Samstag, 7. Dezember 2019

Atomstiftung Besser 30 Milliarden als nichts

Abklingbecken des Atomkraftwerks Emsland in Lingen: Das Zeitalter der Reaktoren geht in Deutschland zu Ende

Der Staat soll die Kernkraft abwickeln - diese Idee der Energiekonzerne empört Deutschland. Dabei räumt der Vorschlag mit dem Mythos auf, die Versorger könnten die Aufgabe allein stemmen. Wenn sie ihre Rückstellungen lockermachen, verhindert das vielleicht das Schlimmste.

Die Geschichte der Atomkraft in Deutschland endet in einem krachenden Desaster. Schon länger hat die Technologie fast jede Akzeptanz verloren. Sie gilt weithin als zu riskant - nicht erst seit Fukushima. Nach und nach gehen die Reaktoren deshalb vorzeitig vom Netz.

Als wäre das nicht genug, gestehen nun die drei wichtigsten Kraftwerksbetreiber RWE Börsen-Chart zeigen, Eon Börsen-Chart zeigen und EnBW Börsen-Chart zeigen faktisch ein, dass die Atomkraft auch ökonomisch nicht zu beherrschen ist. Einem "Spiegel"-Bericht zufolge wollen sie die Lasten von Rückbau und Endlagerung in die Hände des Steuerzahlers legen. Damit würde das Szenario Realität, vor dem die Anti-Atom-Bewegung seit Jahrzehnten warnt.

Landauf, landab wittern Politiker nun Verrat, ganz nach dem Motto: Die Profite werden privatisiert, die Kosten und Risiken sozialisiert. Die Empörung ist verständlich, doch der Sache wird sie nicht gerecht.

Versorger sind mit der Abwicklung der Atomkraft überfordert

Schon länger zeichnet sich ab, dass die Versorger mit der Abwicklung der Atomkraft überfordert sind. Das liegt zum einen daran, dass bis heute völlig unklar ist, wie, wo und wann der Atommüll endgelagert werden soll. Planänderungen wie ein mögliches Aus für Gorleben ziehen kaum kalkulierbare Kosten nach sich.

Der Hauptgrund ist aber, dass die Konzerne sich allesamt in einer wirtschaftlich höchst prekären Lage befinden. Dafür sind sie in erster Linie selbst verantwortlich. Beharrlich haben sie die Tatsache ignoriert, dass ihr altes Geschäftsmodell in höchste Gefahr geriet und deshalb nun in Trümmern liegt.

Anstatt früh das politisch gewollte Geschäft mit erneuerbaren Energien zu entwickeln, haben die Konzerne weiter auf antiquierte Großkraftwerke gesetzt. Damit erleiden sie nun Schiffbruch, da Strom aus Wind, Sonne und Co. den Markt flutet, gefördert durch das völlig unterschätzte Erneuerbare-Energien-Gesetz. Die Großanlagen werfen kaum noch Gewinn ab, die einst unerschütterliche Finanzkraft der Versorger ist weitgehend dahin.

Deshalb sollte der Staat nicht unglücklich darüber sein, wenn die Versorger nun ihren atomaren Offenbarungseid erklären. Noch ließen sich die etwa 30 Milliarden Euro aus den Rückstellungen mobilisieren und in eine Stiftung einbringen. Wie schwer das den Unternehmen schon heute fällt, zeigt die Tatsache, dass RWE seinen Anteil offenbar nur mit einer Kapitalerhöhung aufbringen kann.

Der Staat sollte mit den Versorgern verhandeln

In ein paar Jahren kann die Lage viel schlimmer aussehen. Denn die Umwälzungen am Energiemarkt werden sich fortsetzen, und das zunehmend ohne das Zutun des Staates und seiner "grünen Gesetze".

Dies liegt schlicht daran, dass die noch vor kurzem verspotteten erneuerbaren Energien inzwischen vielerorts die günstigste Lösung sind - auch ohne Subventionen. Es spricht Bände, dass Strom aus Solaranlagen inzwischen billiger ist als aus Atomkraftwerken - auch ohne dessen externe Folgekosten.

Es ist fraglich, ob RWE, Eon und Co. der Sprung in die neue Energiewelt noch gelingt. Das aber wäre die Voraussetzung dafür, dass sie wie geplant die Atom-Abwicklung selbst stemmen. Im Falle von Insolvenzen bliebe der Staat allein auf den Kosten sitzen.

Anstatt das Gesprächsangebot der Versorger nun also erregt abzulehnen, sollte der Staat mit ihnen verhandeln. Eine Einlage von 30 Milliarden Euro für eine Stiftung sind für den Auftakt gar nicht schlecht - und besser, als später gar nichts zu bekommen.

Hans Werner Sinn: "Die einzige Hoffnung der Menschheit war die Atomkraft"

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