Wartung von Nord Stream 1 beginnt "In zehn Tagen ungefähr wissen wir, ob Gas weiterhin fließen wird"

Die Wartung der Nord Stream 1 Pipeline hat begonnen. Über die wichtigste Route für russische Energie nach Deutschland strömt daher seit heute kein Gas mehr. Ob es nach der Wartungspause wieder fließen wird, dazu gibt es unterschiedliche Signale.
Gasfluss gestoppt: Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller zufolge gibt es unterschiedliche Signale aus Moskau zu künftigen Gas-Lieferungen durch die Pipeline

Gasfluss gestoppt: Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller zufolge gibt es unterschiedliche Signale aus Moskau zu künftigen Gas-Lieferungen durch die Pipeline

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Mohssen Assanimoghaddam / dpa

Die Nervosität über die weitere Gasversorgung in Deutschland steigt: Wie geplant begann am Montag die jährliche Wartung der Nord Stream 1-Pipeline durch die Ostsee, bei der der Gasfluss üblicherweise für zehn Tage unterbrochen wird. Regierungen, Märkte und Unternehmen sind aber besorgt, dass Russland die Abschaltung aus politischen Motiven wegen des Krieges in der Ukraine über den 21. Juli hinaus verlängern könnte. Was nach diesem Datum passiere, könne derzeit niemand wissen, sagte der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller (51), im Reuters-TV-Interview. "In zehn Tagen ungefähr wissen wir, ob Gas weiterhin fließen wird."

Seit Montagmorgen erfolgen über die zuletzt wichtigste Route für russisches Erdgas nach Deutschland keine Lieferungen mehr. Ab 6.00 Uhr hätten keine Lieferkapazitäten mehr zur Verfügung gestanden, sagte ein Sprecher der Nord Stream AG der Deutschen Presse-Agentur. Auch der tatsächliche Gasfluss sank im Laufe des Vormittags laut Daten der Betreibergesellschaft zusehends ab. Nach Angaben der Nord Stream AG sollen die Arbeiten bis zum 21. Juli dauern. Die Nord Stream 1-Pipeline transportiert jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland nach Deutschland durch die Ostsee.

Unterschiedliche Signale aus Moskau

Müller zufolge gibt es unterschiedliche Signale aus Moskau zu künftigen Gas-Lieferungen durch die Pipeline. Auf der einen Seite gebe es Aussagen von Kreml-Sprechern, man könne in Kombination mit der zugesagten Lieferung der Turbine wieder wesentlich mehr Gas liefern, sagte Müller am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Auf der anderen Seite habe es auch sehr martialische Ansagen gegeben. "Ehrlich gesagt, es weiß keiner", sagte Müller. Im schlimmsten Fall, wenn Russland die Gas-Lieferungen durch Nord Stream 1 auch nach der Wartung der Leitung stoppe, gebe es mehrere Szenarien, in denen Deutschland in eine Gas-Notlage rutsche.

Nach der Abschaltung von Nord Stream 1 fließt das Gas weiter über das von Russlands Krieg erschütterte Transitland Ukraine nach Europa. Der mögliche Umfang entsprach am Montag nach Angaben des Betreibers des ukrainischen Gastransitnetzes etwa dem der vergangenen Tage. Die über diese Route in Deutschland ankommende Menge russischen Gases war nach Angaben der Bundesnetzagentur allerdings im Juni ebenfalls deutlich zurückgegangen und entsprach schon davor nur einem Bruchteil der über Nord Stream 1 gelieferten Menge. Durch die über Polen verlaufende Jamal-Pipeline kam den Angaben zufolge zuletzt gar kein russisches Gas mehr in Deutschland an.

Habeck: 15 Milliarden Euro für Flüssiggas reichen möglicherweise nicht

Gazprom hatte seine Lieferungen durch die Nord Stream 1-Pipeline bereits seit geraumer Zeit auf 40 Prozent des Volumens reduziert. Deutschland und andere EU-Staaten kaufen deshalb auch auf den Weltmärkten Gas ein, um die Speicher für Herbst und Winter zu füllen. Die Bundesregierung hat ein Bündel an Notmaßnahmen beschlossen, mit denen auf eine mögliche Gasknappheit in den kommenden Monaten reagiert werden soll.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (52) hatte am Sonntag gesagt, dass die 15 Milliarden Euro, die Gasversorger zum Einkauf von Flüssiggas aus anderen Staaten zur Verfügung gestellt wurde, aufgrund der steigenden Gaspreise möglicherweise nicht ausreichen werden. Parallel müssen Gasversorger wie Uniper staatlich gestützt werden, weil sie die hohen Preise für den Gaseinkauf derzeit kaum an die Kunden weitergeben können. Die Bundesnetzagentur arbeitet zudem an Notfallplänen, nach welcher Priorität Gas verteilt werden soll, wenn es knapp werden sollte. In Deutschland gilt derzeit die zweite Stufe eines dreistufigen Gas-Notfallplans. Die Gasspeicher in Deutschland sind derzeit zu etwas mehr als 63 Prozent gefüllt.

Während Russland für die Gas-Drosselung der vergangenen Wochen technische Gründe angab, hält Bundeskanzler Olaf Scholz (64) dies für vorgeschoben und wirft der russischen Regierung vor, Gas als politische Waffe einzusetzen. Um Russland keinen Vorwand zu liefern, hatte sich die Bundesregierung aber bei der kanadischen Regierung dafür eingesetzt, dass eine dort gewartete Siemens-Turbine der Nord Stream 1-Pipeline zurückgeschickt und wieder eingesetzt werden darf. Kanada gab dazu am Wochenende die offizielle Genehmigung. Siemens sagte zu, die über Deutschland gelieferte Turbine so schnell wie möglich zu installieren.

Bei dauerhaftem Lieferstopp: Rationierungen spätestens 2023

Ökonomen erwarten durch hohe Gaspreise und mögliche Lieferengpässe enorme Belastungen für die Volkswirtschaft. Bliebe das Gas aus, würde zwar nicht sofort der Gas-Notstand herrschen, doch eine weitere Befüllung der Gasspeicher für den Winter wäre schwierig und spätestens 2023 müsste das Gas dann rationiert werden, erläuterte VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel. "Die deutsche und die europäische Wirtschaft würden in eine tiefe Rezession abrutschen." Der Schaden für die Wirtschaft könnte sich in der zweiten Hälfte dieses Jahres auf 193 Milliarden Euro (195 Milliarden Dollar) belaufen, wie aus Daten der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) vom letzten Monat hervorgeht. "Das abrupte Ende der russischen Gasimporte hätte auch erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigten in Deutschland ... Rund 5,6 Millionen Arbeitsplätze wären von den Folgen betroffen", sagte vwb-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Die Auswirkungen würden aber ganz Europa treffen. Ein kompletter Stopp würde die europäischen Gaspreise, die Industrie und Haushalte bereits stark belastet haben, noch länger hochhalten. Die niederländischen Großhandelspreise für Gas, die europäische Benchmark, sind seit Juli letzten Jahres bereits um mehr als 400 Prozent gestiegen.

dri/Reuters, dpa-afxp
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