Ökostromanteil sinkt Erneuerbare auf dem Rückzug

Erstmals seit Jahren sinkt der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromproduktion. RWE-Chef Markus Krebber fordert eine schnelle politische Korrektur: Wind- und Sonnenkraft müssten doppelt so schnell ausgebaut werden.
Rückschlag vom Rekord: Wind- und Solarkraftanlagen

Rückschlag vom Rekord: Wind- und Solarkraftanlagen

Foto: via www.imago-images.de / imago images/U. J. Alexander

Ökostrom aus Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Energiequellen hat im ersten Halbjahr nach Branchenangaben 43 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland gedeckt - und damit weniger als im Vorjahreszeitraum. Insbesondere das erste Quartal sei ungewöhnlich windstill und arm an Sonnenstunden gewesen. Die Erzeugung aus Windenergie an Land und auf See ging um rund 20 Prozent zurück, wie vorläufige Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigen.

Im Vorjahreszeitraum lag den Angaben zufolge der Anteil der Erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch bei rund 50 Prozent. Im ersten Halbjahr 2020 gab es Rekorde bei der Stromerzeugung aus Solarenergie und Windenergie an Land gegeben. Falls die Tendenz sich im traditionell schwächeren zweiten Halbjahr nicht umkehrt, würde 2021 das erste Jahr seit 2003, in dem der Ökostromanteil schrumpft.

Der Ausbau erneuerbarer Energien gilt als entscheidend, damit die von der Politik beschlossenen höheren Klimaziele erreicht werden können. Das Tempo müsse deutlich angezogen werden, forderte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae (52). "Für das höhere CO2-Einsparziel ist ein Anteil von mindestens 70 Prozent Erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2030 erforderlich." Das bisherige Ziel der Bundesregierung ist ein Anteil von 65 Prozent, wurde nach dem jüngst verschärften Klimaschutzgesetz aber noch nicht angepasst. Die Weichen müssten nun zeitnah gestellt werden, so Frithjof Staiß, geschäftsführender Vorstand des ZSW. Er verwies auf Planungsprozesse und Investitionsentscheidungen.

RWE-Chef fordert doppeltes Ausbautempo

Auch RWE-Chef Markus Krebber (48) forderte eine schnelleren Umstieg auf erneuerbare Energien. "Die Ausbau­ge­schwin­dig­keit in Deutsch­land muss deut­lich mehr als verdop­pelt werden, wenn das Land seine Klima­schutz­zie­le errei­chen soll", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonnatsgzeitung" . Er kritisierte zähe Gemehmigunsgverfahren, die RWE bei der Neuausrichtung bremsten. Es dauere fünf bis sieben Jahre, bis RWE in Deutsch­land die Geneh­mi­gung für den Bau eines neuen Wind­parks bekom­me. "Das ist viel zu lang."

Krebber forderte mehr Unterstützung von Politik und Justiz und Akzeptanz für neue Ökostromanlagen in der Bevölkerung. "Alles zugleich werden wir nicht hinbekommen: Komplett grün zu werden, eine leistungsfähige Industrie zu bewahren, aber nirgendwo ein Windrad aufzustellen." Zugleich erklärte Krebber, der Ausbau von Sonnen- und Windkraft allein genüge nicht. Es müsse auch in Speichertechnologien investiert werden, und in neue Gaskraftwerke als Reserve, um eine "schleichende Deindustrialisierung" Europas zu verhindern, die drohe, wenn die Stromproduktion und der Preis vom Wetter abhängen. Dafür sei eine Perspektive nötig, neue Gaskraftwerke später auf grünen Wasserstoff umzustellen. In bald abzuschaltende Anlagen werde niemand investieren.

ak/dpa-afx, Reuters
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