US-Energiebosse dreschen vor Klimagipfel auf europäische Kollegen ein Eine Billionenbranche zerfleischt sich selbst

"Die Menschheit hat diese enorme Fähigkeit, mit großem Elend zurechtzukommen": Exxon-Chef Rex Tillerson setzt beim Thema Klimawandel offenbar auf natürliche Auslese

"Die Menschheit hat diese enorme Fähigkeit, mit großem Elend zurechtzukommen": Exxon-Chef Rex Tillerson setzt beim Thema Klimawandel offenbar auf natürliche Auslese

Foto: REUTERS

In der Energieindustrie liegen vor dem Pariser Klimagipfel im Herbst zusehends die Nerven blank. Mit seltener Offenheit zoffen sich die Vorsitzenden von Öl-, Gas- und Kohlekonzernen darum, wer von ihnen der dreckigste ist und wer vergleichsweise sauber. Die Vertreter der Billionenbranche fürchten sich zunehmend vor einschneidenden Umweltgesetzen, die ihnen die Geschäftsgrundlage entziehen könnten.

Tief wie nie ist beispielsweise der Riss zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Ölkonzernen. Shell  (Niederlande), BP (Großbritannien), Statoil (Norwegen) und weitere hatten sich zuletzt für eine globale CO2-Abgabe stark gemacht und das in einem Brief an die Vereinten Nationen formuliert. