Sanktionen gegen Russland Warum der Ölpreis zum neuen Risikofaktor für die Wirtschaft wird

In weniger als zwei Wochen ist es so weit: Die EU-Sanktionen gegen Russlands Ölindustrie treten in Kraft. Vieles spricht dafür, dass der Ölpreis nach seiner jüngsten Erholung bald wieder massiv in die Höhe klettert.
Abschied vom russischen Öl: Die Raffinerie von TotalEnergies in Leuna muss vom 5. Dezember an ohne russisches Rohöl auskommen

Abschied vom russischen Öl: Die Raffinerie von TotalEnergies in Leuna muss vom 5. Dezember an ohne russisches Rohöl auskommen

Foto: Katja Buchholz / Getty Images

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Mit dem Rückgang der Energiepreise lastet seit einigen Wochen etwas weniger Druck auf der Wirtschaft. Die Flut von Flüssigerdgas (LNG) aus Übersee, das milde Wetter und die vollen Gasspeicher in Europa haben den Gaspreis massiv nach unten gedrückt – von rund 280 Euro pro Megawattstunde im August auf 116 Euro diese Woche. Der Gaspreis bewegt sich damit immer noch auf dem siebenfachen Niveau wie vor der Gaskrise. Nun aber zeichnet sich ein neuer Risikofaktor ab: der Ölpreis.

Auch dieser Brennstoff ist in den vergangenen Wochen deutlich günstiger geworden. So kostete ein Fass der Rohöl-Nordseesorte Brent statt 115 Dollar wie im Sommer zuletzt nur noch 87 US-Dollar pro Fass. Wichtige Ursache für den Preisrückgang war Chinas Null-Covid-Politik und die deswegen gesunkene Nachfrage auf den Märkten. Vieles spricht jedoch jetzt für eine Wende.

Schon in wenigen Tagen treten die Sanktionen der Europäischen Union (EU) gegen Russland in Kraft – den wichtigsten Öllieferanten der EU. Ab dem 5. Dezember darf dann kein russisches Rohöl mehr über See in die EU fließen. Zeitgleich wird als weitere Sanktion ein Preisdeckel für russisches Öl eingeführt, gemeinsam mit den G7-Staaten. Und im Februar wird dann als dritte Maßnahme das EU-Embargo auch gegen russische Ölprodukte erweitert. All das wird massiven Einfluss auf den Markt haben.

Versicherungsverbot an Rohöl-Embargo geknüpft

Dabei drohen die Sanktionen Anfang Dezember zum größten Preistreiber zu werden. Mit dem sechsten Sanktionspaket hatten die Mitgliedstaaten der EU im Mai beschlossen, dass sie vom 5. Dezember an den Import von russischem Rohöl über den Seeweg boykottieren. Zu einem vollständigen Boykott hatte sich die EU aufgrund großer Abhängigkeiten einzelner Staaten nicht durchringen können. Vor allem Bulgarien, Kroatien und Tschechien sperrten sich; sie profitieren jetzt von Ausnahmeregelungen. Rohöl-Importe über Pipelines wie die Druschba, die beispielsweise Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Deutschland versorgt, bleiben vorerst vom Embargo ausgenommen.

Deutschland hatte sich damals dazu verpflichtet, auch auf das Pipeline-Öl zu verzichten, was vor allem die ostdeutschen Raffinerien in Leuna und Schwedt unter Druck setzte, Ersatzlieferungen zu finden. Nach den jüngsten Warnungen der Bundesregierung ist dort jetzt mit Engpässen und höheren Preisen zu rechnen. "Je nach Szenario sind lokale, temporäre Versorgungsengpässe und Preissteigerungen nicht auszuschließen, vergleichbar mit den Auswirkungen des Rheinniedrigwassers in Teilen Süddeutschlands in diesem Sommer", teilte die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von CDU/CSU  mit.

"Es ist zu erwarten, dass sich fast alle europäischen Unternehmen von Geschäften abwenden werden, die nicht sanktionskonform sind."

Vitol-Chef Russell Hardy

Aber auch auf dem Weltmarkt ist ein Preisanstieg zu erwarten. Denn an das Ölembargo sowie die Preisobergrenze für russisches Öl, die am selben Tag in Kraft tritt, ist auch ein Versicherungsverbot geknüpft. Die Maßnahme verbietet es Unternehmen in der EU, den Transport von russischem Öl in Drittländer, insbesondere über Schiff, zu versichern und zu finanzieren . Auch das dürfte erhebliche Folgen haben.

Auf Initiative der G7-Staaten, wozu neben Deutschland, Italien und Frankreich auch Kanada, die USA, das Vereinigte Königreich und Japan zählen, darf Öl aus Russland nur noch versichert und verschifft werden, wenn es zu oder unter einem bestimmten Preis gehandelt wird. Reeder mit Sitz in der EU und den G7-Staaten transportierten im September 55 Prozent der russischen Rohölexporte  aus der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Die G7 schätzt, dass etwa 95 Prozent der weltweiten Öltankerflotte von Schifffahrtsversicherern in den G7-Ländern gedeckt werden. Kurz gesagt: Die Sanktionen schränken Russlands Option massiv ein, weiterhin Rohöl und Erdölerzeugnisse in die übrige Welt zu exportieren.

Weltmarkt könnten 1 bis 2 Millionen Barrel fehlen

Um die Preisobergrenze zu umgehen, baut Russland laut Marktbeobachtern derzeit eine eigene "Schattenflotte" auf. Vermutet wird, dass sie größtenteils aus ausgedienten Tankern besteht. Aber selbst wenn Moskau mehr Schiffe für sich gewinnen kann, werden Russlands Ölexporte durch die Sanktionen in diesem Winter erheblich zurückgehen, erwartet Russell Hardy, Chef des weltweit größten unabhängigen Energiehändlers Vitol.

"Es ist zu erwarten, dass sich fast alle europäischen Unternehmen von Geschäften abwenden werden, die nicht sanktionskonform sind", sagte der Vitol-CEO der "Financial Times ". So dürften die Exporte laut Hardy trotz der Paria-Flotte um bis zu 1 Million Barrel pro Tag einbrechen. Im Dezember 2021 exportierte Russland laut Internationaler Energieagentur (IEA ) rund 5 Millionen Barrel pro Tag. Allein durch die logistischen Probleme dürfte also zumindest kurzfristig ein bedeutender Teil des globalen Ölangebots wegfallen.

Zu sehen ist dieser Trend schon jetzt. Die aus Russland verschifften Gesamtmengen fielen laut Daten von Bloomberg  vergangene Woche auf ein Neun-Wochen-Tief von nur noch 2,67 Mio. Barrel pro Tag. Damit hat Russland zwei Wochen vor dem Inkrafttreten der Sanktionen bereits mehr als 90 Prozent seines Marktes in Nordwesteuropa verloren, der bisher die Hauptstütze der Lieferungen von den baltischen und arktischen Terminals war. Die wöchentlichen Einnahmen des Kremls aus dem Ölhandel über Seetransporte fielen entsprechend auf 109 Millionen Dollar, den niedrigsten Stand seit Anfang Januar. Im April hatte Moskau zwischenzeitlich 232 Millionen Dollar eingenommen.

Zwar habe Russland in der Zeit seit dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine im Februar mehr als eine Million Barrel Rohöl pro Tag in die Abnehmerländer Indien, China und Türkei umgeleitet, hieß es auch im jüngsten Monatsbericht der IEA. Dies reiche aber nicht, um die weggebrochenen Lieferungen in westliche Industriestaaten vollständig auszugleichen. Und die Lückenfüller könnten ihr Limit erreicht haben, so die IEA-Experten. Sie gehen davon aus, dass die russische Fördermenge bis Ende März 2023 um fast 2 Millionen Barrel unterhalb des Vorkriegsniveaus liegen dürfte.

Russlands Reaktion auf Preisdeckel ist entscheidend

Entscheidend für die Auswirkungen der Sanktionen auf den Ölpreis ist nun vor allem Russlands Reaktion auf die Preisobergrenze. Der Preisdeckel, der dazu gedacht ist, Russland daran zu hindern, sein Öl teuer außerhalb der EU zu verkaufen, wird voraussichtlich zwischen 65 und 70 Dollar pro Barrell russisches Rohöl liegen. Noch haben sich die G7-Staaten nicht auf eine Höhe geeignet.

Für die Allianz ist die Maßnahme ein schmaler Grat. Einerseits wollen sie Russlands Einnahmen aus dem Ölgeschäft reduzieren, mit denen der Kreml den Ukraine-Krieg finanziert. Andererseits müssen sie Moskau einen Anreiz geben, weiterhin Öl zu fördern. Beim Wegfall des russischen Angebots droht ein exorbitanter Anstieg des Ölpreises.

