Säumige Kunden Stadtwerke warnen vor Zahlungsausfall und Insolvenzen

Ein Ende der Preisrallye für Gas und Strom ist nicht in Sicht. Kommunale Versorger fürchten, dass viele Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen können – und so auch Stadtwerke in die Insolvenz abrutschen. Immer öfter melden sich verzweifelte Verbraucher in den Kundencentern der Stadtwerke und Energieversorger.
Kommunaler Energieversorger: Die Stadtwerke wie hier in Kiel erwarten viele Zahlungsausfälle von Kunden

Kommunaler Energieversorger: Die Stadtwerke wie hier in Kiel erwarten viele Zahlungsausfälle von Kunden

Foto: Axel Heimken / dpa

Die Stadtwerke in Deutschland warnen angesichts der explodierenden Kosten für Strom und Gas vor einer breiten Zahlungsunfähigkeit der Kunden und Insolvenzen in den eigenen Reihen. "In den Kundencentern haben wir zunehmend verzweifelte Menschen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Ingbert Liebing, der Nachrichtenagentur Reuters. "Manche werden aus Frust aggressiv, andere sind in Tränen aufgelöst und brauchen psychologische Betreuung." Viele Kunden könnten die hohen Kostensteigerungen einfach nicht mehr bezahlen. Die Mitarbeiter würden im Umgang mit solchen Situationen geschult und suchten in jedem Einzelfall nach Auswegen, berichten Branchenvertreter. Die Sperrung von Strom- und Gasanschlüssen sei das letzte Mittel und selten.

"Aktuell registrieren wir eine deutliche Zunahme von Kundenanfragen", berichtet der Chef von Eon Energie Deutschland, Filip Thon. Der Versorger habe seine Service-Kapazitäten aufgestockt. Bisher gebe es noch keine größeren Verwerfungen, aber ganz klar: "Die Lage ist sehr angespannt." Viele unterschätzten das Ausmaß der Energiekrise und der damit verbundenen Preissteigerungen insgesamt. Eon beliefert direkt, über seine Regionalgesellschaften und nationale Marken rund 14 Millionen Kunden in Deutschland mit Strom und Gas.

"Die Zahlungsausfälle waren bislang deutlich unter ein Prozent des Umsatzes aus gelieferten Mengen, das ist verkraftbar", sagt Liebing. "Aber wenn wir auf 5 bis 10 Prozent kämen oder gar 15 oder 20 drohen, dann kann das für die Stadtwerke bedrohlich werden", sagt der Chef Verbandes kommunaler Unternehmen. "Jetzt stellen wir fest, dass bestimmte Probleme, Liquiditätsprobleme, akuter werden." Der VKU vertritt die Interessen von mehr als 1500 Unternehmen, darunter vor allem Stadtwerke, mit einem Umsatz von rund 123 Milliarden Euro.

Preise für Gas haben sich verzehnfacht

Auf die Kunden kommen horrende Preissteigerungen zu. Schon jetzt haben viele Versorger ihre Tarife deutlich angehoben. Für die Energieversorger sei die Vermittlung extrem steigender Preise eine Herausforderung, sagt auch die Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae. Viele betroffene Kundinnen und Kunden machten ihrem Ärger und ihren großen Sorgen über die Preisentwicklung oft in den Kundencentern Luft. Das sei für die Beschäftigten der Energieversorger eine große Belastung.

Die Gas-Lieferkürzungen Russlands haben in den vergangenen Monaten die Preise durch die Decke gehen lassen. Große Gasimporteure wie Uniper oder die Leipziger VNG müssen mit Milliardensummen gestützt werden, weil sie die Ausfälle Russlands mit hohen Verlusten am teuren Spotmarkt decken müssen.

Doch auch die "zweite Reihe", die Stadtwerke und Regionalversorger, schlägt Alarm. "Wenn für den Gaseinkauf jetzt das Zehnfache, das Zwölffache von dem bezahlt werden muss, wie es in der Vergangenheit üblich gewesen ist, dann stellt das die Stadtwerke, die erst einmal einkaufen müssen bevor sie verkaufen können, vor gewaltige finanzielle Herausforderungen", sagt Liebing. Hinzu komme, dass nicht nur für den Handel an der Börse, sondern auch außerhalb im direkten Geschäft (OTC), wo die meisten Stadtwerke aktiv seien, inzwischen höhere Kautionen zur Absicherung gefordert würden.

Stadtwerke fordern Hilfen vom Bund ein

Wenn Stadtwerke ihre gesamte Liquidität und ihren gesamten Kreditrahmen für den Handel bräuchten, bleibe kein Spielraum mehr für Investitionen in die Energiewende, sagte der VKU-Experte. Das von der Bundesregierung aufgelegte 100 Milliarden Euro schwere Hilfsprogramm der KFW helfe nur jenen, die an der Börse handelten. Es müsse nachgebessert werden. Möglich sei, dass die 100 Milliarden Euro nicht ausreichten, wenn das Programm auf den Handel außerhalb der Börse ausgeweitet werde. "Wir brauchen eine Verständigung von Bund und Ländern, was die Liquiditätsprobleme der Stadtwerke und den Aufbau eines Rettungsschirms betrifft."

rei/Reuters
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