Umstrittene Auktion Oligarch wirft RWE dubiose Geschäfte in Russland vor

Der Oligarch Leonid Lebedew behauptet, RWE habe bei der Auktion einer staatlichen russischen Firma von vornherein als Gewinner festgestanden. Der Streit darüber gibt interessante Einblicke, wie in Russland mitunter Geschäfte gemacht werden.
Oligarch Lebedew: "Deutsches Nein"

Oligarch Lebedew: "Deutsches Nein"

Ein Sprichwort sagt: "Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns." Es gibt derzeit einige deutsche Konzerne, auf die das zutrifft, Deutschlands zweitgrößter Energieversorger RWE dürfte ganz oben auf der Liste stehen.

2008 wollte der frühere RWE-Chef Jürgen Großmann mit Hilfe des Oligarchen Leonid Lebedew und dessen Firma Sintez auf dem russischen Markt Fuß fassen - was misslang. Seitdem kämpft Lebedew vor Gericht um Schadensersatz. Und erhebt immer neue Vorwürfe gegen RWE.

Sein neuester: Die Deutschen hätten bei einer Auktion gemauschelt. RWE habe bei der Versteigerung eines russischen Staatskonzerns von Anfang an als Sieger festgestanden. SPIEGEL ONLINE liegen interne Dokumente und Zeugenaussagen vor, die diese Behauptung stützen. Und die gleichzeitig interessante Einblicke geben, wie in Russland bisweilen Geschäfte gemacht werden.

Den Angaben zufolge wurde Sintez Mitte Februar 2008 über Vermittler von RWE angesprochen, ob man ein gemeinsames Gebot für die Firma TGK-2 abgeben wolle, einen Stromkonzern mit rund sieben Millionen Kunden und lukrativen Standorten. Die Firma sollte seinerzeit im Zuge der Privatisierung des russischen Energiesektors versteigert werden. TGK-2 sollte die Basis für die Russlandexpansion von RWE werden.

Großmann lud Lebedew in die RWE-Konzernzentrale nach Essen ein und umschmeichelte ihn. Er bot dem Oligarchen sogar an, bei einem von ihm organisierten Oldtimer-Rennen mitzufahren. Auch geschäftlich wurde man sich einig. Sintez sollte über eine Zweckgesellschaft ein Gebot für TGK-2 abgeben und später die Mehrheit der Anteile an RWE weiterreichen. Zurück in Russland begann Lebedew mit den Vorbereitungen des Deals.

"Deutsches Nein"

"In Moskau besprach ich das mögliche Geschäft mit Anatolij Chubais, der die Privatisierung des russischen Energiesektors leitete", erzählt Lebedew. Chubais leitete damals RAO Unified Energy System Of Russia, den staatlichen Energiemonopolisten. "Er sagte mir, dass er eine Beteiligung von Sintez gutheiße; uns müsse nur klar sein, dass er die Mehrheitsbeteiligung an TGK-2 schon RWE zugesagt habe."

Das sei verwunderlich gewesen, sagt Lebedew. Es habe sich doch um ein offizielles Bieterverfahren gehandelt. Wie konnte da der Gewinner vorab feststehen?

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Am 14. März 2008, dem Tag der Versteigerung, habe es dann die nächste Überraschung gegeben, sagt Lebedew. Gut eine Stunde vor Start der Auktion habe ein Sintez-Manager einen Anruf von RWE erhalten. Man habe ihm befohlen, ein sehr niedriges Gebot abzugeben: 2,5 Kopeken pro Aktie. Der Sintez-Vertreter habe gefragt, ob man nicht lieber mehr bieten solle. "Die Antwort war ein deutsches Nein", sagt Lebedew. "So eins, das keinen Widerspruch duldet."

Gegen 14 Uhr schrieb Großmann eine Mail an ausgewählte Mitarbeiter. "Chubais informierte mich soeben telefonisch - schon einige Minuten, bevor es offiziell wäre - dass wir gewonnen hätten", hieß es darin. Wenig später rief Großmann Lebedew an und nannte den Deal einen "Meilenstein der deutsch-russischen Zusammenarbeit".

Dass alles so glattlief, war womöglich kein Zufall. Es habe bei der Auktion nur einen Bieter gegeben, teilt TGK-2 auf Anfrage mit. Illegal sei das nicht.

Merkwürdig ist nur, dass in den Wochen zuvor noch die Namen zahlreicher anderer Interessenten durch die Presse gegangen waren. Genannt worden waren unter anderem der britische Energieriese International Power, der japanische Mischkonzern Mitsui, der deutsche Chemiekonzern Evonik und der russische Investor Prosperity Capital Management.

Die Firmen äußerten sich auf Anfrage nicht dazu, warum sie letztlich kein Gebot abgegeben hatten. Aus russischen Unternehmenskreisen heißt es, die anderen Bieter hätten keine Vorabsprache mit Chubais treffen können - ein Gebot wäre damit aussichtslos gewesen. Lebedew sagt, das Geschäft sei gewissermaßen in der Familie geblieben. RWEs Russlandchef, Carsten Weber-Chubais, sei schließlich der Ehemann der Nichte von Anatolij Chubais.

"Als habe man mir in den Kopf geschossen"

Weder RWE noch Weber-Chubajs nahmen zu Lebedews Vorwürfen Stellung. Großmanns Anwalt wies die Darstellungen des Oligarchen als unzutreffend zurück. Anatolij Chubais bezeichnete Lebedews Äußerungen, er habe RWE einen bestimmten Anteil zugesagt und die Gewinner der Versteigerung hätten schon vor der Auktion festgestanden, als "falsche und unbegründete Unterstellungen".

Eine E-Mail von Weber-Chubais legt anderes nahe. Im Juli 2008 schrieb der damalige RWE-Russlandchef einen Vermerk an Großmann und andere RWE-Manager. Darin heißt es: Sintez hätte den Zuschlag für TGK-2 nie "zu einem solchen 'Dumpingpreis' bekommen, wäre nicht das Management der RAO überzeugt gewesen, dass RWE einen 51/49-Deal hat oder zumindest in absehbarer Zeit bekommt".

Die Sieger der Auktion konnten ihren Erfolg letztlich kaum genießen. Sie stritten sich um Details, um die Verantwortung für Bankenkredite. Der Umgangston wurde zusehends rauer. Im Juli 2008 schaltete Großmann dann sogar seinen Duz-Freund Gerhard Schröder ein.

Hilferuf an den Kanzler: "Lieber Gerd"

"Lieber Gerd", schrieb Großmann an den damaligen Bundeskanzler. "Sintez hat als unser 'Handlanger' den Zuschlag erhalten und fühlt sich jetzt nicht mehr an Abmachungen gebunden. Wie können wir sanften Druck ausüben? Könntest du helfen?"

Der Ex-Kanzler äußerte sich auf Anfrage nicht dazu, ob er auf Großmanns Bitte reagierte. Das Geschäft zwischen Sintez und RWE jedenfalls wurde nicht mehr gerettet.

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Am 17. September 2008 kündigte RWE den TGK-2-Deal auf. Sintez stemmte das Geschäft alleine und ging laut Lebedew fast pleite daran. "Ich fühlte mich, als habe man mir in den Kopf geschossen", sagt der Oligarch.

Lebedew verklagte RWE auf 700 Millionen Euro Schadensersatz. Ende März wies das Essener Landgericht seine Klage ab. Eine Klage gegen Großmann persönlich dagegen erklärte es für zulässig.

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