Energievision Desertec ist tot - der Wüstenstrom lebt

Desertec, das größte aller deutschen Industrie-Großprojekte, steht vor dem Aus: Europa braucht den Strom aus der Wüste nicht. Gescheitert ist das Vorhaben am geopolitischen Anspruch der Konzerne - und am Siegeszug der erneuerbaren Energien.
Geopolitische Energie-Vision: Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme sollten die Stromversorgung Afrikas und Europas verbessern

Geopolitische Energie-Vision: Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme sollten die Stromversorgung Afrikas und Europas verbessern

Foto: desertec.org

Der Grundgedanke von Desertec war so einfach wie einleuchtend: In der Wüste Afrikas, dort wo die Sonne brennt, erzeugen Solarkraftwerke gigantische Mengen Strom; an den Küsten Windräder. Diese Elektrizität wird auf dem Kontinent verteilt, unter anderem, um Meerwasser zu entsalzen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Stroms ist zudem für den Export nach Europa vorgesehen.

Daran sollten nicht zuletzt die zeitweise mehr als 50 Konzerne verdienen, die die Industrie-Initiative ab 2009 unterstützten. Dazu gehörten RWE , Eon , ABB , Munich RE , und die Deutsche Bank . Bis zu 400 Milliarden Euro wollten sie langfristig in das Projekt investieren. Diese geopolitische Industrievision ist gescheitert - unabhängig davon, ob sich die verbliebenen Mitglieder noch einmal zusammenraufen.

Die Idee, dass Konzerne die energiepolitische Zukunft zweier Kontinente quasi auf dem Papier planen, hat sich als größenwahnsinnig erwiesen. Doch genau von diesem - durchaus positiven - Größenwahn lebte Desertec. Der Versuch, sich den Realitäten zu stellen und kleinere Brötchen zu backen, führte deshalb nicht zum Erfolg.

Fotostrecke

Desertec: Strom aus der Wüste

Foto: Solar Millennium AG

Besonders eindrücklich lässt sich das Scheitern an der Meerenge von Gibraltar begutachten, zwischen Spanien und Marokko. Dort flossen im vergangenen Jahr ganze 5378 Gigawattstunden Strom durch die Unterwasserleitung - das entspricht der halben Jahresproduktion eines mittleren Atomkraftwerks.

Europa braucht den Strom aus Afrika nicht

Schlimmer noch: 5377 Gigawattstunden davon lieferte Spanien an Marokko. Aus dem nordafrikanischen Land schaffte es gerade eine einzige Gigawattstunde nach Norden, wie der spanische Netzbetreiber Red Electrica berichtet.

Die ernüchternde Statistik zeigt das Grundproblem des größten aller deutschen Großprojekte, an dem sich im Laufe der Zeit zunehmend Firmen aus anderen Ländern beteiligten: Europa braucht den Strom aus Afrika nicht, und kann wohl zumindest in der näheren Zukunft auf ihn verzichten.

Das hat viele Gründe:

• Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem Wachstum in Europa nachhaltig geschadet, vor allem im Süden. Die Stromnachfrage liegt viel niedriger als noch vor einigen Jahren erwartet - und damit auch der Preis.

• Mehrere europäische Staaten wie Spanien, Italien und Deutschland haben trotzdem regenerative Energien wie Photovoltaik, Biomasse und Windenergie mithilfe von Subventionen stark ausgebaut - und das Überangebot noch weiter ausgeweitet

• Im Solarbereich hat die billige Photovoltaik den Wettbewerb mit der von Desertec zunächst favorisierten Parabolrinnen-Technik CSP vorläufig gewonnen - letztere ist trotz des zwischenzeitlichen Engagements von Siemens und Co. weiterhin zu teuer. Photovoltaik ist im Gegensatz zu CSP aber dezentral besonders wirtschaftlich - auch in Europa selbst

• Der Preis für CO2-Emissionszertifikate ist am Boden, unter anderem wegen des niedrigen Stromverbrauchs und des hohen Ökostromanteils in Europa. Es bestehen kaum wirtschaftliche Anreize, "sauberen" Strom am Markt anzubieten

Damit fällt für zahlreiche Konzerne, die sich der Desertec-Initiative angeschlossen haben, das erhoffte Geschäftsmodell weg. Nach und nach haben sie sich aus dem Konsortium verabschiedet, und steuern nur auf die endgültige Abwicklung des Projektes zu.

Desertec war ein Projekt der alten Energiewelt

Zwar hatte Desertec immer wieder betont, der Wüstenstrom solle in erster Linie den wachsenden Energiebedarf der afrikanischen Staaten decken. Doch ohne eine echte Exportoption nach Europa wären die geplanten Investitionen viel zu riskant gewesen.

Der Dreh- und Angelpunkt wären leistungsfähige Stromleitungen auf dem Grund des Mittelmeers gewesen. Doch angesichts der Verwerfungen am europäischen Energiemarkt will niemand sein Geld dafür hergeben - Proteste gegen den Bau der anschließenden Überlandleitungen taten ein Übriges.

Fotostrecke

Grafiken: So verändert sich der Energieverbrauch in Deutschland

Die Vorstellung, mit hohem Milliardenaufwand eine Art riesiges Wüstenstrom-Kartell zu erschaffen, das die erforderlichen Kostensenkungen mittels Masse hervorbringen würde, hat sich als Wunschtraum erwiesen. Die Energiewirtschaft, so wird es immer deutlicher, wird immer unberechenbarer.

Die Energiewelt hat sich radikal geändert

Neue Technologien, neue Akteure, dazu ständig schwankende Subventionen: Das alles erfordert ein kleinteiliges und flexibles Vorgehen. Die Desertec-Initiative hat versucht sich darauf einzustellen - doch dabei ist vielen Unterstützern klargeworden, dass eine übergreifende Koordination vielleicht gar nicht notwendig ist.

Die Idee vom Strom aus der Wüste ist mit dem schleichenden Ende von Desertec keinesfalls am Ende. Marokko will bis zum Jahr 2020 gut 40 Prozent des Stromverbrauchs mit erneuerbaren Energien decken. Deshalb baut und plant das Land Solar- sowie Windparks im vierstelligen Megawattbereich. Dabei sind deutsche Konzerne wie RWE, wo inzwischen auch der scheidende Desertec-Chef Paul van Son mitmischt.

In Melloussa, nördlich von Tanger, drehen sich bereits seit 2010 die Rotoren einer der größten Windfarmen Afrikas. Bis zu 140 Megawatt leisten die Anlagen. Nach Europa gelangt davon fast nichts - dabei beginnt die Leitung nach Spanien in unmittelbarer Nähe.