Inflation Stärkster Anstieg der Erzeugerpreise seit 70 Jahren

Vor allem Gas und Strom treiben die Preise. Auf Erzeugerseite ist die Inflation um ein Vielfaches stärker als für Verbraucher. Der Auftrieb im Oktober erreicht ein Tempo wie in den ersten Jahren der D-Mark.
Warten auf Nord Stream 2: Die Verzögerung der russisch-deutschen Pipeline trieb zuletzt die Gaspreise

Warten auf Nord Stream 2: Die Verzögerung der russisch-deutschen Pipeline trieb zuletzt die Gaspreise

Foto: MAXIM SHEMETOV / Reuters

Der Preisauftrieb in Deutschland wird noch stärker. Im Oktober stiegen die Preise, die Hersteller für ihre Waren erhalten, so stark wie seit 70 Jahren nicht mehr. Gegenüber dem Vorjahresmonat seien die Erzeugerpreise um 18,4 Prozent gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mit. Das ist der stärkste Zuwachs seit November 1951. Auch gegenüber dem Vormonat legten die Produzentenpreise deutlich um 3,8 Prozent zu. Die Erwartungen von Analysten wurden klar übertroffen.

Starke Preissteigerungen gab es bei Energie, die 48,2 Prozent teurer war als vor einem Jahr. Allein gegenüber dem Vormonat stiegen die Energiepreise um gut 12 Prozent. Erdgas war 81,4 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, Strom kostete knapp 50 Prozent mehr. Neben Energie waren auch viele Vorleistungsgüter wie Metalle und Holz wesentlich teurer. Dies ist eine Folge zahlreicher Verspannungen im internationalen Warenhandel, die überwiegend auf die Corona-Pandemie zurückgehen. Viele dieser Preise sind seit ihren Anfang bis Mitte Oktober erreichten Höchstständen allerdings wieder deutlich gesunken.

Die Erzeugerpreise sind eine von mehreren Komponenten, die auf die Verbraucherpreise einwirken. An den Lebenshaltungskosten wiederum richtet die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik aus. Zuletzt hat die Teuerung im Euroraum mit 4,1 Prozent deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB gelegen, in Deutschland lag die Rate noch höher. Die Notenbank hält den Preisauftrieb jedoch für eine übergangsweise Angelegenheit und erwartet, dass er sich im Laufe des kommenden Jahres zurückbildet. Diese Erwartung wird nach Einschätzung von Ökonomen aber zunehmend brüchig.

"Wir nehmen diese Phase der höheren Inflation nicht auf die leichte Schulter", versicherte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde (65), am Freitag bei einem im Internet übertragenen Frankfurter Bankenkongress. Die Notenbank dürfe aber "angesichts vorübergehender oder angebotsbedingter Inflationsschocks nicht zu einer vorzeitigen Straffung der Geldpolitik übergehen", bekräftigte Lagarde. "In einer Zeit, in der die Kaufkraft bereits durch höhere Energie- und Treibstoffkosten geschmälert wird, würde eine unangemessene Straffung einen ungerechtfertigten Gegenwind für den Aufschwung bedeuten."

Die EZB beobachte "sorgfältig", ob es doch Tendenzen zu einer länger anhaltenden höheren Inflation gebe. "Wir sind entschlossen, dafür zu sorgen, dass sich die Inflation mittelfristig bei unserem Ziel von 2 Prozent stabilisiert", betonte Lagarde. "Heute wird die Inflation weitgehend durch die außergewöhnlichen Umstände, die durch die Pandemie entstanden sind, in die Höhe getrieben." Daher müsse die Geldpolitik "geduldig und beharrlich bleiben", sagte die EZB-Präsidentin.

ak/dpa-afx
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