Kreml warnt, nur Öl ohne Preisdeckel zu handeln

Russland hat bereits zu verstehen gegeben, dass die staatlichen Ölkonzerne Rosneft, Lukoil und Co. kein Öl unterhalb der Preisobergrenze verkaufen werden. Das bedeutet: Entweder müssen Russlands Ölriesen alternative Lieferketten entwickeln, um die Maßnahmen zu umgehen, oder Ölförderstätten stilllegen.

Wahrscheinlich ist, dass der Ölpreis zumindest kurzfristig anzieht. Analysten erwarten zwar, dass Russland versuchen wird, die Sanktionen auszuhebeln. "Wir gehen davon aus, dass ein großer Teil des russischen Rohöls über nicht-westliche Schiffsversicherungen und -dienstleistungen transportiert werden wird", schätzt Shin Kim, Leiter der Abteilung Öl- und Gasversorgungsanalysen bei S&P Global Commodity Insights in einer Analyse . Aber Russland werde es wohl nicht schaffen, das gesamte boykottierte Öl umzuleiten. Für das erste Quartal 2023 rechnen die Analysten mit 1,5 Millionen Barrell pro Tag, die dem Weltmarkt aufgrund der Exporthürden aus der russischen Ölförderungen fehlen. Mit der Zeit dürfte der Preis aber wieder nachgeben, wenn Russland weitere Umgehungsmöglichkeiten für die Sanktionen findet und wieder mehr Öl am Markt verfügbar wird.

Hilfe dürfte Wladimir Putin (70) dabei von seinem neuen Verbündeten Iran bekommen, der Erfahrung damit hat, Strafmaßnahmen etwa mit Öltransporten auf hoher See unter dem Radar zu umgehen. Und fraglich bleibt auch, ob sich die großen Abnehmer Indien und China die Preise vom Westen vorschreiben lassen. US-Finanzministerin Janet Yellen (76) sagte kürzlich, Indien könne weiterhin so viel russisches Öl kaufen, wie es wolle, auch zu Preisen über dem Preisdeckel – solange das Land sich von westlichen Versicherungs-, Finanz- und Seedienstleistungen fernhält. So oder so: Russland werde es sehr schwer haben, wenn die EU kein russisches Öl mehr kauft, sagte Yellen. "Sie werden auf der Suche nach Käufern sein. Und viele Käufer sind auf westliche Dienstleistungen angewiesen." Es gibt also Gründe genug anzunehmen, dass das Angebot sinkt und der Preis für Rohöl in den kommenden Wochen kurzfristig in die Höhe schießen könnte.

Dieselkrise in Europa steht bevor

Spätestens im neuen Jahr dürften dann auch die Dieselpreise ordentlich zulegen. Denn am 5. Februar greifen die nächsten Sanktionen: das Embargo der EU für russische Ölprodukte. Das betrifft etwa Importe von Heizöl und Diesel. Nach Einschätzung von Experten steht Europa dann ein Schock bei der Versorgung mit Diesel bevor.

Russland ist immer noch Europas größter Diesellieferant. Daran hat sich auch neun Monate nach Beginn des Kriegs nichts geändert. Von Februar an dürfte Europa mehr Diesel aus dem Nahen Osten und Indien, die zweit- und drittgrößten Diesellieferanten Europas, beziehen. Das ist aber mit enormen finanziellen Kosten verbunden, so Benedict George, Dieselexperte beim Preisberichterstatter Argus Media kürzlich in einer Analyse . "Jedes zusätzliche Barrel, das Europa kauft, muss von asiatischen Käufern zu immer höheren Kosten gewonnen werden."

Preistreibend wirken auch die ungewöhnlich geringen Lagerbestände. Aufgrund der derzeitigen Preisstruktur am Terminmarkt, der sogenannten Backwardation, lohnt es sich für die Verkäufer mehr, den Diesel jetzt zu verkaufen als ihn einzulagern. Im Frühjahr werden die Dieselvorräte in Nordwesteuropa daher auf den niedrigsten Stand seit mindestens 12 Jahren fallen, prognostiziert das Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Jetzt füllen die Händler ihre Läger noch einmal mit russischem Diesel auf, bevor ihr Hauptlieferant in zwei Monaten wegfällt.

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