Nach Wartungsarbeiten Reduzierte Gaslieferungen durch Pipeline Nord Stream 1 angekündigt

Der deutsche Netzbetreiber Gascade betreibt die beiden Empfangspunkte von Nord Stream 1 im vorpommerschen Lubmin. Für beide Punkte sind nun Gaslieferungen angekündigt. Wie viel tatsächlich ankommt, ist offen, zumal Russlands Präsident Putin eine Kürzung der Lieferungen andeutet. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen spricht von "Erpressung".

Gas könnte wieder fließen: Vorläufige Daten des Netzbetreibers Gascade haben Lieferungen für Empfangspunkte von Nord Stream 1 im vorpommerschen Lubmin (Bild) vorgemerkt

Gas könnte wieder fließen: Vorläufige Daten des Netzbetreibers Gascade haben Lieferungen für Empfangspunkte von Nord Stream 1 im vorpommerschen Lubmin (Bild) vorgemerkt

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Nach dem Ende einer Routinewartung sind für Donnerstag Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 angekündigt. Das geht aus vorläufigen Daten des Netzbetreibers Gascade vom Mittwochnachmittag hervor. Gascade betreibt die beiden Empfangspunkte von Nord Stream 1 im vorpommerschen Lubmin. Für beide Punkte sind laut Gascade-Website Gaslieferungen vorgemerkt.

Diese Vormerkungen – sogenannte Nominierungen – seien Voraussetzung, damit nennenswerte Mengen transportiert werden können, hatte eine Gascade-Sprecherin zuvor erklärt. Die Anmeldungen können sich demnach allerdings noch bis kurz vor der tatsächlichen Lieferung ändern. Schon in der Nacht zum Mittwoch hatte Kremlchef Wladimir Putin (69) Lieferungen auch nach der Wartung angedeutet. "Gazprom erfüllt seine Verpflichtungen, hat sie stets erfüllt und ist gewillt, weiterhin alle seine Verpflichtungen zu erfüllen", zitiert die russische Agentur Interfax Putin.

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller (51), betonte, die Nominierungen könnten sich auch noch ändern. Nach zunächst nominierten 800 Gigawattstunden lägen sie nach einer Änderung durch Gazprom nun für Donnerstag bei 530 Gigawattstunden, teilte Müller mit. Das entspreche 30 Prozent der Auslastung. "Weitere Änderungen sind möglich", betonte Müller.

Während der vergangenen anderthalb Wochen war wegen einer jährlichen Routinewartung kein Gas durch die zuletzt wichtigste Verbindung für russische Erdgas-Importe nach Deutschland geliefert worden. Die Bundesregierung hatte befürchtet, Putin könnte den Gashahn auch danach geschlossen lassen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatte der Westen Sanktionen gegen Russland verhängt. Russland wiederum hat Gaslieferungen an europäische Länder gedrosselt oder ganz gestoppt.

Wie viel Gas fließen wird, bleibt vorerst unklar

Die nun vorgemerkten Gaslieferungen deuten zumindest darauf hin, dass überhaupt wieder Gas fließt. Wie viel Gas tatsächlich ab Donnerstag kommt, verraten die nun vorliegenden Daten allerdings nicht.

Schon vor Beginn der Wartung von Nord Stream 1 hatte der russische Staatskonzern Gazprom die Lieferungen durch die mehr als 1200 Kilometer lange Pipeline auf 40 Prozent gedrosselt und dies mit dem Fehlen einer Turbine begründet. Putin warnte zuletzt vor einem weiteren Absenken der Liefermenge, sollte Russland die in Kanada reparierte Turbine nicht zurückerhalten. Sie wurde wegen der westlichen Sanktionen lange zurückgehalten. Zuletzt hatte Kanada entschieden, die Turbine an Deutschland zu übergeben. Am Sonntag soll sie mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht worden sein.

Die Bundesregierung sieht in dem Verweis auf die Turbine einen Vorwand. Der russische Energiekonzern Gazprom wiederum erklärte, dass er trotz Anfrage immer noch keine Dokumente für die bei Nord Stream 1 gebrauchte Turbine erhalten habe – und stellte so die Sicherheit des Pipelinebetriebs infrage.

Putin hatte am Mittwoch gesagt, dass die Kapazitäten weiter reduziert werden könnten, weil die Wartung bestimmter Bestandteile der Nord Stream 1-Pipeline nur langsam vorankämen. Russlands Präsident betonte, die Verantwortung für reduzierte Kapazitäten liege nicht bei Gazprom. Man könne auch noch nicht beurteilen, in welchem Zustand die gewartete Turbine zurückgegeben werde. "Sie sagen, dass die diese Maschinen zurückgeben - zumindest eine davon. Aber in welchem Zustand werden sie zurückgebracht, wie sind die technischen Parameter nach dieser Reparatur", fragte Putin bei einer im Fernsehen übertragenen Veranstaltung.

Will Putin den Betrieb von Nord Stream 2 erzwingen?

Putin brachte zudem die weitgehend parallel verlaufende, fertiggestellte, aber nicht betriebene Pipeline Nord Stream 2 erneut ins Spiel. Nach der russischen Invasion in die Ukraine setzte Deutschland das Genehmigungsverfahren für den Betrieb der Leitung aus. Putin hatte schon in der Vergangenheit erklärt, der Betrieb von Nord Stream 2 könnte die Gaspreise senken. Denkbar wäre, dass Moskau die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 durch die Drosselung von Nord Stream 1 erzwingen will. Das Genehmigungsverfahren bleibe ausgesetzt, erklärte allerdings die Bundesnetzagentur am Mittwoch.

In Brüssel sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (63), dass sie den völligen Stopp von Lieferungen Russlands für ein "wahrscheinliches Szenario" halte. "Russland erpresst uns. Russland setzt Energie als Waffe ein", sagte von der Leyen weiter. "Und deshalb muss Europa in jedem Fall bereit sein, egal ob es sich um eine teilweise oder vollständige Kürzung des russischen Gases handelt." Die EU-Kommission rechnet damit, dass das Bruttosozialprodukt bei einem völligen Stopp der russischen Lieferungen im Schnitt der EU-Länder um 0,9 bis 1,5 Prozent sinken könnte.

Die Bundesregierung betonte, technische Probleme seien nur vorgeschoben für die geringeren Gasmengen. Die aus Kanada gelieferte Turbine sei erst für einen Einsatz im September vorgesehen gewesen, hatte das Wirtschaftsministerium mitgeteilt. Eine Regierungssprecherin wollte am Mittwoch nicht sagen, ob die betroffenen deutschen Gasimporteure wie Uniper Gazprom nun verklagen. Die Bundesregierung bemüht sich derzeit wie andere EU-Staaten und die EU-Kommission im Eiltempo, Gaslieferungen aus anderen Ländern als Ersatz für russisches Gas zu erhalten. Die Regierung plant dabei mit bis zu fünf LNG-Terminals an der deutschen Küste. Anders als bei Kohle und Öl gibt es aber keine EU-Sanktionen gegen Gaslieferungen aus Russland.

rei, sio/dpa-afx/Reuters
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