Sonntag, 21. April 2019

Energievision Desertec ist tot - der Wüstenstrom lebt

Geopolitische Energie-Vision: Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme sollten die Stromversorgung Afrikas und Europas verbessern
desertec.org
Geopolitische Energie-Vision: Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme sollten die Stromversorgung Afrikas und Europas verbessern

Desertec, das größte aller deutschen Industrie-Großprojekte, steht vor dem Aus: Europa braucht den Strom aus der Wüste nicht. Gescheitert ist das Vorhaben am geopolitischen Anspruch der Konzerne - und am Siegeszug der erneuerbaren Energien.

Der Grundgedanke von Desertec war so einfach wie einleuchtend: In der Wüste Afrikas, dort wo die Sonne brennt, erzeugen Solarkraftwerke gigantische Mengen Strom; an den Küsten Windräder. Diese Elektrizität wird auf dem Kontinent verteilt, unter anderem, um Meerwasser zu entsalzen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Stroms ist zudem für den Export nach Europa vorgesehen.

Daran sollten nicht zuletzt die zeitweise mehr als 50 Konzerne verdienen, die die Industrie-Initiative ab 2009 unterstützten. Dazu gehörten RWE Börsen-Chart zeigen, Eon Börsen-Chart zeigen, ABB Börsen-Chart zeigen, Munich RE Börsen-Chart zeigen, und die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen. Bis zu 400 Milliarden Euro wollten sie langfristig in das Projekt investieren. Diese geopolitische Industrievision ist gescheitert - unabhängig davon, ob sich die verbliebenen Mitglieder noch einmal zusammenraufen.

Die Idee, dass Konzerne die energiepolitische Zukunft zweier Kontinente quasi auf dem Papier planen, hat sich als größenwahnsinnig erwiesen. Doch genau von diesem - durchaus positiven - Größenwahn lebte Desertec. Der Versuch, sich den Realitäten zu stellen und kleinere Brötchen zu backen, führte deshalb nicht zum Erfolg.

Besonders eindrücklich lässt sich das Scheitern an der Meerenge von Gibraltar begutachten, zwischen Spanien und Marokko. Dort flossen im vergangenen Jahr ganze 5378 Gigawattstunden Strom durch die Unterwasserleitung - das entspricht der halben Jahresproduktion eines mittleren Atomkraftwerks.

Europa braucht den Strom aus Afrika nicht

Schlimmer noch: 5377 Gigawattstunden davon lieferte Spanien an Marokko. Aus dem nordafrikanischen Land schaffte es gerade eine einzige Gigawattstunde nach Norden, wie der spanische Netzbetreiber Red Electrica berichtet.

Die ernüchternde Statistik zeigt das Grundproblem des größten aller deutschen Großprojekte, an dem sich im Laufe der Zeit zunehmend Firmen aus anderen Ländern beteiligten: Europa braucht den Strom aus Afrika nicht, und kann wohl zumindest in der näheren Zukunft auf ihn verzichten.

Das hat viele Gründe:

• Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dem Wachstum in Europa nachhaltig geschadet, vor allem im Süden. Die Stromnachfrage liegt viel niedriger als noch vor einigen Jahren erwartet - und damit auch der Preis.

• Mehrere europäische Staaten wie Spanien, Italien und Deutschland haben trotzdem regenerative Energien wie Photovoltaik, Biomasse und Windenergie mithilfe von Subventionen stark ausgebaut - und das Überangebot noch weiter ausgeweitet

• Im Solarbereich hat die billige Photovoltaik den Wettbewerb mit der von Desertec zunächst favorisierten Parabolrinnen-Technik CSP vorläufig gewonnen - letztere ist trotz des zwischenzeitlichen Engagements von Siemens und Co. weiterhin zu teuer. Photovoltaik ist im Gegensatz zu CSP aber dezentral besonders wirtschaftlich - auch in Europa selbst

• Der Preis für CO2-Emissionszertifikate ist am Boden, unter anderem wegen des niedrigen Stromverbrauchs und des hohen Ökostromanteils in Europa. Es bestehen kaum wirtschaftliche Anreize, "sauberen" Strom am Markt anzubieten

Damit fällt für zahlreiche Konzerne, die sich der Desertec-Initiative angeschlossen haben, das erhoffte Geschäftsmodell weg. Nach und nach haben sie sich aus dem Konsortium verabschiedet, und steuern nur auf die endgültige Abwicklung des Projektes zu.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung