Investitionen in energiesparende Technik Geht das noch, oder muss das weg?

Die Energieeffizienz erhöhen und Kosten sparen. Klingt gut, doch ohne Investitionen geht das nicht. Rechnet sich das für Unternehmen überhaupt? Wo liegen die größten Hindernisse? Welche Steuervorteile gibt es? Ein Gespräch mit VDMA-Experte Holger Müller.
Diese Maschine zur Textilproduktion in den USA ist nun wirklich alt - und verbrauchte vermutlich sehr viel Energie. Die Frage, wann Unternehmen in eine energieeffiziente Produktion und neue Maschinen investieren sollen, stellt sich aber nach wie vor

Diese Maschine zur Textilproduktion in den USA ist nun wirklich alt - und verbrauchte vermutlich sehr viel Energie. Die Frage, wann Unternehmen in eine energieeffiziente Produktion und neue Maschinen investieren sollen, stellt sich aber nach wie vor

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mm.de: Herr Müller, die Bundesregierung hängt das Thema Energieeffizienz mit neu aufgelegten Förderprogrammen sehr hoch. Dazu sollen sich tausende Unternehmen bundesweit in Netzwerken  finden und austauschen - auch die des VDMA . Dass Maschinenbauer für ihre Kunden engergieeffiziente Produkte auf den Markt bringen, versteht sich von selbst, möchte man meinen. Warum also diese Arbeitskreise, für die Firmeninhaber und Geschäftsführer in der Regel gar keine Zeit haben?

Müller: Glauben Sie mir, auch wenn sich vielleicht in einigen Bereichen mehr herausholen ließe, in Deutschland hergestellte Maschinen und Anlagen für das produzierende Gewerbe arbeiten in hohem Maße energieeffizient. Die Produkte unserer Mitgliedsunternehmen sind hier im internationalen Vergleich ganz vorne zu finden. Bei den Netzwerken geht es vielmehr darum, dass die Teilenehmer - also auch unsere Mitglieder - ihre eigene Energieeffizienz stärker im Blick haben, dafür wirtschaftliche Lösungen finden und sich verbessern können. Schließlich sind Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern seit gut einem Jahr gesetzlich zur Durchführung eines sogenannten Energieaudits verpflichtet. Ein solches Energieaudit hilft bei der Suche nach Verbesserungspotentialen für einen effizienteren Einsatz und damit geringeren Verbrauch von Energie.

mm.de: Wenn ich Sie im Vorgespräch richtig verstanden habe, machen die Energiekosten von Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau kaum mehr als 2 Prozent der Gesamtkosten dieser Unternehmen aus. Welchen Anreiz haben diese Firmen dann überhaupt noch, Energieverbrauch und -kosten zu reduzieren?

Müller: Das ist richtig, bei den meisten Maschinenbauern liegt der Energiekostenanteil sogar noch unter 2 Prozent und trotzdem bewegt sich viel bei der Energieeffizienz. Viele Unternehmen haben, auch im Zuge der Energieauditpflicht, in letzter Zeit ein Energiemanagementsystem eingeführt. Diese fordert eine kontinuierliche Verbesserung der Energieeffizienz. Die Unternehmensführung will Erfolg natürlich langfristig planen, dazu gehört ein niedriger Energieverbrauch und niedrige Energiekosten. Sie werden also Teil der strategischen Unternehmensplanung mit ambitionierten Zielen die nach außen kommuniziert werden.

mm.de: Und das interessiert die Kunden der Unternehmen?

Müller: Die Wahrnehmung von Kunden hat sich gewandelt und wird sich weiter verändern. Es reicht heute nicht mehr, eine effiziente Maschine zu verkaufen, sie soll auch ressourcenschonend hergestellt worden sein. Unsere Mitglieder hören auch auf das, was das Umfeld und die Stakeholder über sie denken. Hoher Energieverbrauch und Emissionen werden da nicht positiv bewertet. Sie sehen also, die Anreize am Energieverbrauch zu arbeiten, sind sehr vielschichtig.

mm.de: Sie sind Wirtschaftsingenieur, haben zu Energiesparkonzepten in der Industrie geforscht. In welchen Branchen sehen Sie den größten Bedarf, Energieverbrauch und Energieeffizienz zu verbessern?

