Energiewende Wo Deutschland versagt - und wo brilliert

Kohlekraftwerk und Windräder in Niedersachsen

Kohlekraftwerk und Windräder in Niedersachsen

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Blockheizkraftwerk, Solaranlage, Batterie: Wie ein Selbstversorger-System funktioniert

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Was macht eigentlich - die Energiewende? Seit einigen Jahren ist es eher ruhig geworden um Atomausstieg, Netzausbau-Chaos und Strompreisschocks.

Doch das heißt nicht, dass es jetzt auf einmal rundläuft bei Deutschlands wohl bedeutendstem wirtschaftspolitischen Großprojekt, das inzwischen weltweit auf ganz unterschiedliche Weise nachgeahmt wird.

Die Unternehmensberatung McKinsey wertet die Fort- und Rückschritte seit 2012 aus. Das aktuelle Zwischenfazit fällt derzeit in vielen Punkten verheerend aus - doch es gibt auch einige echte Lichtblicke.

Klimaschutz: Das große Problem der Energiewende

Kohlekraftwerk in Hanau

Kohlekraftwerk in Hanau

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Tops und Flops: Das sind Deutschlands größte Klimaschützer und -sünder

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Ausgerechnet das vielleicht wichtigste Ziel der Energiewende rückt in die Ferne : Bis zum Jahr 2020 soll der Ausstoß von Kohlendioxid in Deutschland um 40 Prozent sinken (verglichen mit 1990). Doch erreicht waren bis 2015 erst 28,1 Prozent, und zuletzt stagnierte der CO2-Ausstoß. Fachleute gehen davon aus, dass nur 30 bis 35 Prozent zu schaffen sind.

Die Ursachen dieses Problems liegt jedoch nicht nur bei der Stromerzeugung, die den Kern der deutschen Energiewende darstellt. Vor allem die Autos werden in Deutschland größer und schlucken mehr Sprit. Zudem wird mehr gefahren. Beim Heizen gehen die Emissionen ebenfalls nicht so stark zurück wie erforderlich.

Im Stromsektor schlägt der Atomausstieg negativ zu Buche. Kernkraftwerke erzeugen Elektrizität fast ohne CO2-Ausstoß, doch sie gehen nach und nach vom Netz. Zusätzlicher Strom aus erneuerbaren Energien gleicht das zwar aus - viel mehr aber auch nicht. Zudem lohnt sich der Betrieb CO2-armer Gaskraftwerke wegen billiger Kohle und billiger Emissionszertifikate oft nicht (trotz einer leichten Trendwende in diesem Punkt zuletzt).

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 44 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist unrealistisch.

Strom aus erneuerbaren Energien: Das Unmögliche möglich gemacht

Windkraftanlagen bei Paderborn

Windkraftanlagen bei Paderborn

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Ranking: Das waren 2015 Deutschlands wichtigste Stromquellen

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Lange hat die Energiebranche rundweg abgestritten, dass Windkraft und Sonnenenergie überhaupt einen nennenswerten Beitrag zur Stromerzeugung leisten können. Diese Vorhersage ist inzwischen eindrucksvoll widerlegt.

Zuletzt lag der Anteil erneuerbarer Energien an der Deckung des deutschen Stromverbrauchs bei gut 35 Prozent. Angepeilt waren zum gegenwärtigen Zeitpunkt eigentlich erst knapp 30 Prozent.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 143 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist realistisch.

Primärenergieverbrauch: Sparsamkeit ist eine Zier...

Porsche Cayenne in Leipzig

Porsche Cayenne in Leipzig

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Energie-Potpourri mit Stroh und Co.: So will Hamburg seine Wärmeversorgung revolutionieren

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Die Kennziffer beschreibt die gesamte Energiemenge, die in Deutschland gebraucht wird, um beispielsweise zu heizen, Strom zu erzeugen, Erz zu schmelzen oder Auto zu fahren. Geplant ist, diese Menge von 2008 bis 2020 um 20 Prozent abzusenken - vor allem durch Effizienzmaßnahmen und den Ausbau von primärenergie-armen Windkraft- und Solaranlagen.

Die gute Konjunktur und andere Faktoren machen der Politik jedoch einen Strich durch die Rechnung - ähnlich wie beim CO2-Ausstoß. Der Verbrauch sinkt langsamer als geplant. Immerhin ist zu beobachten, dass sich das Wirtschaftswachstum vom Primärenergieverbrauch entkoppelt hat.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 46 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist unrealistisch.

Stromverbrauch: Im Land der Elektrizitäts-Junkies

Aluminiumwerk Trimet in Hamburg

Aluminiumwerk Trimet in Hamburg

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E-Golf fliegt aus den Top Ten: Das waren 2016 die "erfolgreichsten" Elektroautos in Deutschland

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Beim Stromverbrauch ist es ähnlich wie bei der Primärenergie - Sparen ist leicht gesagt, aber schwer getan. Zwar verringern LED-Lampen und andere Effizienz-Techniken den Elektrizitäts-Konsum. Auf der anderen Seite treiben ihn das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, Elektroautos und Klimaanlagen (zumal die Sommer über die Jahre heißer werden).

