Sonntag, 21. April 2019

Was der Eon/RWE-Deal und die Groko-Pläne für die Energiebranche bedeuten "Milliarden werden in den Wind geschrieben"

RWE und Eon: "Deutschland ist mit Bravour in die Welt der erneuerbaren Energien gestartet und hat ab 2012 dramatisch nachgelassen. Nun werden wir links und rechts von anderen Ländern überholt"

5. Teil: "Es kann so laufen wie in den USA"

mm.de: Die Bundesregierung will ein Fraunhofer-Institut für Speichertechnologien einrichten. Reicht das aus, um diese Technik mit Kraft voranzubringen?

Paskert: Ich hätte mir gewünscht, dass Speicher zu einer neuen Säule des Energiesystems aufgebaut worden wären. Das fordern zwar ständig Experten, die Politik setzt es aber nicht um. Speicher können Wind und Sonne dauerhaft verfügbar machen. Diese Logik geht doch jedem auf. Deshalb wird man an dem Thema auch nicht vorbeikommen. Das ist zwingend erforderlich, um die Energiewende wirklich zu einem Erfolg zu führen. Die meisten Speicher lassen sich bislang aber nicht kommerziell betreiben. Die Renditen schwanken sehr stark. Es gibt also ein hohes unternehmerisches Risiko. Deshalb fließt zu wenig Kapital dorthin.

mm.de: Das hört sich stark nach einem neuen Subventionsfass an.

Paskert: Nein. Es kann so laufen wie in den USA. Die Amerikaner verpflichten die Netzbetreiber, einen bestimmten Teil des Netzausbaus mit Speichern zu machen. Dann fließt automatisch ein Teil des regulierten Tarifs in die Speicher. Man braucht also keinen neuen Fördertopf, sondern schichtet die Mittel einfach um.

mm.de: Wie weit ist Deutschland bei der Speichertechnologie hintendran?

Dierk Paskert
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    Encavis
    Dierk Paskert (56), ein ehemaliger Eon-Topmanager, führt seit September 2017 die Encavis AG (früher: Capital Stage). Das im S-Dax notierte Hamburger Unternehmen betreibt 170 Solar- und 65 Windparks und ist einer der größten konzernunabhängigen Ökostromanbieter in Europa (Jahresumsatz: 220 Millionen Euro).

Paskert: Es gibt jetzt eine Kommission, die sich mit all diesen Fragen beschäftigt. Vor drei bis fünf Jahren wird die aber nichts Konkretes vereinbaren. Das dauert mir viel zu lange. Da könnte man sehr viel mehr leisten. Es wäre schön gewesen, wenn die Regierung zu den geplanten je 4000 Megawatt Wind und Photovoltaik auch noch den verpflichtenden Einsatz von Speichern in den Koalitionsvertrag aufgenommen hätte. Das Thema Speicher hätte mehr Leuchtkraft verdient.

mm.de: Auch Mieter können ihren eigenen Sonnenstrom produzieren, etwa auf dem Balkon. Was halten Sie davon?

Paskert: Technologisch ist das kein Problem. Ob die Balkon-Sonne allerdings schnell zu einem Massenmarkt wird, da habe ich meine Zweifel. Aber klar ist: Produktion und Speicherung von Energie werden immer dezentraler. Der Einzelne mutiert vom Konsumenten zum Produzenten und macht sich vom örtlichen Versorger unabhängig. Das stellt unser Energiesystem auf den Kopf. So ist meiner Meinung nach auch die Offshore-Euphorie aufgrund der immensen Infrastrukturkosten völlig übertrieben. 10 bis 15 Jahre dauert es, von der Planung bis zur Inbetriebnahme der Transportsysteme. In dieser Zeit haben wir vielleicht längst einen so großen dezentralen Strommarkt, dass wir alle Offshore-Anlagen gar nicht mehr brauchen. Die Gefahr ist groß, dass hier Milliarden in den Wind geschrieben werden.

mm.de: Herr Paskert, Encavis hat sich viel vorgenommen für die Zukunft...

Paskert: ... wir wollen von 1 500 Megawatt, die wir zurzeit mit unseren Wind- und Solarparks erzeugen, auf 2 500 in den nächsten drei Jahren wachsen.

mm.de: Übernehmen Sie sich da nicht?

Paskert: Wir haben bislang jedes Jahr unsere Megawattzahl verdoppelt. Die Umsätze wachsen allerdings nicht proportional mit, weil die Vergütungen pro Kilowattstunde so stark gesunken sind.

mm.de: Encavis will Anlagen weiterbetreiben, deren EEG-Förderung termingerecht nach 20 Jahren ausläuft. Ein gutes Geschäft?

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Paskert: Die ersten Photovoltaik-Anlagen fallen 2023 aus der Förderung. Die Anlagen sind kaum abgenutzt. Die Sonne scheint umsonst, die Geräte sind abgeschrieben. Die produzieren also Strom nahe null Cent. Das werden wir natürlich nutzen. Man braucht allerdings Nutzungsrechte an dem Grundstück, die in der Regel nach 30 Jahren auch auslaufen. Wir haben uns 10 Prozent der Grundstücke bereits gesichert. Bei Windparks ist der Weiterbetrieb nicht so ohne weiteres möglich, weil die Anlagen nach 20 bis 30 Jahren in der Tat technisch abgenutzt sind. Hier könnte man allenfalls über Repowering nachdenken. Aber ob sich das rechnet? Da habe ich große Zweifel.

mm.de: Entwickelt sich das Business immer stärker von Deutschland weg?

Paskert: Wir sind der größte Photovoltaikbetreiber hier zu Lande. Und Deutschland bleibt ein wichtiger Markt für uns, allerdings nur im Bestand. Wir kaufen nur noch in kleinen Schritten zu, mal hier, mal dort 10 Megawatt. Denn die Rendite für neue Anlagen ist enorm unter Druck geraten. Der holländische Markt ist lukrativer. Italien erlebt eine Renaissance als PPA-Markt, nachdem die Tarife stark gekürzt worden waren. Und die Iren fangen gerade erst an.

mm.de: Wie viel lässt sich im Ausland verdienen im Vergleich zu Deutschland?

Paskert: Wenn bei deutschen Photovoltaik-Anlagen Renditen von rund 5 bis 6 Prozent erzieltwerden können, bekommt man etwa in Irland 7 bis 8 Prozent.

mm.de: Sie wollen sich sogar in Mexiko engagieren. Ist das nicht für ein kleines Unternehmen wie Encavis ein unkalkulierbares Abenteuer?

Paskert: Ganz und gar nicht. Photovoltaik ist eine simple Technologie, und sie braucht wenig Betreuung vor Ort. Das Überwachen funktioniert digital, das kann ich also von Deutschland aus leisten. Mexiko ist ein hoch interessanter Markt. Dort scheint die Sonne im Schnitt 2.000 Stunden pro Jahr, in Deutschland sind es weniger als 1.000. In Mexiko kann ich die Kilowattstunde für 2 Dollar-Cent anbieten, das ist die günstigste Erzeugung, die es gibt.

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