Freitag, 22. November 2019

Marktverzerrung durch deutschen Einheitsstrompreis Wie Deutschland Europas Strommarkt unter Druck setzt

Stromengpass zwischen Nordost- und Südwestdeutschland: Günstiger produzierter Strom sollte vom Nordosten nach Südwesten Deutschlands fließen, kann dies aber nicht, weil die Übertragungsnetze hierfür nicht in ausreichendem Maße ausgebaut sind

2. Teil: Marktpreis und physikalische Realität fallen auseinander

Insgesamt verzerrt das Auseinanderfallen von Marktpreis und physikalischer Realität die innereuropäischen Stromflüsse, und das mittlerweile in einer Größenordnung, dass sich ACER - auf Betreiben des polnischen Übertragungsnetzbetreibers - genötigt gesehen hat, einzugreifen.

Die von ACER vorgeschlagene "Grenzziehung" zwischen Österreich und Deutschland würde das Problem kurzfristig vermindern. Denn der innerdeutsche physikalische Engpass würde zumindest teilweise administrativ an die deutsche Außengrenze verschoben. Dadurch würde die österreichische Nachfrage nach deutschem Strom künstlich verringert. Zu erwarten ist, dass eine solche Maßnahme die Preise in Österreich steigen lassen würde. Dementsprechend harsch fallen auch die Reaktionen in unserem Nachbarland aus. Europapolitisch wird eine solche künstliche Grenze das Konzept des EU-Binnenmarkts ebenso schwer belasten wie die jüngsten Kapriolen der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik das Vertrauen in das Schengener Abkommen untergraben haben.

Dabei gäbe es eine energiewirtschaftlich wie europapolitisch eine viel einfachere Lösung, welche ACER wohl auch liebend gerne vorgeschlagen hätte, hierzu aber über kein Mandat verfügt: die Behandlung des Engpasses dort, wo er sich befindet; nämlich innerhalb Deutschlands. Würde man Deutschland in zwei Gebotszonen aufteilen, wäre der Engpass für alle Marktteilnehmer im In- und Ausland transparent, und die Stromflüsse würden sich danach ausrichten. Beispielsweise würde Frankreich in Engpassstunden nach Südwestdeutschland exportieren, statt wie derzeit trotz des innerdeutschen Engpasses den eigentlich zu teuren südwestdeutschen Strom zu importieren. Auch könnten österreichische Pumpspeicher dann die bayerische Solarerzeugung ausregeln, weil deren Preiseffekte in der südwestdeutschen Preiszone wirksam zu Tage träten.

Darüber hinaus würden sich aus der Transparenz über den Wert des Engpasses auch richtige und wichtige Informationen für den Wert von Investitionsentscheidungen ergeben. Sei es für Kraftwerks- oder Speicherinvestitionen im Nordosten oder Südwesten (oder auch in Österreich oder der Schweiz), sei es für die Netzinvestitionen, die geeignet sind, den Engpass zu verringern. Eine solche Schaffung engpassorientierter Gebotszonen ist im Grundsatz sogar in den Statuten des Binnenmarkts vorgesehen, unterliegt aber der Souveränität des jeweiligen Nationalstaats.

Doch die deutsche Regierung scheut diese Transparenz, ebenso weite Teile der deutschen Stromwirtschaft. Denn dann würde offensichtlich, dass weitere Investitionen in Windanlagen in Nordostdeutschland faktisch noch um einiges teurer sind als gedacht, weil der Marktwert des von ihnen erzeugten Stroms wegen des Engpasses entsprechend geringer ist.

Und es würde sichtbar, dass die westdeutsche Braunkohle energiewirtschaftlich anders zu betrachten ist als die ostdeutsche - nämlich als derzeit wertvolle. Zudem würde in den innerdeutschen Preisdifferenzen der Standortnachteil Süddeutschlands überdeutlich, der zu Zeiten von Franz Josef Strauß ja gerade durch den Bau der jetzt abzuschaltenden Kernkraftwerke ausgeglichen werden sollte. Und schließlich würde der Preisunterschied genau beziffern, welche Ersparnisse der Leitungsausbau wem in Deutschland eigentlich bringt.

Diese Zusammenhänge und die sich daraus ergebenden Fragen an das mit großer Verve ausgerufene "Gemeinschaftswerk Energiewende" sind für die deutsche Politik mehr als unangenehm. Die im Binnenmarkt eigentlich anzustrebende Preistransparenz ist anscheinend etwas, das niemand wirklich will. Besser soll der Mantel der einheitlichen Gebotszone darüber ausgebreitet bleiben, mit wettbewerbsfernen Redispatch-Mechanismen und fragwürdigen Subventionszahlungen für "systemrelevante Reservekraftwerke", damit überhaupt genügend Kapazität im Südwesten zur Verfügung steht. Zwar ist auch die Aufteilung des deutschen Strommarkts in zwei Preiszonen nicht ohne Herausforderungen. Aber das Beispiel der (deutlich kleineren) skandinavischen Preiszonen zeigt, dass und wie man dies organisieren kann.

Mit der Stellungnahme von ACER hat Europa jetzt klargestellt, dass die deutsche Politik sich ihre kurzfristige politische Bequemlichkeit auch zulasten der Nachbarländer erkauft. Die Frage nach der Gestaltung der Gebotszonen wird somit zum ersten Lackmustest für die vollmundigen Beschwörungen des Bundeswirtschaftsministeriums. Wenn Minister Gabriel und Staatssekretär Baake es wirklich ernst meinen mit der Integration Deutschlands in den europäischen Strombinnenmarkt, dann darf die Errichtung neuer Grenzen für den innereuropäischen Stromhandel nicht die erste Maßnahme sein. Dass die verantwortlichen Akteure allerdings den Mut aufbringen, die physikalische Realität durch die Teilung Deutschlands in zwei Gebotszonen transparent abzubilden, scheint ebenso unvorstellbar.

Zu erwarten ist daher der Versuch, den ACER-Vorstoß durch politischen Druck einzufangen, und sich weiter durchzuwursteln. Deutsche Innenpolitik steht in der Berliner Republik über europäischer Integration - nicht nur, aber auch bei der Ordnung des Strommarkts.

Marc Oliver Bettzüge ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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