Ziel der Regierung ist es, dass 2020 10 Prozent weniger Strom in Deutschland verbraucht werde als 2008.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 54 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist zunehmend unrealistisch.

Blackout-Gefahr: Wenn es plötzlich dunkel wird

Stromausfall in Kuba

Stromausfall in Kuba

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Energiewende gleich Blackouts - mit diesem Szenario haben Skeptiker lange vor fatalen Folgen von schwankender Einspeisung von Wind- und Solarstrom gewarnt. Manche Unternehmen schafften nach dem plötzlich beschleunigten Atomausstieg sogar massenhaft Generatoren an.

Die Warnungen scheinen derzeit übertrieben. Offizielles Ziel ist, dass der Strom in jedem Haushalt höchstens 17 Minuten im Jahr ausfällt. Tatsächlich waren es zuletzt 12,7 Minuten. Auch eine Sonnenfinsternis am Mittag konnte dem Stromnetz vor gut zwei Jahren nichts anhaben.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu über 100 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist absolut realistisch.

Eingriffe ins Netz: Milliardenteure Strom-Umleitung

Schaltleitung des Stromnetzbetreibers Tennet bei Hannover

Schaltleitung des Stromnetzbetreibers Tennet bei Hannover

Foto: Ole Spata/ dpa

Die offensichtlich geringe Blackout-Gefahr wird allerdings mit Geld erkauft. Mitarbeiter in den Stromnetz-Steuerzentren betreiben ein aufwändiges Kraftwerks- und Stromnetzmanagement. Auf ihre Anforderung werden Stromflüsse umgeleitet, Blöcke herauf- und andere heruntergefahren.

Als Ziel definiert McKinsey, dass diese Kosten auf dem Stand von 2008 bleiben (ein Euro pro Megawattstunde). Zuletzt lagen sie allerdings bei 7,34 Euro, also um ein Vielfaches höher als 2008. Immerhin ist die Tendenz inzwischen fallend und die Kosten liegen deutlich unter einem Worst-Case-Szenario von gut 15 Euro.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 55 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist unrealistisch.

Stromreserve: Reicht der Saft?

Reserve-Kraftwerk in Großkayna (Sachsen-Anhalt)

Reserve-Kraftwerk in Großkayna (Sachsen-Anhalt)

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Wenn all die Atomkraftwerke werke vom Netz gehen - gibt es dann an kalten Wintertagen überhaupt noch genügend Strom? Zumal ja auch nicht immer der Wind weht und sich Rotoren drehen oder die Sonne Photovoltaikanlagen anstrahlt. Es muss also immer ein Kraftwerkspark vorhanden sein, der beim maximal denkbaren Verbrauch in Deutschland genügend Strom liefert.

Tatsächlich gibt es trotz zahlreicher Abschaltungen diese Sicherheitsreserve noch: Die verfügbare Leistung liegt 4,2 Prozent über der maximalen Last. Ein Verhältnis, das sich allerdings theoretisch ändern könnte, wenn nun nach dem Atomausstieg ein verschärfter Kohleausstieg kommt.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu mehr als 100 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist realistisch.

Netzausbau: Leitung sucht Trasse

Prototypen für Erdkabel in Göttingen

Prototypen für Erdkabel in Göttingen

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Dieses Wehklagen ist so etwas wie die Grundmelodie der Energiewende: Es gibt massenhaft Windräder und Solaranlagen, aber zu wenig Hochspannungsleitungen, um den Strom abzutransportieren. Mit aufwändiger Bürgerbeteiligung und Milliarden für Wutbürger-kompatiblen Erdkabeln wollen die Netzbetreiber des Problems Herr werden.

Allein - der Ausbau braucht Zeit. Bis zum Jahr 2020 sollen 3582 Kilometer Leitungen gezogen sein. Zuletzt ging es zwar etwas schneller voran, doch der tatsächliche Wert liegt mit 816 Kilometern noch immer sehr niedrig.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 49 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist unrealistisch.

Stromaustausch mit dem Ausland: Freie Bahn für freien Markt (?)

Stromleitungen in Mecklenburg-Vorpommern

Stromleitungen in Mecklenburg-Vorpommern

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Nordlink Stromkabel: Deutschland zapft Norwegen an

Foto: Volker Kühn

Die deutsche Energiewende ist keine rein nationale Angelegenheit - Nachbarstaaten wie Polen, die Niederlande oder Österreich spüren das Projekt ebenfalls und werden für die erfolgreiche Umsetzung gebraucht. So wird Windstrom bei Sturm exportiert, Elektrizität aus Atom- (Frankreich) oder Wasserkraft (Norwegen) bei Flaute importiert. Leistungsfähige "Grenzübergänge" für Strom sind daher wichtig.

Der Zubau Tausender Windräder auf der einen Seite, Netzengpässe auf der anderen beeinträchtigen derzeit jedoch den reibungslosen Stromaustausch mit den Nachbarn. Idealerweise sollten sich 10 Prozent der deutschen Erzeugungskapazität im- oder exportieren lassen. Derzeit sind es nur 7 Prozent.

