Investitionen in Erneuerbare Wie die Ölmultis BP und Shell vom Öl wegkommen wollen

Bei Shell und BP sprudeln die Gewinne. Investoren, Gerichte und Aktivisten drängen darauf, diese für den Konzernumbau zu nutzen. Wie sich die beiden Ölriesen für eine Zukunft ohne fossile Energien neu aufstellen – und per "Greening" versuchen, für Aktionäre attraktiv zu bleiben.
Shell Rheinland Raffinerie: Im Werk Wesseling will der Ölriese ab 2025 kein Rohöl mehr verarbeiten, sondern Wasserstoff und Biokraftstoffe produzieren.

Shell Rheinland Raffinerie: Im Werk Wesseling will der Ölriese ab 2025 kein Rohöl mehr verarbeiten, sondern Wasserstoff und Biokraftstoffe produzieren.

Foto: Christoph Hardt / imago images/Future Image

Der Boom der Energiepreise hat den Öl- und Gasriesen BP und Shell nach einem verlustreichen Jahr 2020 im vergangenen Jahr wieder deutliche Gewinne beschert. BP erzielte 2021 sogar das beste Ergebnis seit acht Jahren, wie der Konzern im Februar mitteilte. Netto verdiente das Unternehmen 7,56 Milliarden Dollar. Sein britisch-niederländischer Rivale Shell, der kürzlich das "Royal Dutch" aus seinem Namen strich, machte rund 20 Milliarden Dollar Gewinn.

Ein Jahr zuvor hatten die beiden Öl- und Gaskonzerne noch rote Zahlen geschrieben. Die Ölpreise waren aufgrund des Überangebots insbesondere zu Beginn der Pandemie eingebrochen. Ölkonzerne mussten daraufhin einige Milliarden Dollar auf die Bewertung von Terminkontrakten für Rohstoffe abschreiben, die sie zur Absicherung von Schwankungen an den Märkten abgeschlossen hatten. Zusätzlich sorgte Hurrikan Ida für Schäden an den Förderanlagen und für Ausfälle bei der Produktion.

Bei Shell hatte dies im Jahr 2020 unter dem Strich zu einem Verlust von 21,7 Milliarden Dollar geführt. BP verbuchte einen Verlust von 20,3 Milliarden Dollar.

Deutliche Erholung nach dem Horrorjahr 2020

Seitdem erholte sich das Geschäft von Shell gemessen am Nettoergebnis stärker als das der britischen Konkurrenz. Dagegen legte BP mit seinem Umsatzwachstum in Höhe von knapp 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein wenig stärker zu als Shell. Beide Konzerne profitierten von höheren Preisen für Öl, Strom und Flüssiggas, die wegen des knappen Gasangebots und einer gestiegenen Nachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Erholung deutlich anzogen.

So stiegen etwa die maßgeblichen europäischen Gaspreise und die asiatischen Erdgaspreise im vierten Quartal auf Rekordniveaus. Im November sagte BPs CEO Bernard Looney, das Unternehmen sei bei den aktuellen Niveaus der Öl- und Gaspreise eine "Geldmaschine".

Die Ukraine-Krise spült den Öl- und Gasmultis jetzt noch zusätzlich Geld in die Kassen. Bedenken um kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine und damit verbundene knappe Ölbestände treiben den Preis für Rohöl der Nordseesorte Brent nahe 100 Dollar je Fass. Das dürfte die Gewinne der beiden Energieriesen auch im ersten Quartal 2022 hochhalten.

Ölpreisentwicklung seit 2019

Investoren, Regierungen und Gerichte machen Druck

Die Konzerne verdienen also wieder prächtig. Aber der Druck zum Umbau mit Blick auf den Klimawandel ist gewachsen. Aktivisten, Regierungen, Gerichte und Investoren zwingen die Ölkonzerne dazu, nachhaltiger zu werden.

