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Energie-Potpourri mit Stroh und Co.: So will Hamburg seine Wärmeversorgung revolutionieren

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Hamburgs Wärme-Revolution Radikale Energiewende - Hamburg zapft Firmen an

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Energie-Potpourri mit Stroh und Co.: So will Hamburg seine Wärmeversorgung revolutionieren

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Von Revolution ist die Rede in Hamburg, aber auch von Kostenexplosion und Chaos: Mit einem weltweit wohl einmaligen Konzept will der Stadtstaat in wenigen Jahren eine radikale Energiewende vollziehen. Ein Mix aus völlig verschiedenen Energiequellen soll die Kohle zurückdrängen und das Fernwärmesystem sauberer machen.

In kaum einem Bundesland ist das Thema Energie so umstritten wie in Hamburg: Vor knapp zwei Jahren nahm Vattenfall das Kohlekraftwerk Moorburg ans Netz, eines der größten der Bundesrepublik. Senat und Versorger hatten sich zuvor gegen den erbitterten Widerstand von Umweltschützern durchgesetzt.

Diese wiederum hatten 2013 ihren größten Erfolg erzielt: Mit knapper Mehrheit stimmten die Hamburger für den Rückkauf der Strom-, Gas- und Fernwärmenetze. Sozialverträglicher und umweltfreundlicher sollte die Energieversorgung werden.

Seither versucht sich der Senat an diesem Projekt, und der dickste Brocken ist die Fernwärme. Heizungen in mehr als 400.000 Hamburger Wohnungen laufen mit Warmwasser, das bisher zum Großteil in zwei alten Kohlekraftwerken erhitzt und durch dicke Leitungen zu Großsiedlungen und anderen Wohngebieten transportiert wird.

Die Kraftwerke sind Teil des Fernwärmenetzes, das die Stadt 2019 gemäß Volksentscheid von Vattenfall übernehmen will. In diesem Bereich kann der Senat die Energiewende am stärksten beschleunigen, indem er die Kohlekraftwerke durch sauberere Lösungen ersetzt.

"Das ist der Auftrag aus dem Volksentscheid", sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). "Wir werden neue Wege gehen und Dinge tun, die in der Welt noch nicht getan wurden."

Dieses nicht zuletzt technische Neuland elektrisiert manche Hamburger, während es andere wegen mangelnder Erprobung eher frösteln lässt:

  • In mehreren Hamburger Großindustrie-Betrieben soll Hitze, die bei der Produktion entsteht, ausgekoppelt und ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Mit Trimet (Aluminium), ArcelorMittal (Stahl) und Aurubis (Kupfer) laufen Verhandlungen. Zusammen könnten die Anlagen knapp ein Viertel der Wärme des alten Kohlekraftwerks Wedel bereitstellen. Das Kraftwerk hat eine Wärmeleistung von 390 Megawatt.
  • Riesige Wärmepumpen sollen Energie aus Elb- oder Klärwasser gewinnen. Favorisierter Standort ist das große Klärwerk Dradenau im Hamburger Hafen.
  • Müllverbrennungsanlagen sollen mehr Heizenergie liefern als bisher.
  • Ein mit Stroh beheiztes Kraftwerk soll an den kältesten Tagen die Spitzenlast abdecken.
  • Solarthermische Anlagen könnten im Sommer große Teile des Warmwasserbedarfs decken.
  • Eventuell ergänzen kleinere Gas-Heizwerke den Mix.

Technischer Clou des Konzepts: Ein gigantischer unterirdischer Wärmespeicher

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Erdwärmepumpen: Heizkraft aus der Erde

Foto: Bundesverband Wärmepumpe (BWP)

Technologischer Clou des Konzepts ist ein gigantischer Grundwasser-Wärmespeicher unter der Stadt. Das Prinzip: Im Sommer wird überschüssige Wärme, die beispielsweise bei den Industriebetrieben anfällt, unter die Erde geleitet. Dazu wird Wasser auf 80 Grad erhitzt und in den Boden gepumpt.

Im Winter holen Pumpen das immer noch 65 Grad warme Wasser wieder hervor. In einer Müllverbrennungsanlage wird es auf 135 Grad erhitzt und so für den Einsatz im Fernwärmenetz vorbereitet. Der Speicher soll immerhin 10 Prozent der Wärmeversorgung des Kraftwerks Wedel speichern, zitiert die "Hamburger Morgenpost"  den Chef des städtischen Energieversorgers Hamburg Energie.

Angesichts des bunten Energie-Potpourris fürchten Kritiker allerdings, dass das Konzept Hamburg womöglich überfordert. Der unterirdische Speicher sucht weltweit seines gleichen, und nötig sind je nach Szenario teure neue Fernwärmeleitungen.

"Die Wärmewende ist nichts als eine Summe von Prüfaufträgen", zitiert das Hamburger Abendblatt den FDP-Wirtschaftspolitiker Michael Kruse. Die Linke befürchtet, eines Tages werde mangels günstiger Alternativen anders als versprochen doch die Abwärme des verhassten Kraftwerks Moorburg angezapft und durch die neuen Leitungen in die Hamburger Haushalte transportiert.

Völlig unklar ist zudem, welchen Preis die Hamburger unterm Strich für die schöne neue Energiewelt bezahlen müssen. Auch deshalb verzögert sich die endgültige Entscheidung des Senats über das Wärmekonzept in den Herbst dieses Jahres.

Der Aufsichtsrat der Wärmegesellschaft hat allerdings trotzdem schon mal sechs Millionen Euro bewilligt - unter anderem, um die Kosten für das Gesamtprojekt zu ermitteln.

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