Die Energiekrise in Grafiken Haben wir genug Gas für diesen Winter?

Nicht erst seit dem russischen Gaslieferstopp beschafft sich Europa LNG für den Winter und füllt die Gasspeicher. Gleichzeitig machen Frankreichs Atomkraftwerke und womöglich auch das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Diese fünf Infografiken zeigen, wo wir bei der Gasversorgung stehen.

Null: Aus Russland fließt seit Anfang September kein Gas mehr nach Deutschland, aber immerhin noch eine Minimenge in die europäischen Nachbarländer

Null: Aus Russland fließt seit Anfang September kein Gas mehr nach Deutschland, aber immerhin noch eine Minimenge in die europäischen Nachbarländer

Foto: A3576 Maurizio Gambarini/ dpa

Deutschland und viele andere Staaten in Europa bangen angesichts weggefallener Gaslieferungen aus Russland um ihre Gasversorgung in diesem Winter. Seit Anfang September fließt in die Bundesrepublik gar kein russisches Gas mehr, im Rest von Europa kommen nur noch kleine Mengen an. Hat Europa also genug Gas für den kommenden Winter? Wovon hängt dies ab? Und wo stehen wir jetzt bei der Gasversorgung? Die folgenden Grafiken geben Antworten.

Ein entscheidender Faktor für die Sicherstellung Gasversorgung ist, ob Europa es schafft, sich genügend Flüssigerdgas (LNG) zu sichern. Dies kaufen die europäischen Länder zu horrenden Preisen etwa aus den USA ein, um Engpässe im Winter zu vermeiden. Dabei konkurrieren sie mit asiatischen Abnehmern um das verflüssigte Erdgas, das in Spezialschiffen transportiert wird.

Die im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegenen LNG-Lieferungen füllen bereits jetzt einen großen Teil der Lücke (siehe Grafik). Auch Norwegen hat seine Erdgaslieferungen über Pipeline aufgestockt und ist zu Europas Haupterdgaslieferanten aufgestiegen. Der Anteil des russischen Gases an der europäischen Versorgung liegt inzwischen bei weniger als 8 Prozent – vor dem Einmarsch Moskaus in die Ukraine waren es noch rund 40 Prozent. Nicht auszuschließen ist, dass Russland seine Lieferungen vollständig einstellt.

Sorgen bereiten jedoch die stillstehenden Atomkraftwerke in Frankreich. Wegen Korrosion und überfälligen Wartungsarbeiten und letztendlich Missmanagement des staatlichen Betreibers EDF ist seit Monaten rund die Hälfte der Atommeiler außer Betrieb. Dadurch mussten Länder wie Deutschland ungewöhnlich viel Gas, das ohnehin schon knapp war, verstromen.

Zuletzt liefen nur 30 der 56 AKW. In den kommenden Wochen sollen die Kraftwerke nach und nach ans Netz gehen. Nach Prognose von Netzbetreiber RTE sollte die Leistung Ende des Jahres wieder das Niveau der Vorjahre erreichen. Doch nun verzögern Streiks von Beschäftigen das Hochfahren mehrerer Reaktoren um je zwei bis drei Wochen.

Die Gasspeicher in Europa sind inzwischen gut gefüllt, nachdem sie zu Anfang des Jahres noch deutlich leerer waren als in den Vorjahren. Im Schnitt liegt ihr Füllstand jetzt bei 92 Prozent. Einige Analysten warnen jedoch, dass dies allein nicht ausreicht, um den Verlust von Europas wichtigstem Gaslieferanten auszugleichen. Deutschlands Gasspeicher haben ebenfalls früher als geplant ihre Zielmarke erreicht und waren zuletzt zu knapp 96 Prozent gefüllt , rein rechnerisch reichen sie für zweieinhalb Monate.

Trotz der gut gefüllten Gasspeicher und des stetigen Zustroms von Flüssigerdgas (LNG) besteht nach wie vor die Gefahr von Stromausfällen und Gasrationierungen, die die wirtschaftlichen Probleme noch verschärfen könnten. Darum bleibt entscheidend, dass Europa seinen Gasverbrauch drastisch reduziert. In welchem Ausmaß die Einsparungen nötig sind, variiert von Land zu Land. Im Durchschnitt rät die Europäische Kommission eine Reduzierung der Nachfrage um 10 bis 15 Prozent. Da Deutschland bis vor Kurzem sehr stark auf russisches Gas angewiesen war, muss in der Bundesrepublik der Verbrauch sogar um bis zu 20 Prozent sinken.

Nach Einschätzung des Think Tanks Bruegel  ging die europäische Erdgasnachfrage im September etwa um fast 7 Prozent zurück im Verglich zu den drei Vorjahren – Gaseinspeicherungen ausgeschlossen, im August sogar um 23 Prozent. Auch in Deutschland ist der Verbrauch gesunken, abgesehen von der zweiten Septemberhälfte. Nachdem Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller (51) kürzlich gemahnt hatte, dass noch nicht genügend Gas eingespart werde und Haushalte sogar mehr verbrauchten als in den Vorjahren, fiel der Verbrauch in der vergangenen Woche, Kalenderwoche 40, merklich.

Die jetzigen Bemühungen könnten aber alle nicht ausreichen, sollte es zu einem ungewöhnlich kalten Winter kommen. Die Kältewälle in der zweiten Septemberhälfte ließ die Nachfrage in Deutschland bei Haushalten und kleinen Industriebetrieben um mehr als 14 Prozent in die Höhe springen gemessen an den vier Vorjahren.

Die ersten Wettervorhersagen geben Anzeichen, dass es ein kälterer Winter werden könnte als in den Vorjahren. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF) veröffentlichte am Donnerstag frühe Winterprognosen, denen zufolge Europa im Dezember ein Kälteeinbruch bevorstehen könnte. Für die nächsten Wochen sieht das Wetter in Westeuropa dank der warmen Westwinde vom Nordatlantik mild aus. Die Modelle des ECMWF zeigen jedoch eine höhere Wahrscheinlichkeit als üblich, dass sich im Dezember ein Hochdrucksystem über Europa entwickelt, das kalte Luft aus Sibirien und Zentralasien heranführt und einen Temperaturrückgang von möglicherweise mehreren Grad verursacht.

Das Risiko eines Kälteeinbruchs besteht also. Damit dürfte nur eins helfen: Weiter sparen.

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