Preis für seine Windkraftanlagen anheben, verkündete Konzernchef Henrik Andersen (53) zu den jüngsten (unerwartet roten) Geschäftszahlen des dänischen Industrieriesen. Warum? Stahl, wovon allein für eine Turbine (noch ohne Turm) bis zu 600 Tonnen gebraucht werden, ist mehr als doppelt so teuer wie vor einem Jahr. Der Kupferpreis ist um zwei Drittel gestiegen, der für Zink um die Hälfte. Hinzu kommen noch die Frachtkosten, die ebenfalls kräftig anziehen. Man mache es sich mit Blick auf die langfristigen Kundenbeziehungen nicht leicht, beteuerte Andersen. "Aber es gibt kein magisches Ding, das diesen Preisanstieg einfach wegwischt."

So weit wie möglich den Kostenanstieg an die Kunden durchreichen will auch Konkurrent Siemens Gamesa. Dessen Chef Andreas Nauen (56) sieht den Überbietungswettbewerb um Zuschläge für neue Offshore-Windparks mit gemischten Gefühlen. Einerseits können sich die Anlagenbauer kaum noch retten vor Aufträgen. Andererseits setzen diese sie unter brutalen Preisdruck, weil die Auftraggeber damit kalkulieren, dass die Kosten der Technik immer weiter fallen - so, wie es jahrelang zuverlässig lief, jetzt aber nicht mehr.

Laut dem Brancheninformationsdienst "Bloomberg New Energy Finance" sind die Gesamtkosten für Windkraftanlagen im vergangenen Jahrzehnt um 60 Prozent gefallen, die für Solaranlagen sogar um 83 Prozent, ebenso wie die in Elektroautos verwendeten Batterien. In einem Großteil der Erde sind die Erneuerbaren jetzt die billigste Quelle der Stromerzeugung. Das, zusammen mit den politisch beschlossenen Klimazielen, sollte ihnen den Markterfolg garantieren.

Doch nun droht die grüne Energie Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden, weil die Börsenpreise für Rohstoffe massiv steigen – und immer mehr Projekte unrentabel machen. Im vergangenen Jahr haben sich neue Solaranlagen erstmals wieder verteuert, hier spielt neben Kupfer auch Silber und vor allem Silizium eine Rolle - ein in Zeiten der Chipkrise besonders knapper Rohstoff. 2021 beschleunigte sich der Anstieg laut dem norwegischen Analysehaus Rystad Energy  nochmals. Seit Jahresanfang sei der Preis der meist in China gefertigten Module um ein Zehntel gestiegen. Das macht zwar nur einen kleinen Teil der vorigen Ersparnis wieder wett, "wird aber die Wirtschaftlichkeit von Anlagen mit hoher Kapazität erheblich beeinträchtigen". Die Investitionskosten eines 100-Megawatt-Solarparks könnten um 9 Prozent steigen, wenn die Module 24 statt 18 Cent pro Wattpeak maximaler Leistung kosten.

Elon Musks größte Sorge: Nickel

"Es wird eine Reihe dieser Projekte geben, die schlicht nicht verwirklicht werden", warnt Mark Widmar, Chef des US-Marktführers First Solar, seine Aktionäre. Laut dem Branchendienst IHS Markit versuchen etliche Entwickler, die Auftragsvergabe hinauszuzögern. Sie hofften darauf, dass 2022 die Rohstoff- und Frachtkosten wieder sinken. Eine Voraussetzung dafür: Der Superzyklus hört auf, in dem Kapital in die börsengehandelten Kaufoptionen quer über alle Rohstoffe hinweg strömt.

Mit dem Umstieg zur Massenproduktion lassen sich die steigenden Rohstoffkosten bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. Doch selbst mit verbesserter Technik und sparsamerem Materialeinsatz bleibt am Ende ein höherer Anteil der Rohstoffkosten übrig. Diese machen laut "Bloomberg New Energy Finance" inzwischen bis zu 70 Prozent der Kosten von Batterien für Elektroautos aus. Vor fünf Jahren waren es noch weniger als 50 Prozent. Tesla-Chef Elon Musk (49) bezeichnet den Zugriff auf Nickel für die Kathode der Lithium-Ionen-Akkus als "größte Sorge" bei seinen Gigaplänen. Tesla ist Partner eines großen Nickeltagebauprojekts im französischen Pazifikgebiet Neukaledonien, schwenkt als kurzfristige Lösung aber auf mehr Lithium-Eisenphosphat-Akkus um. "Eisen und Lithium gibt es ja genug", frohlockt Musk. Doch auch diese Rohstoffe werden bekanntlich teurer und knapper.

Ein typisches Elektroauto benötige sechsmal so viel kritische Metalle wie ein herkömmliches Auto mit Verbrennungsmotor, rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) vor . Eine Windkraftanlage an Land brauche für die gleiche Leistung neunmal so viel wie ein Gaskraftwerk. Trotz der Emissionen aus Bergbau und Metallindustrie bleibe die Klimabilanz zwar eindeutig positiv, da zugleich fossile Brennstoffe ersetzt würden. Aber wenn die Welt ernst mache mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, dann müsste sie ihren Verbrauch kritischer Rohstoffe versiebenfachen. Da drohe ein "Missverhältnis" zwischen grünem Appetit und dem Nachschub, um diesen Hunger auch zu stillen.

"Die Energiewende könnte definitiv als Ergebnis steigender Kosten ausgebremst werden", sagte IEA-Direktor Fatih Birol (63) der "Financial Times" . Wenn es nicht gelinge, die Rohstoffe zu erschwinglichen Preisen zu gewinnen, baue sich da "ein gewaltiges Hindernis für unsere Klimaziele" auf. Birol, dessen Organisation einst aus Sorge um die Ölzufuhr der Industriestaaten gegründet wurde, empfiehlt den Staaten nun den Aufbau strategischer Reserven an Rohstoffen für die grüne Technik.

ak