Fotostrecke

Ölpreisverfall: Die Energiewelt fährt Achterbahn

Foto: JOHN GRESS/ REUTERS

Billiges Öl Der Anfang vom Ende

Öl ist so billig wie seit Jahren nicht mehr. Zerstört das schwarze Gold nun die alternativen Energien und setzt seinen Siegeszug ungestört fort? Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Der Preisverfall könnte ein Hinweis darauf sein, dass es mit dem Ölzeitalter zu Ende geht.

In den USA können Autofahrer ihr Glück derzeit kaum fassen: Eine Gallone Benzin kostet in weiten Teilen des Landes weniger als zwei Dollar. Umgerechnet auf den Liter sind das sage und schreibe 44 Eurocent. Kein Wunder, dass die Leute wie wild große Wagen kaufen.

Kein Wunder auch, dass bereits eine Debatte  darüber  eingesetzt hat, ob ein möglicherweise lang anhaltender Preisverfall den 150 Jahre währenden Siegeszug des schwarzen Goldes bis weit ins laufende Jahrhundert verlängert. Getreu dem Motto: Wenn Öl so billig ist (zuletzt unter 50 Dollar pro Fass), sind Alternativen ja nicht erforderlich.

Es passt ins Bild, dass sich kaum noch Vertreter der so genannten "Peak Oil"-Theorie aus der Deckung wagen. Sie hatten lange behauptet: Immer knappere Ölverkommen werden die Preise in gefährliche Höhen steigen lassen. Deshalb drohe der Weltwirtschaft der Kollaps, sofern nicht rasch andere Energiequellen bereitstehen oder massiv gespart wird.

Ölgeschäft in heutiger Form ist ohne hohen Ölpreis nicht tragbar

Alles Geschichte? Kommt nun die Zeit des business as usual, in dem Öl die altbekannte Rolle als Schmierstoff der Weltwirtschaft spielt und wo der Ölpreis ein zuverlässiges Konjunktur- und Krisenbarometer ist?

Fotostrecke

Ölpreisverfall: Die Energiewelt fährt Achterbahn

Foto: JOHN GRESS/ REUTERS

Gut möglich, das es völlig anders kommt. Tatsächlich könnte der aktuelle Preisverfall auch Vorbote einer epochalen Krise sein, auf die der Energieträger Öl, die Förderländer und weite Teile der Energiekonzerne sowie ihre Zulieferer zusteuern. Denn das Geschäft mit dem Öl ist in seiner aktuellen Dimension ohne einen hohen Ölpreis gar nicht mehr tragbar. Doch gleichzeitig werden viele Alternativen zunehmend attraktiv.

Schon jetzt ist der niedrige Ölpreis für eine wachsende Zahl von Produzenten tödlich: In den USA gerät die teure Fördermethode Fracking zunehmend an ihre Grenzen . Explorationsfirmen entlassen Mitarbeiter, kürzen die Dividende und geraten in Zahlungsschwierigkeiten.

Viele neue Projekte in der Arktis, der Tiefsee oder den kanadischen Teersanden lohnen sich wegen der gigantischen Kosten nicht mehr. Es ist verdammt teuer, den Planeten bis zum letzten Tropfen auszuquetschen - diese Peak-Oil-These hat durchaus Bestand. In zahlreiche Staaten wie dem Iran oder Venezuela reichen die Einnahmen bei Weitem nicht mehr aus, um den Staatshaushalt auszugleichen.

Absatz von Elektroautos wächst munter weiter

Mit anderen Worten: Wenn künftig so viel Öl wie heute gefördert werden soll oder sogar noch mehr, muss der Preis wieder deutlich steigen. Lediglich eine technische Revolution bei der Exploration oder riesige, leicht zugängliche Ölfunde könnten daran etwas ändern. Doch trotz der legendären Innovationskraft der Ölingenieure ist beides weit und breit nicht in Sicht.

Viel spricht dafür, dass sich die Lage der Ölindustrie erst verbessert, wenn die Fördermenge zurück geht - sei es durch eine Intervention der Opec oder den schmerzhaften Niedergang der Industrie in den anderen Förderstaaten. Schon jetzt rechnen Branchenkenner damit, dass die Ölproduktion in den USA noch in diesem Jahr zu sinken beginnt .

