Energie "Viele Faktoren sprechen dauerhaft für die USA"

Mehrere Technologiesprünge mischen die Energiewelt auf: Fracking ermöglicht die Förderung gewaltiger Öl- und Gasreserven, zudem breiten sich erneuerbare Energien rasant aus. Die McKinsey-Berater Thomas Vahlenkamp und Michael Peters erklären, wie Deutschland in dieser Lage bestehen kann.
Fracking in den USA (Wyoming): Dauerhaft billiges Öl und Gas?

Fracking in den USA (Wyoming): Dauerhaft billiges Öl und Gas?

Foto: Bruce Gordon / EcoFlight

mm: Herr Vahlenkamp, Deutschland hat sich bei der Energiewende weit vorgewagt. Haben wir uns übernommen oder kriegen wir die Kurve?

Vahlenkamp: Die politische Entscheidung für die Energiewende in Deutschland war und ist richtig. Allerdings ist die Energiewende nicht auf dem Erfolgspfad. Die Explosion der EEG-Umlage ist nur ein Anzeichen für Schwächen in der Umsetzung.

mm: Die Industrie warnt eindringlich davor, dass Strom in Deutschland zu teuer sei. Doch wie eindeutig ist das Bild? Gerade die energieintensive Industrie ist doch von vielen Abgaben entlastet und zahlt mitunter deutlich weniger für Strom als in anderen Ländern.

Vahlenkamp: Die Preise für Industriestrom in Deutschland liegen nach Angaben von Eurostat aktuell rund 18 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Das verschlechtert eindeutig die Wettbewerbsposition vieler Firmen. Die Folgen sehen wir beispielsweise in der Chemieindustrie: Investitionen werden verlagert, damit wird das Wachstum in Deutschland beschnitten. Selbstverständlich kommt es immer auf den Einzelfall an. Aber generell steht die Industrie in Deutschland beim Strom unter einem enormen Kostendruck. Viele mittelständische Metallverarbeiter wären nicht mehr profitabel, wenn sie die vollen Umlagen und Abgaben auf Strom bezahlen müssten.

mm: In der Chemiebranche geht es aber eher um Gas. Da kann die Politik viel weniger steuern als beim Strom. Fallen wir hoffnungslos hinter die USA zurück?

Vahlenkamp: Wir beobachten zwei Effekte, die den Kostenabstand vergrößern. Die deutsche Politik macht Energie teurer für die Volkswirtschaft, gleichzeitig senkt der Schiefergasboom die Preise in den USA. Dort liegt der Gaspreis um zwei Drittel unter dem Niveau von 2008 - bei vier bis fünf Dollar pro MMBtu. Zuletzt ist er zwar etwas gestiegen, weil angesichts des Preisverfalls kaum jemand neue Förderprojekte anstößt, trotzdem liegt er immer noch weit unter den Preisen hier in Europa. Für Schiefergas wären nach groben Schätzungen in Europa acht bis zehn Dollar pro mmBTU realistisch. Geologie und Umweltbestimmungen machen das Gas hier teurer als in den USA.

mm: Zuletzt ist der Gaspreis in Europa aber stark gesunken, Gas war in den USA nur noch etwa 20 Prozent billiger (Spotmarkt). Wird sich die Schere wieder öffnen?

Vahlenkamp: Vor allem der milde Winter in Europa hat zu einem deutlichen Rückgang der Gaspreise geführt. Allerdings ist Gas in den USA zurzeit immer noch rund ein Drittel günstiger als in Europa. Die langfristigen Lieferverträge in den USA deuten darauf hin, dass der Kostennachteil Europas bestehen bleibt. Firmen können in den USA über 20 Jahre Gas für unter fünf Dollar pro MMBtu beziehen. Wenn Sie jetzt beispielsweise eine chemische Großanlage bauen, bekommen Sie die langfristige billige Versorgung mit Gas dazu. Es gibt nur ein Risiko: Kann der Gaslieferant das durchhalten und seine Kosten decken?

"Die Energieversorgung wird sich umstellen"

mm: Sollte der Gaspreis in den USA wieder steigen, steigt auch der Strompreis. Dann wäre der Vorteil schnell dahin - und Deutschland würde von seinen erneuerbaren Energien profitieren.

Vahlenkamp: Dann käme in vielen Regionen der USA die Kohle wieder ins Spiel. Kohleproduzenten leiden momentan massiv. Die Nachfrage im Inland ist wegen der niedrigen Gaspreise sehr gering, nur der Export rettet manche Minenbetreiber. Doch sobald die Gaspreise steigen, kommt die Kohle Stück für Stück wieder ins Geschäft. Dieser Mechanismus wirkt dämpfend auf die US-Strompreise.

mm: Demnach könnten Deutschland und Europa den Energiepreis-Wettstreit mit den USA gar nicht gewinnen.

