Importstopp seit Jahresbeginn Was der Verzicht auf russisches Pipeline-Öl bedeutet

Seit Anfang des Jahres verzichtet Deutschland auch auf russische Öllieferungen via Pipeline. Was bedeutet das für die Versorgung und den Ölpreis? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Lieferstopp: Aus Russland beziehen die Raffinerien in Schwedt und Leuna seit Jahresbeginn kein Rohöl mehr über die Druschba-Pipeline. Stattdessen soll Kasachstan liefern.

Lieferstopp: Aus Russland beziehen die Raffinerien in Schwedt und Leuna seit Jahresbeginn kein Rohöl mehr über die Druschba-Pipeline. Stattdessen soll Kasachstan liefern.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Deutschland hat zu Jahresbeginn alle Rohöl-Importe aus Russland gestoppt. Grund ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seit 5. Dezember galt bereits ein EU-Embargo gegen russisches Öl, das per Tanker kommt. Nun folgte auch der Verzicht auf Lieferungen über die Pipeline Druschba. Deutschland und Polen hatten auf EU-Ebene zugesagt, auf das Druschba-Öl zu verzichten. Für andere Länder gibt es Ausnahmen. Die ostdeutschen Raffinerien in Schwedt in Brandenburg und Leuna in Sachsen-Anhalt müssen deshalb die Bezugsquellen umstellen. Der Ölpreis ist trotz der internationalen Sanktionen zuletzt gesunken. Warum? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was bedeutet das für Deutschlands Versorgung mit Öl?

Von den rund 15 Öl-Raffinerien in Deutschland können zwei wegen des Embargos nicht auf voller Auslastung produzieren: die PCK Schwedt und die Mitteldeutsche Raffinerie Leuna. In den beiden ostdeutschen Raffinerien wurde das russische Öl bislang noch nicht vollständig ersetzt. Beide waren bis vor Kurzem besonders abhängig von russischem Rohöl. Denn die Druschba-Pipeline war seit Anfang der 1960er Jahre ihre Hauptversorgungslinie.

Nun soll die Raffinerie in Brandenburg, die etwa 1200 Mitarbeiter beschäftigt und bis vor Kurzem noch dem russischen Ölkonzern Rosneft gehörte, mit Tankeröl arbeiten. Das kommt zum Teil über den Hafen Rostock, zum Teil über den polnischen Hafen Danzig. Zusätzlich soll Kasachstan Rohöl liefern. Die Mitteldeutsche Raffinerie in Sachsen-Anhalt mit etwa 600 Beschäftigten setzt ebenfalls auf Lieferungen über Danzig.

Beide Raffinerien rechnen vorerst mit einer niedrigeren Auslastung als zuvor. Die vertraglich zugesicherten Ölmengen reichten noch nicht aus, erklärte die Mitteldeutsche Raffinerie Leuna zuletzt. Für PCK in Schwedt wird eine Auslastung von zunächst 70 Prozent angenommen – ein Niveau, das nötig ist, damit die Raffinerie überhaupt produzieren kann. PCK-Chef Ralf Schairer sprach von "Mengen für die Mindestauslastung der Raffinerie" im Januar. Hinsichtlich der Sorgen um Versorgungssicherheit in Brandenburg fügte Schairer aber hinzu: "Ich bin mir sicher, dass wir die Raffinerie betreiben und die Region mit Kraftstoffen und Wärme versorgen können."

Die PCK versorgt Berlin und Brandenburg zu 90 Prozent mit Benzin, Kerosin, Diesel und Heizöl. Die Leuna-Raffinerie deckt nach Angaben des Betreibers TotalEnergies weitgehend den Benzinbedarf Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens. Der Bund und das Land Brandenburg halten die Versorgung trotz des Embargos für gesichert.

Wie sicher sind die Ersatzlieferungen aus Kasachstan?

Deutschland will zwar auf russisches Öl verzichten, doch ganz ohne Russlands Infrastruktur wird das kaum möglich sein. Kasachstan ist bereit, Öl nach Deutschland zu liefern. Um Öl nach Europa transportieren zu können, muss das Land in Zentralasien aber auf die russische Pipeline-Infrastruktur zurückgreifen oder auf dem Seeweg über das Kaspische Meer den Rohstoff nach Aserbaidschan bringen, wo er über Pipelines in die Türkei oder an die Schwarzmeerküste von Georgien weitergepumpt werden kann.

Magsum Mirsagalijew, Chef der staatlichen Öl- und Gasgesellschaft Kazmunaygas, sagte, dass sein Unternehmen bereit sei, ab Januar Probelieferungen über die Druschba-Leitung nach Deutschland zur PCK-Raffinerie in Schwedt zu schicken. Die kasachische Pipelinegesellschaft Kaztransoil hat bereits Antrag auf die Durchleitung von 1,2 Millionen Tonnen Öl nach Deutschland in 2023 gestellt. Russland ist nach Angaben der russischen Führung bereit, die Nutzung der Druschba für die Durchleitung kasachischen Öls nach Deutschland zu erlauben. Fraglich bleibt, ob Russland die Erlaubnis nicht irgendwann doch wieder entzieht.

Welche Ölsanktionen hat die EU gegen Russland noch verhängt?

Neben dem Rohölembargo für Seetransporte will die EU ab Februar auch kein verarbeitetes Öl wie Diesel oder Kerosin mehr aus Russland beziehen. Das Öl-Embargo soll es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (70) schwerer machen, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Zudem will die EU einen Preisdeckel für Öl durchsetzen, das Russland an Drittstaaten wie Indien oder China liefert. Moskau verbietet im Gegenzug zum 1. Februar den Verkauf von Öl an Länder, die den Preisdeckel beschlossen haben. Die Embargopolitik ist umstritten. Kritiker halten sie für wirkungslos.

Warum ist der Ölpreis zuletzt dennoch gesunken?

Die Ölpreise sind trotz der Ölsanktionen in den vergangenen Wochen gesunken. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete zum Ende des Jahres 2022 82,02 US-Dollar. Das waren 20 Dollar weniger als noch im August. Marktbeobachter verwiesen auf ein vergleichsweise geringes Handelsvolumen am Ölmarkt kurz vor dem Jahresende und eine allgemein trübe Stimmung an den Finanzmärkten. Zudem bremst der Anstieg der Corona-Infektionen in China den Optimismus für eine bessere konjunkturelle Entwicklung und einer damit verbundenen stärkeren Nachfrage nach Rohöl, hieß es von Marktbeobachtern. Auch der Preisdeckel der EU- und G7-Staaten löste Unsicherheiten auf dem Markt aus in Bezug auf die künftige Ölnachfrage.

Sollte man jetzt Heizöltanks auffüllen?

Einige Marktbeobachter rechnen mit weiteren Preisanstiegen auf den Ölmärkten, da ein Teil der Ölsanktionen noch nicht in Kraft ist. Schließlich bezieht die EU ab Februar auch kein Heizöl und Diesel mehr aus Russland. Laut Experten steht eine Versorgungskrise beim Diesel bevor. Die könnte auch Folgen für die Heizölpreise haben, denn Diesel und Heizöl sind in der Herstellung fast identisch.

dri mit dpa-afxp
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