Auf eines sollten die Konzerne jedenfalls nicht hoffen: Eine stark steigende Ölnachfrage, ausgelöst durch den niedrigen Preis. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den USA. Dort entscheiden sich Autokäufer zwar vermehrt für große SUVs und Geländewagen. Trotzdem sinkt der durchschnittliche Verbrauch der Autos im Jahresvergleich weiter , weil die Wagen effizienter werden.

Strenge Verbrauchsregeln in den USA

Bis zum Jahr 2025 sollen ihre Fahrzeuge im Schnitt deutlich weniger schlucken als bisher, hat die US-Regierung festgelegt. So sinkt der gesetzliche Durchschnittsverbrauch für kleine Geländewagen von derzeit 7,1 Liter auf 100 Kilometer in den kommenden zehn Jahren auf 4,7 Liter.

Gleichzeitig fahren die Amerikaner weniger Auto als noch vor einigen Jahren . Bisher gibt es keine Anzeichen, dass sich an diesem Trend grundlegend etwas ändert.

Auch wächst der Absatz von Elektroautos trotz des billigen Öls munter weiter. In den USA in diesem Jahr um gut 20 Prozent auf etwa 120.000, schneller als der Gesamtmarkt. Es kann weiterhin günstiger sein, mit Strom zu fahren als mit Benzin - erst recht wenn Hersteller wie Tesla , Nissan  oder BMW  kostenloses Aufladen anbieten oder Menschen ihren Strom zu Hause selbst erzeugen und damit ihr Auto betanken.

Zudem macht die Batterietechnik schnelle Fortschritte. Kommt es zum von der Rohstoffindustrie dringend benötigten Ölpreis-Comeback, hat der Verbrennungsmotor in absehbarer Zeit womöglich keine Chance mehr.

In Europa und China tun die Regierungen ebenfalls viel, um den Ölverbrauch zu drosseln - die Volksrepublik will nicht zuletzt die verheerende Luftverschmutzung eindämmen. Die Regierungen von Schwellenländern wie Indien und Indonesien nutzen den Ölpreisrückgang derweil dazu, ihre Subventionen für Benzin und Diesel deutlich zurückzufahren.

Der mächtigste Feind der Ölindustrie ist der technische Fortschritt

Das alles wissen die Topmanager in den Ölkonzernen, und sie reagieren bereits: Seit Jahren spielt Gas eine wachsende Rolle bei ihren Aktivitäten, ihre Ölproduktion geht kontinuierlich zurück. Nach außen verkaufen sie dagegen die Botschaft, dass dem Öl eine rosige Zukunft beschert ist.

Das wichtigste Mantra: Der weltweit wachsende Energiebedarf werde schon dafür sorgen, dass Benzin und Diesel noch an Bedeutung gewinnen. So ist es doch schon immer gewesen.

Die Bibel dieses Glaubenssatzes ist der jeweilige Energy Outlook der Unternehmen. Darin weisen die einschlägigen Kurven immer weiter nach oben - als ob sich Energiebedarf nicht auch anders decken oder trotz Wirtschaftswachstum reduzieren ließe. Als ob es sparsamere Autos, alternative Antriebe und den politischen Kampf gegen den Klimawandel gar nicht gäbe.

Öl gibt es genug, doch wer will es haben?

Die größte Bedrohung der Branche sind dabei aber nicht Gesetze, Öko-Quoten oder CO2-Steuern. Der mächtigste Feind der Ölindustrie ist der technische Fortschritt. Effizientere Motoren und der Einsatz von Erdgas in Lastwagen und Schiffen sind dabei nur die Spitze des Eisberges.

Richtig brenzlig wird es, wenn beispielsweise Solarenergie (auf Kosten von Ölkraftwerken und Kerosinlampen), Batterien oder Wasserstoff den Durchbruch schaffen. Aufgrund sinkender Preise ist dieser Punkt im Solarbereich bereits seit einer Weile erreicht.

Was das bedeuten kann, erfährt bereits die Kohlebranche. Der Preis für Steinkohle fällt immer tiefer, und doch sinkt der Absatz in weiten Teilen des Globus. In der industrialisierten Welt werden schon jetzt so gut wie keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut, weil sie zu teuer, zu dreckig und schlecht mit erneuerbaren Energien kombinierbar sind.

Gut möglich, dass die Ölwirtschaft bald ähnliche Erfahrungen macht und feststellt: Öl gibt es zwar genug. Aber niemand will es mehr haben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.