Peters: Viele Faktoren sprechen beim Preis dauerhaft für die USA, bei der fossilen, aber auch bei erneuerbarer Energie. Gas und Kohle sind günstiger in den USA und werden es voraussichtlich über die nächsten Jahre bleiben, weil es heimische Rohstoffe sind. Die USA verfügen aber auch über mehr natürliche Ressourcen, wie die Sonnenenergie. Die einzelne Kilowattstunde Strom aus Photovoltaikanlagen wird in den USA immer billiger sein als in Deutschland. Dasselbe gilt für die Windenergie und auch die Biomasse. Die USA haben mehr Land zur Verfügung und eine bessere Sonneneinstrahlung, daher wächst mehr Biomasse. Das sind Faktoren, die Bestand haben werden, das können wir nur mit höherer Produktivität in anderen Bereichen ausgleichen.

mm: Das heißt, Deutschland hat die erneuerbaren Energien mit Milliardenaufwand zum Leben erweckt, nur um dadurch einen neuerlichen Ressourcen-Nachteil zu bekommen? Wie wichtig werden Sonne und Wind für den Industriestandort der Zukunft langfristig tatsächlich sein?

Vahlenkamp: Deutschland bezahlt ohne Zweifel einen erheblichen Teil der Entwicklungskosten für erneuerbare Energien, insbesondere Solar -Photovoltaik. Die Energieversorgung wird sich über die Jahrzehnte umstellen. Wir reden auf keinen Fall über ein Mittelfristszenario.

mm: Geht es nicht eventuell schneller? Wind und Sonne sind beim Vergleich von Kraftwerks-Neubauten schon heute die billigsten Energiequellen in vielen Teilen der USA, etwa in Texas und Kansas.

Vahlenkamp: Hier und dort mag es schneller gehen. Doch weltweit steigt der Energieverbrauch um etwa 25 Prozent bis 2030, und deshalb sind in der Regel noch konventionelle Energiequellen gefragt. Würde sich heute ein Unternehmen oder ein Land darauf verlassen, dass es den nur Strom aus Windkraftanlagen bezieht? Niemals. Die Rechnung geht für Gas viel besser auf, da kann man sich für 20 Jahre sicher sein, den Strom zu bekommen, den man braucht.

"Die USA haben bei der Solarenergie einen riesigen Vorteil"

mm: Wie steht es um die großen industriepolitischen Träume, die Deutschland mit der Energiewende verbunden hat? Immerhin ist Solarworld noch nicht pleite gegangen…

Vahlenkamp: Solarmodule sind heutzutage fast austauschbare Massenware. In China wird nun mal billiger produziert.

Peters: Mit der Förderung der Solarenergie hat Deutschland eine Technik gewählt, bei der das Land Standortnachteile hat. Da geht es beispielsweise um Energiepreise und Arbeitskosten, die in China niedriger sind. Zweitens wäre es ökonomisch sinnvoller gewesen, die Lerneffekte im Bereich der Solartechnologie durch Zubau in sonnenreichen Regionen der Welt, etwa dem Südwesten der USA zu generieren, da dort die Erzeugungskosten etwa 50 Prozent unter dem deutschen Niveau liegen.

mm: Gewinnt China das Endspiel um die Energiegewinnung der Zukunft?

Peters: Vergessen wir nicht die USA. Das Land hat einen großen Heimatmarkt mit attraktiven Sonnen- und Windressourcen. Dort haben heimische Unternehmen Vorteile und können schnell wachsen.

mm: Und Deutschland darf sich rühmen, mit Milliardensummen diese Entwicklung angeschoben zu haben. Profitieren tun andere. Keine schöne Aussicht.

Vahlenkamp: Ja, aber es gibt Ausnahmen insbesondere dort, wo es um technische Differenzierung geht: Die Hersteller von Wechselrichtern für Solaranlagen stehen beispielsweise weiter vergleichsweise gut da.

mm: Wie kann Deutschland so viel wie möglich von seiner Vorreiterrolle in die Zukunft retten?

Vahlenkamp: Über einen Preiskampf wird es nicht gehen. Da wir ein Technik-Land sind, müssen wir in diesem Bereich unsere führende Rolle verteidigen. Bei der Energiewende sollten wir verstärkt auf Systemintegration, Versorgungssicherheit und Kosten achten, damit die Energiewende gelingt.

mm: Welche Unternehmen können mittel- bis langfristig von der Energiewende in Deutschland profitieren?

Vahlenkamp: Die Dezentralisierung der Energiewirtschaft bietet vielen Firmen Chancen, da wird sich viel Positives entwickeln. Private Energieverbraucher (Consumer) werden zu Produzenten (Prosumer), unsere Häuser werden intelligent im Energiemanagement und unser Energiesystem wird insgesamt umgebaut. Beispielsweise werden Hersteller von energieeffizienter und intelligenter Heizungstechnologie profitieren. Auf der anderen Seite werden energieintensive Industrien und Branchen große Probleme bekommen, wenn wir die Kosten nicht im Griff halten.

mm: Wann zahlt sich die Energiewende in Euro und Cent aus? Wann wird Strom wieder billiger?

Vahlenkamp: Bis zum Jahr 2025 steigen unseren Berechnungen zufolge die Gesamtkosten weiter, denn der Anteil erneuerbarer Energien wächst bis dahin stark. Die Kosten für den Strom aus neuen Anlagen sind zwar günstiger als aus den alten, aber zunächst gehen nur wenige Altanlagen aus dem System heraus. Bis zum Jahr 2025 nehmen die Kosten nicht ab.

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