Flüssiggas-Terminal gegen Putin? Die blinde Liebe für Wilhelmshaven

Die Krise in der der Ukraine lässt den Traum von einem deutschen Terminal für Flüssiggas (LNG) in Wilhelmshaven wieder aufleben. Mit einer solchen Anlage ließe sich die Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren - allerdings nur in der Theorie.
Flüssiggas-Terminal in Japan: In Deutschland derzeit kaum denkbar

Flüssiggas-Terminal in Japan: In Deutschland derzeit kaum denkbar

Foto: REUTERS

Hamburg - Wilhelmshaven, das ist die Stadt der zerplatzten Illusionen. Ein Tiefwasserhafen, den (fast) niemand braucht, ein Chemiewerk, das nie gebaut wurde, dazu vier Kohlekraftwerke, die nicht über das Planungsstadium hinaus kamen. "Der Motor der Wirtschaft ist in Wilhelmshaven, was die Industrie betrifft, auf Stand-by gestellt", konstatierte der damalige Oberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD), als zudem Conoco Phillips 2010 einen Rückzieher beim Ausbau der Raffinerie machte.

Und dann war da ja noch die Idee mit dem Terminal für Flüssiggas (LNG). Gigantische Tanker, so die Vision, sollten den Rohstoff aus allen erdenklichen Weltregionen an die Jade bringen. Dort würde er regasifiziert und ins deutsche Netz eingespeist.

Auf diese Weise - so die Theorie - könnte Deutschland als Teil des internationalen Gasmarktes viel Geld sparen. Nicht zuletzt wäre ein solches Terminal ein Gegengewicht zu Importen durch die Pipelines aus Russland. Immerhin gut 10 Prozent des Jahresverbrauchs könnte Deutschland so importieren. Doch Versorger Eon entschied sich 2008 gegen den Bau des Terminals und beteiligte sich stattdessen an einer Anlage in Rotterdam.

Ohne massive Subventionen kaum denkbar

Angesichts der Krise in der Ukraine bringen erste Politiker den Bau des Terminals jedoch wieder ins Spiel. So machte sich der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Hans-Werner Kammer bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) dafür stark . Immerhin liegen die praktisch fertigen Pläne in der Schublade der Deutschen Flüssiggas Terminal Gesellschaft.

Ohne massive Unterstützung vom Staat ist ein solches Projekt (Kosten: etwa 800 Millionen Euro) allerdings auch völlig undenkbar. Und selbst wenn es gelänge, die nötigen Fördermittel aufzutreiben, wäre das Terminal kaum geeignet, Russland ernsthaft etwas entgegenzusetzen.

Zu klein, zu teuer, nicht wirtschaftlich - ein solches Vorhaben würde der Bundesrepublik kaum dabei helfen, unabhängiger von Russland zu werden. Vor allem aber ist es angesichts massiver Überkapazitäten bei europäischen LNG-Importterminals derzeit schlicht überflüssig.

"Ein LNG-Terminal in Deutschland ist ganz eindeutig nicht notwendig", sagt Energieexperte Kurt Oswald von der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Für die Energiekonzerne gebe es keinen Anreiz, eine solche Anlage zu bauen. Um die Versorgung sicherzustellen, seien Alternativen sinnvoller.

Bestehende LNG-Terminals in Europa sind katastrophal ausgelastet

In der hitzigen Debatte um die Versorgung Deutschlands mit Erdgas wird oft übersehen, dass der Bedarf seit Jahren stagniert. Im vergangenen Jahr verbrauchten Firmen und Haushalte laut Bundesverband der Enregie- und Wasserwirtschaft Gas mit einem Energiegehalt von 3152 Petajoule. Damit hat es seit 1996 keinen nennenswerten Anstieg gegeben. Auch europaweit stagniert der Gasbedarf seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts.

Die Gründe sind vielfältig: Hausbesitzer dämmen ihre Eigenheime, die Winter werden im Schnitt etwas wärmer, und Strom aus erneuerbaren Energien verdrängt Elektrizität aus Gaskraftwerken.

Weil Energieexperten und Politiker jedoch mit deutlichen Verbrauchssteigerungen gerechnet hatten, haben Versorger die Infrastruktur ausgebaut. Dazu zählen neben neuen Pipelines wie der Ostseepipeline auch zahlreiche LNG-Terminals. Diese sind angesichts der Gasflaute schlecht ausgelastet - zu deutlich unter 30 Prozent, sagt Oswald.

Asien bleibt der heißere LNG-Markt

"Europa verfügt über freie LNG-Importkapazitäten, die den jährlichen Import aus Russland übersteigen", sagt der Unternehmensberater. Auch ohne Neubauten von LNG-Terminals ließe sich der Gasbedarf in Europa rechnerisch decken.

In der Praxis gibt es laut Oswald allerdings zwei Probleme, die dem entgegenstehen: Das Flüssigaas, das beispielsweise in Italien anlandet, lässt sich aufgrund fehlender Pipelinekapazitäten nicht ohne weiteres nach Deutschland transportieren.

Zudem fehlt es noch an einem liquiden Markt für Flüssiggas. Exporteure wie Katar binden sich derzeit mit Vorliebe an Abnehmer in Asien, weil diese mangels Alternativen Preise zahlen, die weit über dem europäischen Niveau liegen.

Ab 2020 wächst der Druck auf Gazprom noch stärker

Nur wenn die Europäer deutlich mehr Geld für Gas auf den Tisch legen würden, wären mehr LNG-Importe denkbar. Und auch dann würde es viele Monate dauern, bis Produzenten aus Übersee die alte Welt beliefern könnten.

Auch das Billiggas aus den USA wäre nicht unmittelbar verfügbar. In den Vereinigten Staaten tobt seit längerem eine erbitterte Debatte darüber, ob das Land überhaupt sein dank Fracking reichlich vorhandenes Gas ausführen würde.

Export-Gegner befürchten, dann würden die Gaspreise in Amerika steigen, was der Industrie schaden könnte. Immerhin gab die US-Regierung in dieser Woche grünes Licht  für das siebte Exportterminal in den Staaten.

Eon schließt Terminal-Bau für die Zukunft nicht aus

Die europäischen Versorger haben dennoch keine Lust, zusätzliche Mengen an Flüssiggas zu importieren. "Ein weiteres LNG-Terminal macht derzeit keinen Sinn", sagt ein Sprecher des Eon-Konzerns. Das Unternehmen verfüge in Rotterdam, Großbritannien und Italien derzeit über ausreichende Importkapazitäten. Der Standort in den Niederlanden sei sogar näher an den Verbrauchern als Wilhelmshaven.

Für die Zukunft will Eon den Bau eines weiteren Terminals allerdings nicht ausschließen. Ab dem Jahr 2020 könne Schwung in den internationalen Gashandel kommen. Dann wird viel zusätzliches Gas aus neuen Produktionsanlagen auf dem Markt erwartet - beispielsweise aus Australien.

Spätestens dann müsste auch Russland die letzten alten Gasverträge ändern, die noch an den Ölpreis gekoppelt sind, sagt Berater Oswald. In dem Moment könnte Russen-Gas noch billiger werden. Zudem wäre das Drohpotenzial der Russen, den Gashahn abzudrehen, deutlich kleiner - auch ohne LNG-Terminal in Wilhelmshaven.