Große institutionelle Investoren kehren Öl- und Gasfirmen den Rücken und legen ihr Geld eher in nachhaltigen Geschäften an. Der große Pensionsfonds ABP aus den Niederlanden kündigte im Oktober an, seine Beteiligungen an der Öl-, Gas-, Auto- und Luftfahrtindustrie im Wert von 15 Milliarden Euro bis 2023 zu verkaufen, darunter auch seine Anteile an Shell. Auch bei anderen Investoren gewinnt das nachhaltige Investieren entlang sogenannter ESG-Kriterien ("ESG" steht für "Environmental, Social and Governance") an Bedeutung.

Was auch für einen schnellen Umbau der Industrie spricht, ist die Sorge vor aggressiven klimaaktivistischen Investoren. BP und Shell wollen nicht das Gleiche erleben wie der amerikanische Rivale Exxon Mobil. Ein Mini-Hedgefonds brachte 2021 drei eigene Kandidaten im Exxon-Verwaltungsrat durch. Sein Ziel: Den Ölgiganten für den Klimaschutz kräftig umzukrempeln.

Für die beiden Ölriesen wäre es also strategisch sinnvoll, die wieder sprudelnden Gewinne für den Umbau zu nutzen. Dies tun sie auch – setzen aber unterschiedliche Akzente. Und auch die Aktionäre will man bedienen – was den Spielraum für Investitionen eingrenzt.

Milliarden für Aktienrückkäufe und für Dividenden

Die hohen Gewinne stecken sowohl Shell als auch BP daher zum Teil in Aktienrückkäufe in Milliardenhöhe. Shells Konzernchef Ben van Beurden (63) kündigte außerdem an, die Dividende je Aktie für das erste Quartal um vier Prozent zu erhöhen. Für 2022 sollen die Investitionen laut Van Beurden am unteren Ende der 23 bis 27 Milliarden-Spanne liegen nach 20 Milliarden im vergangenen Jahr.

BP zeigte sich bei der Dividende vorerst zurückerhaltend. Für das vierte Quartal 2021 behält der Konzern die Dividende mit 5,46 US-Cent je Aktie konstant. Der BP-Chef Bernard Looney (52) plant, die Investitionen auf 14 bis 15 Milliarden US-Dollar zu erhöhen nach 12,8 Milliarden im Vorjahr. "Wir beschleunigen das Greening von BP", so Looney.

Das "Greening" beschleunigen: BP plant mit RWE eine Wasserstoff-Infrastruktur

BP will seine Öl- und Gasproduktion bis 2030 um 40 Prozent drosseln (gemessen an dem Niveau von 2019) und gleichzeitig das Geschäft mit erneuerbaren Energien ausbauen. Gesteigert werden sollen die "kohlenstoffarmen" Investitionen, etwa in den Bereichen Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Wasserstoff und Bioenergie einschließlich Biokraftstoffe, Biogas und nachhaltiger Flugkraftstoff. Diese Wachstumsfelder sollen bis 2025 mehr als 40 Prozent der gesamten Investitionsausgaben bei BP ausmachen und 2030 auf rund 50 Prozent ansteigen.

Beim Thema Wasserstoff kooperiert BP in Deutschland unter anderem mit RWE. Gemeinsam mit anderen Partnern wollen sie eine grenzüberschreitende Infrastruktur für Wasserstoff aufbauen. In Lingen im Emsland, wo sich eine der beiden deutschen BP-Raffinerien befindet, soll RWE mithilfe von zwei Elektrolyseuren bald grünen Wasserstoff erzeugen. Ab 2024 soll damit die größere BP-Raffinerie in Gelsenkirchen versorgt werden. Für den Transport des Wasserstoffs sollen bestehende Leitungen des Gasnetzes genutzt werden.

Die Kooperationspartner, die sich für das Projekt unter dem Namen "GET H2" 2021 auf eine Förderung beim Bundeswirtschaftsministerium bewarben, planen, durch den Einsatz des grünen Wasserstoffs in Raffinerien, in der Stahlproduktion und anderen Industriebereichen bis 2030 rund 16 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

In einer weiteren Kooperation mit dem dänischen Energieunternehmen Ørsted, Weltmarktführer im Bereich Offshore-Windenergie, plant BP den Bau eines 50 Megawatt-Elektrolyseurs für die Produktion von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab in Lingen. Diese könnte mit Strom aus einem Offshore-Windpark von Ørsted beliefert werden. Auch dafür beantragte BP eine Förderung.

