Ungewöhnlich harte PR-Attacke Deutsche Gaswirtschaft erklärt Kohleindustrie den Energie-Krieg

Kampagne der deutschen Gaswirtschaft (Screenshot)

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Der alte Konsens in der deutschen Energiebranche lautete ungefähr so: Von allem etwas. Wenn es einen breiten Energiemix gibt, können alle ganz gut leben. So hielten es vor allem Vertreter der konventionellen Energiequellen Atomkraft, Kohle, Öl und Gas. Doch diese Zeiten sind angesichts der fortschreitenden Energiewende offenbar vorbei. Stattdessen attackiert die deutsche Gaswirtschaft die Kohlebranche nun mit einer so klaren wie vernichtenden Aussage: Ihr müsst weg.

"Ein Kohleausstieg 2040 ist zu spät. Dazu sollte früh Klarheit herrschen, damit sich die Branche darauf einstellen kann", sagte ein Sprecher des Lobbybündnis Zukunft Erdgas, das hinter der Kampagne "Klima2020" steht, gegenüber manager-magazin.de. "Braunkohle zu verbrennen ist die dreckigste und klimaschädlichste Form der Stromerzeugung", heißt auf der Website der Kampagne . Hinter dem Bündnis Zukunft Erdgas  stehen Gasnetzbetreiber, Stadtwerke und der Gaskonzern Wingas. Er gehört zum russischen Staatsunternehmen Gazprom.

Seit Jahren beklagt die Gaswirtschaft Nachteile durch die Energiewende. So waren Gaskraftwerke lange schlecht ausgelastet, weil immer mehr Strom aus Windkraft- und Solaranlagen anfällt. Die verbleibenden Lücken füllen vor allem Kohlekraftwerke, weil deren Betrieb billiger ist als der von Gaskraftwerken. Denn der Preis für CO2-Emissionsrechte ist Boden, weil subventionierter Ökostrom den Markt flutet.

Mit seiner Kampagne mischt sich das Bündnis auch in die Debatte um den Klimaschutzplan 2050 ein, über den sich gerade die Bundesregierung streitet. Bundesumweltministerin Barabara Hendricks (SPD) hatte zunächst einen vergleichsweise raschen Kohleausstieg bis etwa 2035 oder 2040 ins Gespräch gebracht. Aus der Union und von Gewerkschaften kam Widerstand .

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Momentan kann sich die Koalition noch nicht einmal auf die Einsetzung einer Kommission einigen, die ein geeignetes Ausstiegsdatum ermittelt. Die Bergbaubranche selbst will bis mindestens 2040 Braunkohle in Deutschland fördern. Gerade erst fertiggestellte Stein- und Braunkohlekraftwerke würden ebenfalls mindestens so lange durchhalten.

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Die Braunkohle-Branche reagierte auf die PR-Attacke leicht gereizt. "Eine Kampagne der Gaswirtschaft gegen einen anderen Industrieträger ist sicher etwas ganz neues", teilte ein Sprecher des Bundesverbandes Braunkohle gegenüber manager-magazin.de mit. "Jeder möchte gerne das Geschäft seines Wettbewerbers machen. Die Gasindustrie also das der Kohle, das ist verständlich, muss aber nicht plausibel sein."

Zugleich gab sich der Sprecher selbstbewusst: "Manch einer verspricht sich beim Kampf mit dem Tiger, dass er ihn reiten kann." Gas sei bei umfassender Betrachtung im Stromsektor nicht besser als Braunkohle. Zuletzt hatte eine Studie im Auftrag der Kohleindustrie ergeben, dass Gaskraftwerke schmutziger als Kohlekraftwerke arbeiten, wenn sie wegen schwankender Ökostrommengen permanant herauf- und heruntergefahren werden.

Generell ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Branchen oder Firmen über PR und Werbung beharken. Dass eine Branche das Ende einer anderen fordert, kommt dagegen eher selten vor.

Die Erdgas-Lobbyisten betonen, dass sich ihr Appell eher an die Politik richtet als an die Kohle-Konkurrenz direkt. "Wir werfen keinem Unternehmen vor, dass es Kohle abbaut oder verstromt, so lange das wirtschaftlich ist", sagte der Zukunft-Erdgas-Sprecher. "Es liegt an der Politik, die Rahmenbedingungen zu ändern." Klingt gegenüber der Konkurrenz freundlich, bedeutet in der Sache aber knallhart: Berlin soll dafür sorgen, dass die Kohlebranche keine Geschäftsgrundlage mehr hat.

"Politik sieht im Diesel Teil der Lösung - das grenzt an Ironie"

In den kommenden Tagen wollen die Erdgas-Lobbyisten ihre Kampagne verstärken. Dabei heizen sie auch der Auto-, Ölindustrie und der Erneuerbare-Energien-Branche ein.

"Die Politik sieht im Diesel einen Teil der Lösung der Klimaprobleme - das grenzt an Ironie", teilt der Sprecher indirekt in Richtung Daimler, Volkswagen und Co. aus. Deutschland müsse "weg von den konventionellen Diesel- und Benzinmotoren", fordert Zukunft Erdgas und unterstützt damit entsprechende Forderungen des Bundesrats und der Grünen. Die meisten Autohersteller setzen durchaus noch auf den Diesel und investieren Milliarden in diese Technologie. Für die fernere Zukunft planen sie eher mit Elektroautos.

Der Absatz von Erdgasautos ist dagegen derzeit stark rückläufig - von ohnehin niedrigem Niveau. Zuletzt hatten Tankstellenbetreiber Fahrer von Erdgas-Autos schikaniert, nachdem ein derartiges Fahrzeug explodiert war.

Schlecht weg kommen in der Kampagne auch Wind- und Solarenergie. "Kaum mehr als 3 Prozent der verbrauchten Energie stammt heute tatsächlich aus Wind und Sonne", heißt es auf der Website, die sich allerdings auf den wenig aussagekräftigen Primärenergieverbrauch bezieht. "Solche Zahlen als saubere Energiewende zu verkaufen, kommt einer schmutzigen Lüge gleich."

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Auf die Frage, ob denn Erdgas auf Dauer ein klimafreundlicher Energieträger wäre, reagiert der Pro-Gas-Sprecher eher verhalten. Langfristig sei das "schwierig", da bei der Verbrennung auch CO2 anfalle. Nach und nach müsse Erdgas durch erneuerbare Gase ersetzt werden. Derartige Technologien stecken allerdings noch in den ganz frühen Anfängen und gelten als extrem unwirtschaftlich.

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