Fazit von McKinsey: Die Ziele sind zu 70 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 bedarf starker Anpassung.

Strompreis für Verbraucher: Licht an, Portmonee leer

Stromzähler

Stromzähler

Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa
Strompreise und Ökostrom-Anteil im Zeitverlauf

Strompreise und Ökostrom-Anteil im Zeitverlauf

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Nur in Dänemark ist Strom für Verbraucher europaweit teurer als in Deutschland (knapp 31 Cent pro Kilowattstunde). Hintergrund sind unter anderem die Ökostrom-Abgabe ("EEG-Umlage"), Steuern und Netzgebühren. Nachdem der Preis einige Jahre weitgehend konstant geblieben ist, ging es zuletzt wieder leicht aufwärts.

Entscheidend für die McKinsey-Wertung ist die Differenz des deutschen zum durchschnittlichen europäischen Haushaltsstrompreis. Und diese hat sich zuletzt auf gut zehn Cent erhöht.

Fazit von McKinsey: Das Ziel ist nur zu 4 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist total unrealistisch.

Strompreis für die Industrie: Da geht was

Fertigung des Porsche Panamera in Leipzig

Fertigung des Porsche Panamera in Leipzig

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Firmen versorgen sich selbst mit Strom: Meine Leute, mein Fuhrpark, mein Kraftwerk

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Beim Industrie-Strompreis ist die Sache komplizierter. Für Unternehmen verschiedener Branchen und Größen gelten völlig unterschiedliche Stromtarife. Insbesondere variiert die Belastung mit den zahlreichen Steuern und Abgaben.

Der typische Industriestrompreis ist in Deutschland zuletzt allerdings schneller gesunken als im europäischen Durchschnitt. Er betrug Ende 2016 9,65 Cent pro Kilowattstunden (Europa: 8,51 Cent).

Fazit von McKinsey: Das Ziel ist zu 42 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist unrealistisch.

EEG-Umlage: Teure, große Kugel Eis

Eiskugeln in Düsseldorf

Eiskugeln in Düsseldorf

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Was kostet die Ökostromförderung die Verbraucher? Legendär ist dazu der Satz  von Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) aus dem Jahr 2004: "Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund 1 Euro im Monat kostet - so viel wie eine Kugel Eis."

Tatsächlich ist Trittins Eiskugel inzwischen etwa so groß wie eine rundliche Teekanne - und kostet etwa 14 Euro (6,88 Cent pro Kilowattstunde). So viel kommt für die EEG-Umlage inzwischen netto monatlich pro Haushalt zusammen (bei einem Stromverbrauch von 2500 Kilowattstunden im Jahr). Auch wenn der Ausbau erneuerbarer Energien viel schneller erfolgt ist als erwartet, den Börsenstrompreis gedrückt hat und womöglich Klimafolgekosten vermeidet - auf dem Papier ist er erst mal teurer als erhofft.

Fazit von McKinsey: Das Ziel ist zu 3 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist krachend unrealistisch.

Jobs in der Ökostrom-Branche: Hoch hinaus

Turbinenfertigung des Windkraftanlagenbauers Nordex in Rostock

Turbinenfertigung des Windkraftanlagenbauers Nordex in Rostock

Foto: Bernd W¸stneck/ picture alliance / Bernd W¸stnec
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Solarworld: Aufstieg und Fall des Frank Asbeck

Foto: Jan Woitas/ dpa

Nach anfänglicher Euphorie um Solarworld  und Co. hat der Arbeitsmarkt im Bereich erneuerbare Energien manchen Rückschlag erlitten. Zuletzt hat sich die Lage aber wieder stabilisiert - 330.000 Mitarbeiter zählt die Branche in Deutschland.

Fazit von McKinsey: Das Ziel ist zu 102 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist realistisch.

Jobs in energieintensiven Industrie: Wo bleibt die Deindustrialisierung?

Kupferproduktion bei Aurubis in Hamburg

Kupferproduktion bei Aurubis in Hamburg

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Zum Schreckensbild der Energiewende gehörte lange auch eine wahlweise schleichende oder schlagartige Deindustrialisierung der deutschen Volkswirtschaft. Insbesondere hohe Strompreise hätten zur Folge, dass energieintensive Unternehmen ins Ausland abwanderten und gar Konkurs anmelden müssten. So argumentierten viele Gewerkschafts- und Industrievertreter.

Politiker wie der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) haben derartige Warnungen sehr ernst genommen und Teile der Industrie von der Energiewende-Finanzierung fast völlig befreit. Inzwischen ist Strom für energieintensive Großverbraucher in Deutschland sogar konkurrenzlos günstig. Die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich steigt und die Zahl der Beschäftigten übertrifft den Zielwert von 1,27 Millionen.

Fazit von McKinsey: Das Ziel ist zu 119 Prozent erreicht, die Zielerreichung bis 2020 ist realistisch.