Windparks vor Küste Schottlands - 15 Prozent Anteil mit erneuerbaren Energien bis 2030

Wie die anderen Ölriesen investiert auch BP in Windparks, onshore wie offshore. Im Januar erhielt BP gemeinsam mit dem Karlsruher Energiekonzern EnBW bei einer Auktion den Zuschlag für ein fast drei Gigawatt umfassenden Windpark vor der schottischen Ostküste.

Erst in einigen Jahren werden Investoren sehen, ob die Strategie aufgeht. Kim Fustier, Öl- und Gasanalystin bei der HSBC Bank, sagte 2021, dass selbst die relativ schnelle Transformation von BP nicht weit genug gehe, um Klimaschäden zu reduzieren. Sie erwartet, dass die Einnahmen von BP aus erneuerbaren Energien und kohlenstoffarmen Geschäften bis 2025 nur 4 bis 5 Prozent der Gesamteinnahmen und bis 2030 10 bis 15 Prozent ausmachen werden.

Shell will Ölproduktion bis 2030 jedes Jahr um bis 2 Prozent senken

Auch Shell treibt den Konzernumbau voran, um die Abhängigkeit von fossilen Energien zu verringern. Ein niederländisches Gericht verpflichtete den Ölriesen im Mai 2021 in einem historischen Urteil dazu, seine Emissionen deutlich stärker zu reduzieren, als er sich vorgenommen hatte. Geklagt hatten Umweltschützer mit Verweis auf die im Pariser Abkommen formulierten Klimaschutzziele. Shell verschärfte daraufhin im Herbst 2021 seine Ziele, kündigte aber auch an, gegen das Urteil Berufung einzulegen.

Der Konzern nahm sich vor, die Emissionen aus dem Betrieb selbst sowie aus der zugelieferten Energie bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren, gemessen am Niveau von 2016. Bis 2030 plant Shell seine Ölproduktion pro Jahr um durchschnittlich ein bis zwei Prozent zu reduzieren, bis 2050 will er komplett klimaneutral sein. Letzteres hat sich auch BP vorgenommen.

Analystin Lydia Rainforth von der britischen Investmentbank Barclays sieht darin auch Chancen für Aktionäre. Shell sei inzwischen dabei, sich mit seiner kundenorientierten Powering-Progress-Strategie von anderen Unternehmen abzuheben. In Verbindung mit steigenden Ausschüttungen an die Aktionäre dürfte dies den Aktienkurs antreiben.

Umbau wird auch in Deutschland langsam sichtbar

Der Umbau von Shell wird in Deutschland langsam sichtbar. Der Konzern kündigte 2021 die Verkäufe von acht Raffineriebeteiligungen weltweit an, darunter die deutsche PCK Schwedt Raffinerie in Schwedt/Oder in der Uckermark, an der Shell 37,5 Prozent kontrolliert. Seinen größten Raffineriebetrieb in Deutschland, die Rheinland Raffinerie mit den beiden Werken Köln-Godorf und Wesseling, will der Konzern zu einem Energie- und Chemiepark umbauen.

Als alleiniger Betreiber plant Shell in Wesseling ab 2025 kein Rohöl mehr zu verarbeiten, sondern in neuen oder umgewidmeten Anlagen unter anderem Wasserstoff oder Biokraftstoffe zu produzieren. Im benachbarten Werk Köln-Godorf soll die Raffinerie bis auf Weiteres jedoch in Betrieb bleiben.

Der Elektrolyseur: 2021 nahm Shell die Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff auf dem Gelände der Rheinland Raffinerie in Wesseling in Betrieb.

Der Elektrolyseur: 2021 nahm Shell die Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff auf dem Gelände der Rheinland Raffinerie in Wesseling in Betrieb.