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Müller: Grundsätzlich ist jede einzelne Kilowattstunde Energie, die nicht verbraucht wird wichtig. Aber natürlich ist aus Unternehmersicht dort der Bedarf am höchsten, wo Energiekostenanteile hoch sind. Die chemische Industrie, die Papierherstellung oder einzelne Zweige der Lebensmittelindustrie sind Beispiele dafür. Wenn man etwas differenzierter in den Maschinenbau schaut, erkennt man auch dort Bereiche mit hoher Energieintensität. So gibt es hier nach wie vor Unternehmen mit Gießereibetrieb oder Bereiche zur thermischen Behandlung von Metallerzeugnissen. Nun hat sich Bundesregierung hohe Ziele gesteckt. Bisher setzt man dort zur Erreichung auf die Freiwilligkeit der Unternehmen.

mm.de: Mit welchem Ergebnis?

Niedrigere Energiekosten trotz steigender Energiekosten - geht das?

Müller: Die Unternehmen liegen noch hinter den Zielen zurück und es bleibt zu befürchten, dass der regulatorische Druck zunehmen und der Gesetzgeber mehr verlangen könnte. Dies trifft dann jede Branche, nicht nur die energieintensiven Unternehmen.

mm.de: Lässt sich einschätzen, welche Branchen hier in den vergangenen Jahren die größten Fortschritte gemacht haben?

Müller: Die Frage müsste eher nach den Prozessen beziehungsweise Technologien gestellt werden, bei denen die größten Fortschritte erzielt wurden. Aber grundsätzlich sind auch hier die energieintensiven Branchen der Metallherstellung, Glasherstellung oder chemische Industrie aufzuführen. Dort werden große Mengen Prozesswärme bei hohen Temperaturen benötigt, der Kostendruck ist hier am höchsten und die absoluten Einsparungen die größten. Relativ betrachtet wird industrieweit eingespart und der Maschinen- und Anlagenbau liefert dafür die notwendigen Technologien. Nicht zuletzt deshalb konnten manche Branchen sogar ihre Energiekostenanteile senken - trotz stetig steigender Energiekosten.

mm.de: Energieersparnis ist wohl nur einer von mehreren Gründen, warum ein Betrieb oder mittelständisches Unternehmen erwägt, den Maschinenpark zu erneuern. Gibt es gleichwohl eine Faustregel, wann sich das aus Gründen der Energieeffizienz für ein Unternehmen lohnt?

Müller: Das sehen sie natürlich richtig. Bei der Beschaffung von Maschinen haben Unternehmen eine lange Wunschliste. Ganz oben stehen da die Anforderungen an den Prozess, den die Maschinen erfüllen sollen und die Investitionskosten, aber auch die Bediener- und Wartungsfreundlichkeit. Das Energiemanagement sorgt mittlerweile dafür, dass Effizienzkriterien im Beschaffungswesen immer mehr Gewicht bekommen. Das ist auch wichtig, weil nur so gewährleistet wird, dass neue Maschinen zur Verbesserung der Energieeffizienz beitragen.

mm.de: So weit verständlich, aber wo ist jetzt der Haken?

Müller: Leider kaufen Unternehmen Maschinen nach wie vor auf Basis von Amortisationszeiten ein, was lediglich den möglichst kurzen Zeitraum bis zum Rückfluss des gebundenen Kapitals betrachtet. Das kann dazu führen, dass ein Unternehmer Maschinen kauft, die zwar in der Anschaffung günstiger sind, aber höhere Betriebs- und Energiekosten haben. Viel sinnvoller wäre die Bewertung der Lebenszykluskosten, also über den gesamten Zeitraum des Maschinenbetriebs. Eine etwas höhere Investition in mehr Effizienz macht sich nämlich langfristig bezahlt, auch wenn dafür zu Beginn etwas mehr Kapital gebunden werden muss.

mm.de: Welche Steuervorteile genießen Unternehmen, wenn sie sich energieeffizienter aufstellen?

