Kernfusionsreaktor Lockheed Martin verspricht Lösung aller Energieprobleme

Als ferne Hoffnung auf unendliche Energie gilt bisher die Kernfusion, in die Staaten bereits zig Milliarden investiert haben. Nun erklärt die US-Rüstungsfirma Lockheed Martin, mit einem Mini-Reaktor den Durchbruch geschafft zu haben. Schon in zehn Jahren soll die Technik genutzt werden.
Der Reaktor soll auf einen Lastwagen passen: Lockheed-Martin-Projektleiter Tom McGuire präsentiert das Laborexperiment von Skunk Works

Der Reaktor soll auf einen Lastwagen passen: Lockheed-Martin-Projektleiter Tom McGuire präsentiert das Laborexperiment von Skunk Works

Foto: HANDOUT / REUTERS

Hamburg - Kühn ist die Behauptung, und kühn ist der dazu gehörige Auftritt . In futuristischer Aufmachung verkündet die US-Rüstungsfirma Lockheed Martin "den Neustart für das Atomzeitalter". Im Video  erklärt Lockheed-Forscher Tom McGuire, die Wirkungsweise der Sonne innerhalb einer kleinen magnetischen Flasche erfolgreich kopiert zu haben. Die Lösung aller Energieprobleme sei nah: "Keine Emissionen, sicherer Betrieb, frei von der Gefahr der Verbreitung waffenfähigen Materials."

Die Kernfusion - im Gegensatz zur Kernspaltung, mit der gängige Atomkraftwerke betrieben werden - gilt seit Jahrzehnten als große Hoffnung für die Energiesorgen der Menschheit; spätestens seit der internationalen Konferenz "Atoms for Peace" 1958 wird von unbegrenztem Treibstoff für Haushalte, Industrie, Flugzeuge oder Schiffe fantasiert.

"Wir können die große Vision von 'Atoms for Peace' erreichen und der Welt saubere Energie bringen", behauptet der junge Forscher, und, besonders kühn: "Wenn wir damit fertig sind, kann ich noch nicht einmal in Rente gehen, sondern muss mir noch einen anderen Job suchen." Schon in zehn Jahren sei die von Lockheed Martin  entwickelte Technik militärisch nutzbar; in zwanzig Jahren sollen die kompakten Reaktoren als kommerzielle Kraftwerke dienen.

Damit würde das von einem privaten Konzern unterhaltene Forscherteam des Labors Skunk Works im kalifornischen Pasadena die geballte Macht der staatlichen Institutionen um Längen schlagen.

Im internationalen Kernfusionsprojekt Iter beispielsweise haben sich die EU, USA, Russland, China, Japan, Indien und Südkorea zusammengeschlossen, um gemeinsam einen Forschungsreaktor im französischen Cadarache finanzieren zu können. Der auf rund 50 Milliarden Euro bezifferte Bau dauert seit 1997 und soll zum Ende dieses Jahrzehnts abgeschlossen sein. Ein Erfolg dieser Anlage wäre erst die Grundlage für den Bau eines Pilotkraftwerks, das tatsächlich Strom liefert - kommerzielle Nutzung vor Mitte des Jahrhunderts ausgeschlossen.

Der Vorteil des Mini-Reaktors

In einem US-Forschungsreaktor wurde Anfang des Jahres die Premiere gefeiert , per Fusion mehr Energie erzeugt zu haben als im Brennstoff aus Deuterium und Tritium enthalten war. Von einer "Zündung", einer insgesamt positiven Energiebilanz eines Fusionsreaktors, sind die Experten noch weit entfernt. Die Technik ist zwar im Prinzip lange bekannt, ihre Prozesse sind aber noch viel zu instabil.

McGuire behauptet nun, sie im Kleinen beherrschen zu können - auf einem Zehntel des Platzes der bisher bevorzugten Reaktortechnik Tokamak. Und die geringe Größe sei gerade der Vorteil des kompakten Fusionsreaktors. Weniger Zeit und Geld seien nötig, um die Technik zu entwickeln und Alternativen auszuprobieren. Ein Prototyp des Reaktors, der auf einem Lastwagen Platz finden soll, lasse sich in fünf Jahren bauen.

Dennoch versteigt sich McGuire nicht zu der Aussage, alle Probleme im Griff zu haben. Dass die Kernfusion wirklich sicher ist vor katastrophalen Unfällen, hält das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestags (PDF)  für "weder eindeutig bewiesen noch klar widerlegt".

"Wir brauchen Hilfe und wollen, dass sich andere Leute beteiligen", erklärt der Teamleiter gegenüber der Zeitschrift "Aviation Week"  die jetzige Veröffentlichung des seit vier Jahren im Geheimen laufenden Projekts. Lockheed suche jetzt nach Partnern in Industrie, Universitäten und staatlichen Stellen.

Der Ökonom Tyler Cowen zeigt sich in seinem Blog  beeindruckt: "Normalerweise antworte ich auf solche Berichte mit der Frage: 'Wenn es stimmt, warum sinkt der Ölpreis nicht?' Aber jetzt sinkt der Ölpreis ja gerade. Also, wenn es stimmt, wird die große Stagnation aufhören."

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