Nach Drosselung der Gaslieferungen Netzagentur-Chef fordert Absenkung der Mindesttemperatur

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage hat der russische Staatskonzern Gazprom seine Lieferungen gekürzt. Die Aktien von BASF und Uniper brechen ein. Netzagentur-Chef Klaus Müller zeigt sich besorgt und will nun den Druck auf Unternehmen und Haushalte erhöhen.
Die Speicher müssen dringend gefüllt werden: Netzagentur-Chef Klaus Müller will mit neuen Heizungsanlagen-Vorgaben für Vermieter und Prämien für Firmen zum Gas sparen animieren

Die Speicher müssen dringend gefüllt werden: Netzagentur-Chef Klaus Müller will mit neuen Heizungsanlagen-Vorgaben für Vermieter und Prämien für Firmen zum Gas sparen animieren

Foto: Christophe Gateau / dpa

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller (51), will den Druck auf private Haushalte und Firmen erhöhen, Gas zu sparen. "Im Mietrecht gibt es Vorgaben, wonach der Vermieter die Heizungsanlage während der Heizperiode so einstellen muss, dass eine Mindesttemperatur zwischen 20 und 22 Grad Celsius erreicht wird. Der Staat könnte die Heizvorgaben für Vermieter zeitweise senken. Darüber diskutieren wir mit der Politik", sagte Müller der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Es sei wichtig, so viel Gas zu sparen wie möglich, um über den nächsten Winter zu kommen.

Unternehmen sollen mit Prämien zum Gas sparen animiert werden: "Wir möchten Mechanismen etablieren, um Unternehmen, die freiwillig Gaskontingente abtreten, mit einer Prämie zu belohnen. Es ist immer besser, wenn Anpassungen über Preise geschehen als über dirigistische Vorgaben", so Müller weiter.

Damit reagiert Müller auf die erneuten Drosselungen der Gasliefermengen des russischen Energiekonzerns Gazprom durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland. Seit Donnerstag werden täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter durch die Leitung gepumpt. Erneut begründete der Staatskonzern den Schritt mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Die Bundesnetzagentur nannte das Vorgehen Moskaus "technisch nicht zu begründen".

Neben Deutschland melden auch Tschechien und Österreich reduzierte Gaslieferungen aus Russland. Ein Sprecher des tschechischen Versorgers CEZ sagte am Donnerstag, es gebe Einschränkungen, die mit technischen Problemen zusammenhingen. Ein Sprecher des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV sagte, der russische Lieferant Gazprom habe über eine Reduzierung informiert. "Wir werden diese Mengen, sofern aufgrund des geringeren Gasbedarfs überhaupt notwendig, durch Speichermengen und Mengen vom Spotmarkt ersetzen. Die Versorgung unserer Kunden ist derzeit sichergestellt."

Russland liefert nur noch 40 Prozent durch Nord Stream 1

Bereits am Dienstag hatte Gazprom die Reduktion des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Millionen um rund 40 Prozent auf 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag verkündet und auf Verzögerungen bei der Reparatur von Gasverdichtern verwiesen. Der Energietechnikkonzern Siemens Energy hatte daraufhin mitgeteilt, dass eine in Kanada überholte Gasturbine aufgrund der Russland-Sanktionen derzeit nicht aus Montréal zurückgeliefert werden könne. Die neuerliche Reduktion auf 67 Millionen Kubikmeter bedeutet eine Drosselung um rund 60 Prozent innerhalb von zwei Tagen.

Dass Gazprom seine Lieferungen durch Nord Stream 1 nun auf etwa 40 Prozent senkt, ist aus Sicht von Müller, ein Warnsignal. "Russland schürt damit leider Verunsicherung und treibt die Gaspreise hoch", sagte der Chef der Netzagentur.

Wenn Gazprom über Wochen nur 40 Prozent durch Nord Stream 1 liefere, bekomme Deutschland ein Problem, sagte Müller: "Das würde unsere Situation erheblich verschlechtern. Über den Sommer könnten wir das vielleicht aushalten, denn die Heizsaison ist ja vorbei. Allerdings müssen wir jetzt zwingend die Speicher füllen, um den Winter zu überstehen – auch mit russischem Gas." Auf die Frage, ob er fürchte, dass Russland mit einem Gas-Lieferstopp Ernst mache, sagte Müller: "Es lag bislang in der russischen Logik, Deutschland weiter Gas verkaufen zu wollen. Aber wir können nichts ausschließen."

Habeck: Noch können die Mengen ausgeglichen werden

Auch nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (52) will Russland mit den Lieferkürzungen Unruhe stiften. "Die Begründung der russischen Seite ist schlicht vorgeschoben. Es ist offenkundig die Strategie, zu verunsichern und die Preise hochzutreiben", hatte der Grünen-Politiker gesagt. Aktuell könnten die Mengen am Markt beschafft werden, wenn auch zu hohen Preisen. Es werde noch eingespeichert: "Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet." Die Gasspeicher in Deutschland waren zuletzt zu rund 56 Prozent gefüllt. Zugleich rief Habeck am Mittwoch erneut zum Energiesparen auf: "Es ist jetzt der Zeitpunkt, das zu tun. Jede Kilowattstunde hilft in dieser Situation."

Für Deutschland ist Nord Stream 1 die Hauptversorgungsleitung mit russischem Gas. Zuvor war schon die Leitung Jamal-Europa, die durch Polen führt, nicht mehr befüllt worden. Reduziert ist auch die Durchleitung von russischem Gas durch die Ukraine. Unter anderem durch die bisherigen Einschränkungen hatten sich die Energiepreise erhöht, weil insgesamt weniger Gas von Russland nach Europa fließt.

Die weitere Reduzierung der Gaslieferungen trifft auch Chemieriese BASF und Energiekonzern Uniper. Die Aktien der beiden Unternehmen gehören am Donnerstag mit hohen Kursverlusten zu den schwächsten Werten am deutschen Aktienmarkt. Uniper ist Deutschlands größter Importeur von russischem Erdgas, zudem muss der Konzern Milliarden auf das Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 abschreiben. Bei der BASF bedroht ein möglicher Stopp russischer Gaslieferungen die Produktion am Chemiestandort Ludwigshafen.

dri/dpa-afxp