Müller: Unter bestimmten Voraussetzungen ermöglicht der Gesetzgeber heute Unternehmen eine Rückerstattung von bezahlten Strom- und Energiesteuern. Oder sie können eine Rückerstattung der EEG-Umlage beantragen sowie am Spitzenausgleich teilnehmen. Das sind wichtige Instrumente, um die Wettbewerbsfähigkeit vor allem international agierender Unternehmen zu sichern. Denn im internationalen Vergleich haben wir in Deutschland hohe Energiekosten, was zuerst an den Energiesteuern, Zuschlägen und Umlagen liegt. Die Anforderungen für Erleichterungen sind nicht unerheblich und das ist auch wichtig, damit die Unternehmen wirklich effektiv ihren Energieverbrauch senken.

mm.de: Könnten Sie mal ein plastisches Beispiel aus der Praxis nennen, wo sich ein Unternehmen dank eines neuen Maschinenparks deutlich energieeffizienter und kostensparender aufgestellt hat?

Wie ein Unternehmen seinen Energieverbrauch um 20 Prozent senkte

Müller: Durchaus. So hatte sich zum Beispiel ein Teilnehmer im bayerischen VDMA-Netzwerk  2012 das ehrgeizige Ziel gesetzt, seinen absoluten Energieverbrauch in fünf Jahren um 20 Prozent zu reduzieren. Das Unternehmen erreichte sein Ziel sogar vorzeitig.

mm.de: Wie gelang das?

Müller: Mit einer konsequenten Strategie und vor allem der Benennung von Verantwortlichen. Klare Verantwortlichkeiten in diesem Prozess sind sehr wichtig. Als Grundlage diente eine umfassende Bewertung aller Energieverbraucher. Der Maschinenpark wurde dazu bis in den kleinsten Verbraucher analysiert und dem gegenübergestellt, was heute technisch machbar ist. Alle Maßnahmen, welche die Wirtschaftlichkeitskriterien der Unternehmensleitung erfüllten, mussten umgesetzt werden. Man sollte meinen, dass dabei schnell eine Grenze erreicht ist - schließlich hat das Unternehmen in wenigen Jahren mehrere Millionen Euro investiert. Aber der technische Fortschritt bietet immer wieder neue Möglichkeiten. Deshalb wird auch weiter an weniger Energieverbrauch gearbeitet. Und das nicht nur mit effizienteren Maschinen, sondern auch mit Gebäudemodernisierung oder der Schulung von Mitarbeiter für einen bewussten Umgang mit Energie.

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mm.de: Wo liegen in der Praxis die größten Hindernisse für solche Investitionen? Fehlt es an der Analyse, am Knowhow, vielleicht auch schlicht an Kapital?

Müller: Meine Erfahrung zeigt mir, dass es eine Mischung aus verschiedenen Hemmnissen ist. Sicher ist das Knowhow um die Möglichkeiten effizienter Maschinen ein wesentliches Kriterium. Vor allem mittelständische Unternehmen neigen dazu, Maschinen sehr lange zu betreiben. Hinzu kommt dort häufig noch der Faktor Zeit. Dann ist etwa die Personaldecke ist sehr dünn, um sich intensiv mit den Möglichkeiten der neuesten Technologien auseinanderzusetzen. Der Fokus liegt auf der Produktion. Um dem entgegenzuwirken bieten heute die Maschinenhersteller nicht mehr nur die Maschinen selbst an, sondern unterstützen den zukünftigen Betreiber bei der Optimierung des Prozesses, bei der Auswahl der richtigen Technologie und bei Fragen im Betrieb. Solche Angebote nehmen übrigens auch große Unternehmen gerne an und entlasten damit ihre Kapazitäten.

mm.de: Könnten Unternehmen angesichts grundsätzlich niedriger Energiekosten dazu geneigt sein, keine neuen, energieeffizienteren Maschinen anzuschaffen?

Müller: Wie ich vorhin schon beschrieben haben, ist Energieeffizienz leider noch kein A-Kriterium bei der Kaufentscheidung. Deshalb glaube ich nicht, dass niedrige Energiekosten einen wesentlichen Einfluss auf die Beschaffung von neuen Maschinen haben. Sehen Sie, Maschinen werden in der Regel dann ersetzt, wenn sie den Ansprüchen nicht mehr genügen. Das ist dann der Fall, wenn die Qualität des Prozesses nicht mehr gewährleistet wird oder die technische Lebensdauer erreicht ist, also der Wartungsaufwand zu groß wird. Bei diesen klassischen Ersatzinvestitionen suchen die Unternehmen dann immer auch nach effizienteren Lösungen. Maschinen werden ja über viele Jahre betrieben und die derzeit niedrigen Energiekosten sind meiner Meinung nach nur eine Momentaufnahme.

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