Shell-Finanzchef Peak Oil steht kurz bevor - aber anders, als wir immer dachten

Ölfeld in Oklahoma

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Lithium: Das weiße Gold

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Wenn sich Ölkonzerne zur Zukunft des Öls äußern, klingt das normalerweise so: Die Nachfrage wird in den kommenden Jahrzehnten immer weiter steigen, ein Ende ist nicht absehbar. Schließlich wächst der Wohlstand weltweit, auch die Menschen in Schwellenländern wollen fliegen und Auto fahren. Wer wollte es ihnen verdenken?

Jedes Jahr produzieren Exxon Mobil , BP und Co. aufwändige Studien, um diese fürs Weltklima eher ernüchternde Botschaft zu verbreiten. Doch nun schert erstmals ein Ölmulti aus der Reihe. Bereits im Jahr 2021 könnte die Ölnachfrage weltweit aufhören zu wachsen, erwartet der niederländische Shell-Konzern .

"Wir sind schon länger der Meinung, dass die Ölnachfrage vor dem Ölangebot ihren Höhepunkt erreichen wird", sagte Shells Finanzchef Simon Henry Anfang November. "Und dieser Nachfrage-Höhepunkt könnte in fünf bis 15 Jahren erreicht sein."

Damit rechnet Shell faktisch mit einem baldigen globalen Ölfördermaximum, im Fachjargon auch Peak Oil genannt. Doch mit dem düsteren Szenario, das Wissenschaftler spätestens seit den 70er-Jahren mit diesem Begriff verbanden, hat Shells Prognose wenig gemein.

Damals warnten Fachleute, der Weltwirtschaft werde das Öl angesichts schwindender Ressourcen nach und nach schlicht ausgehen. Dieses Szenario erscheint dank Fracking und anderer unkonventioneller Fördermethoden zunehmend unrealistisch. Nun geht Shell - wie zuvor schon unabhängige Fachleute  (€) - davon aus, dass die Welt all das vorhandene Öl gar nicht mehr haben will. Aus Peak Oil wird Peak Demand.

Doch warum wächst der globale Öldurst laut Shell-Manager Henry schon bald nicht mehr? Die Antwort ist naheliegend - und kommt dennoch einem Paradigmen-Wechsel für die Weltwirtschaft gleich: Der effizientere Einsatz von Öl sowie dessen Ersatz durch andere Energieträger wirken schon bald erstmals stärker auf den Verbrauch als das Wirtschaftswachstum.

In vielen hoch industrialisierten Ländern ist diese Entkoppelung von ökonomischer Entwicklung und Ressourcenverbrauch schon länger zu beobachten. Neu ist, dass sie weltweit in greifbare Nähe rückt. Das zeigt sich auch daran, dass der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid seit drei Jahren kaum noch steigt, während die Weltwirtschaft deutlich wächst.

"Tesla-Schock" für die Ölindustrie

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Beim Öl kommen mehrere Dinge zusammen. In der Stromerzeugung wird das Schwarze Gold zunehmend von anderen Energieträgern wie Gas, Windkraft- und Solaranlagen verdrängt. Autos verbrauchen weniger Benzin und Diesel, weil Motoren effizienter werden. Praktisch alle Industrieländer inklusive China haben Gesetze erlassen, die den Trend stützen.

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Auch der einsetzende Vormarsch der Elektroautos beeinflusst die Berechnungen für die künftige Ölnachfrage bereits spürbar. Als eine "gewaltige Bedrohung" bezeichneten jüngst Analysten der Ratingagentur Fitch Batteriefahrzeuge für das Geschäftsmodell der Ölkonzerne. Diese sollten sich auf einen Durchbruch der E-Autos und auf einen "radikalen Wandel" einstellen, rieten die Experten in der "Financial Times" .

Als erstes dürfte die Industrie den nachlassenden Öldurst beim Benzinabsatz spüren. Schon jetzt habe der weltweite Benzinverbrauch seinen Höhepunkt so gut wie erreicht, hat die Internationale Energieagentur (IEA) festgestellt. Bis 2030 werde der Absatz stagnieren und danach fallen. "Die Elektroautos kommen", zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg  IEA-Chef Fatih Birol und spricht von einem "Tesla-Schock" für die Ölindustrie.

Anders als Shell erwartet die IEA einen Rückgang der globalen Ölförderung aber erst in einigen Jahrzehnten. Die Nachfrage nach Dieselkraftstoff für Lastwagen und Schiffe sowie Kerosin für die Luftfahrt werde Effizienzgewinne noch länger überkompensieren.

Allerdings ist die IEA als extrem konservativ bekannt und hat in der Vergangenheit die Auswirkungen manche Trends nicht erkannt. Dazu zählen die Bohrmethode Fracking und der Vormarsch erneuerbarer Energien.

Als "beste Nachricht, die ein sterbender Patient bekommen kann", bezeichnet deshalb Ölanalyst Philip Verleger den IEA-Report zur immerhin stagnierenden Benzin-Nachfrage. "Raffinerien weltweit können nur hoffen, dass das wahr ist." Wahrscheinlicher sei, dass der Benzinabsatz schon ab etwa 2020 zurückgeht - und nie wieder auf sein altes Niveau zurückkehrt.

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