Sonntag, 16. Juni 2019

Neuer Energielobby-Chef Kempmann war Anti-Atom-Aktivist "Ich habe immer viel zum Spaten gegriffen, aber nun bin ich hier"

Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft
Michael Danner für manager magazin
Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft

2. Teil: "Die Prioritäten haben sich bei mir naturgemäß verschoben"

mm: Also ein schleichender Prozess?

Kempmann: Schon im Wendland ging es ja nicht nur um Blockade. Es ging auch darum, die Energiewirtschaft stückweise zu verändern. Später hat sich meine Perspektive etwas geändert, als ich für ein Unternehmen verantwortlich war. Plötzlich war ich für ein betriebswirtschaftliches Ergebnis verantwortlich, dafür dass die Kunden zu jeder Zeit Strom, Gas und Wasser bekommen und dass ihre Wohnungen warm sind und dafür, dass die Kollegen regelmäßig ihr Gehalt bekommen. Da verschieben sich die Prioritäten naturgemäß.

mm: Sind Sie noch Mitglied bei der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg?

Kempmann: Nein, da bin ich ja schon seit vielen Jahren weg. Meine Auffassung hat sich dazu geändert. Der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder hatte 1993 erstmals einen Energiekonsens angestrebt. Wir haben anderthalb Jahre diskutiert. Wir haben da schon alles aufgeschrieben, was im Jahr 2000 beschlossen wurde. Doch die Atomkraftgegner bestanden auf dem sofortigen Atomausstieg. Mir ging es darum, den Prozess anzustoßen und einen Kompromiss zu erzielen. Das reichte den anderen nicht. Aber bei den Grünen bin ich noch Mitglied.

mm: Einen Konsens zu finden ist ohnehin nicht die Stärke der deutschen Energiepolitik. Immer noch streiten die Beteiligten erbittert über die Energiewende.

Kempmann: Die Meinung teile ich nicht. Nach Fukushima gab es eine beachtliche Kehrtwende in der Energiepolitik. Dieser Verband, die ganze Branche stehen hinter der Energiewende, obwohl sie ökonomisch wirklich kein Spaß ist. Aber Sie haben Recht, insgesamt gibt es nach wie vor zu viel Streit und Ideologie in der Energiedebatte.

mm: Ohne den Druck von Fukushima hätte es wohl keinen Konsens gegeben. Die Branche hat sich wie ein ungezogener Junge gegen den Ausstiegsbeschluss von Rot-Grün gewehrt und auf neue Mehrheiten gehofft.

Kempmann: Das weise ich zurück. Die Wirtschaft ist nie ungezogen.

mm: Jedenfalls musste erst Bundeskanzlerin Angela "Mutti" Merkel kommen und die Sache beenden.

Kempmann: Natürlich ist der Konsens unter dem Druck der Ereignisse zustande gekommen - aber jedenfalls ist er zustande gekommen. Im Übrigen schätze ich die Bundeskanzlerin und halte diese Bezeichnung nicht für angemessen.

mm: Was ist denn überhaupt mit Gorleben? Soll der Standort weiter Teil der Endlagerdebatte sein?

Kempmann: Das ist keine Frage, für die der Verband zuständig ist. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass die Regierung mit dem Endlagergesetz einen Weg eingeschlagen hat, der einen breiten Konsens in dieser Frage ermöglicht. Die Endlagerkommission hat dabei eine wichtige Aufgabe.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung