Dreimal mehr Reichweite Gerhard Cromme hofft auf die Wunderbatterie

Thyssenkrupp, Siemens, Allianz: Gerhard Cromme hatte eine exquisite Vorstands- und Aufsichtsratskarriere. Inzwischen setzt der 79-Jährige auf Start-ups. Nun will er einer angeblichen Superbatterie zum Durchbruch verhelfen.
Glaubt fest an Feststoffbatterien: Industrieveteran Gerhard Cromme

Glaubt fest an Feststoffbatterien: Industrieveteran Gerhard Cromme

Foto: Stefan Boness / imago/IPON

Gerhard Cromme (79) hat eine neue Aufgabe. Der Ex-Co-CEO von Thyssenkrupp und ehemalige Aufsichtsratschef von Siemens leitet künftig den Beirat des Berliner Batterie-Start-ups Theion. Mit Cromme ziehen auch die norwegische Investorin Stine Rolstad Brenna und Osman Dumbuya, CEO des Softwareunternehmens Incari in das neu geschaffene Gremium ein.

Theion wirbt mit einer regelrechten Wunderbatterie. Mit dem Feststoffakku der Berliner könnten Elektroautos beispielsweise dreimal weiter fahren als mit den derzeit gängigen Lithium-Ionen-Akkus. Doch wie soll das gehen?

Der Schlüssel liegt im Material. In der Kathode, der negativ geladenen Elektrode des Akkus, verzichtet Theion auf Rohmaterialien wie Nickel, Mangan oder Kobalt und verwenden stattdessen Schwefel in kristallinem Zustand. Ein Material, das anders als die erwähnten Batteriebestandteile "im Überfluss" vorhanden und im Vergleich "99 Prozent" günstiger sei. Darüber hinaus könne Schwefel umweltschonend gewonnen werden und könne deutlich mehr Energie speichern.

Kohlenstoff-Nanoröhrchen sollen die Leitfähigkeit der Kathode zusätzlich erhöhen. Statt auf einen flüssigen setzen sie zudem auf einen Festelektrolyten. Die Energiedichte könne bei 1000 Wattstunden liegen – gegenüber 300 Wattstunden bei Lithium-Ionen-Akkus. Für die Produktion brauche man nur ein Drittel des Platzbedarfs der bekannten Gigafabriken und 90 Prozent weniger Energie. Auch die Investitionskosten könnten um ein Drittel sinken.

Wo ist der Haken?

Bei so vielen vermeintlichen Vorteilen stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Haken. Noch sind die Versprechen des 2020 gegründeten Unternehmens graue Theorie. Die Wunderbatterie befindet sich im Forschungsstadium, in den kommenden Monaten will Theion "die Entwicklung vorantreiben". Ende 2024 soll dann die Serienproduktion anlaufen, mit einer Massenfertigung rechnet das Start-up laut eigener Webseite im Jahr 2027.

Als Kunden hat das Team um CEO Ulrich Ehmes zunächst Unternehmen aus dem Luft- und Raumfahrtsektor im Blick. Später sollen die "mobilen Batterien" auch in tragbaren Geräten und Fahrzeugen zum Einsatz kommen. In der Vergangenheit erklärte Ehmes, dass er gerne auch einmal bei Tesla anklopfen würde, um die Technologie vorzustellen.

Batterien mit gigantischer Energiedichte versprechen verschiedene Start-ups immer wieder. Der Durchbruch ist bislang aber keinem davon gelungen. Bei neuartigen Akkus stellt sich vor allem die Frage nach ihrer Zuverlässigkeit. Gerade beim Laden und Entladen müssen Batterien stabil sein. Der "Wirtschaftswoche" sagte Ehmes: "Statt bisher 20 bis 30 Ladezyklen brauchen wir aber mindestens 500 oder über 1000." Sollte Theion das nicht nachweisen können, droht das Aus.

Flugtaxi-Branche als erster Abnehmer?

Vor rund zehn Jahren war es beispielsweise Envia so ergangen. Die vermeintliche Wunderbatterie der Gründer Sujeet Kumar und Michael Sinkula, die den Autobauer General Motors als Investor angezogen hatte, entpuppte sich als Flop. Nach nur drei Ladezyklen nahm die Leistung der Prototypen stark ab. Envia wurde schließlich abgewickelt. Heute träumen Kumar und Sinkula mit ihrer Neugründung Zenlab erneut vom Super-Akku – und haben dafür beispielsweise das deutsche Flugtaxi-Start-up Lilium an der Angel .

Auch Theion kann sich den Einsatz seiner Batterien in Flugtaxis vorstellen. Dazu passt der Hauptinvestor des Unternehmens: Lukasz Gadowski hält mit seiner Holding Team Global bereits Anteile an den drei Flugtaxi-Start-ups Archer, Autoflight und Volocopter. Selbst trat er einst als Mitgründer von Delivery Hero in Erscheinung. Die Aufnahme von Theion in sein Portfolio bezeichnet er selbst als "äußerst synergethisch".

Und Gerhard Cromme? Nach seiner illustren Laufbahn, die ihm auch Aufsichtsratsposten beispielsweise bei der Allianz, Lufthansa und Eon einbrachte, hat der 79-Jährige in den letzten Jahren verstärkt ein Interesse an Start-ups entwickelt. So ist er etwa Aufsichtsratschef von Auto1. Zu seinem neuen Zusatzjob sagt Cromme: "Theion hat mich davon überzeugt, dass Schwefel – ohne aufwendigen Bergbau, zu geringen Kosten und mit einer hohen Energiedichte – bei Weitem eine der besten Alternativen für eine leistungsstarke Batterie ist, und das mit einer lokal gesicherten Versorgung." Er wolle dabei helfen, das Unternehmen so "auf die nächste Stufe" zu bringen.

Bisher arbeitet Theion von Berlin aus, in der Roadmap des Start-ups stehen aber bereits Expansionspläne für Europa, Asien und die USA. Klingt nach einem teuren Unterfangen. Ein gut vernetzter Industrieveteran wie Gerhard Cromme kann bei der Suche nach Geldgebern sicher helfen.

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