Foto:

Klaus W. Schmidt / imago images

Anlage für synthetische Flugkraftstoffe

Bereits im Juli 2021 nahm der Konzern in Wesseling eine 10-Megawatt-Anlage zur Herstellung von grünem Wasserstoff in Betrieb, eine weitere Elektrolyseanlage mit einer Leistung von 100 Megawatt ist geplant. Daneben soll dort eine Anlage entstehen, in der aus grünem Strom und Biomasse synthetische Flugkraftstoffe und Rohbenzin hergestellt werden können. Das jüngste Beispiel dafür, wie sich der Ölriese für den Klimawandel rüstet, ist der Bau einer Anlage für Flüssiggas auf Gülle-Basis. Mit dem "Bio-LNG" könnten ab 2023 4000 bis 5000 Lastkraftwagen betankt werden. Dies soll im Vergleich zu einem konventionellen Diesel-Lkw laut Shell jährlich bis zu einer Million Tonnen CO2 einsparen.

Das Tempo beim Umbau des Energieriesen sehen einige Beobachter kritisch. "Unsere Sorge ist, dass Shell sich in Richtung Geschäfte mit geringerer Rendite/niedrigerem Wert bewegt und rentable Aktivitäten zu früh aufgibt", sagten Analysten von UBS, nachdem Shell 2021 seinen Netto-Null-Plan dargelegt hatte, wie S&P mitteilte. "Die Strategie für den Umbau muss sowohl nach ihren wirtschaftlichen als auch nach ihren ökologischen/ESG-Werten beurteilt werden."

Im Zuge der Umstrukturierung verlagerte der britisch-niederländische Konzern kürzlich seinen Sitz von den Niederlanden nach Großbritannien und gab seine komplexe Aktienstruktur auf. Der Umzug dient Shell dazu, Steuern zu sparen und einen Konflikt mit dem aktivistischen Investor Third Point zu entschärfen. Dieser hat eine große Beteiligung an dem Ölkonzern und forderte die Aufspaltung des Ölkonzerns in zwei eigenständige Unternehmen, damit Shell für Aktionäre attraktiver wird.

Wasserstoff-Technologie braucht noch Zeit

Ein Hindernis ist auch, dass es mit der Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff noch ein weiter Weg ist. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) liegt der Wirkungsgrad von Elektrolyseursystemen heute zwischen 60 und 81 Prozent je nach Technologietyp und Auslastungsgrad. Zum Einsatz des grünen Wasserstoffs in großem Stil braucht es folglich große Mengen Ökostrom.

Für den Aufbau von Wasserstoffstationen, in die Shell in Deutschland zusammen mit Partnern investiert, fehlt es bislang noch an Abnehmern. Denn noch immer gibt es nur wenige und teure Brennstoffzellen-Autos auf dem Markt. Hyundai und Toyota bieten die ersten "serienmäßigen" Brennstoffzellen-Fahrzeuge an, Mercedes hat sein Modell schon wieder vom Markt genommen. Derzeit stehen in Deutschland 130 Wasserstoff-Tankstellen, die Zahl der herkömmlichen Zapfsäulen liegt bei rund 14.500.

Aktienkurse nähern sich Vorkrisenniveau an

An der Börse geht es für beide Konzerne seit Herbst 2021 wieder bergauf. Nachdem sich die Aktienkurse beider Konzerne zwischen Januar und März 2020 halbierten und ihren Tiefpunkt dann im Herbst 2020 erreichten, nähern sie sich inzwischen fast wieder dem Vorkrisenniveau an. BP, dessen Aktie 2020 sogar zwischenzeitlich für nur noch 2,21 Euro an den Börsen gehandelt wurde, legte 2021 um rund 38 Prozent an Börsenwert zu. Der Rivale Shell ist mit einer Marktkapitalisierung von 182 Milliarden Euro rund doppelt so schwer. Der Konzern gewann 2021 rund 30 Prozent an Wert.

Was den Umbau der beiden Ölriesen bremst, sind unter anderem die kurzfristigen Interessen der Aktionäre. Denn auch sie wollen einen Teil vom Kuchen haben und bei den Investitionen zu sauberen Energien mit hohen Dividenden und Aktienrückkäufen bei Laune gehalten werden. Die Transformation werde alles andere als konfliktfrei,  sagte kürzlich Ex-Staatssekretär und Schattenpapst der Energiewende Rainer Baake. Es kommt also auf das richtige Timing an.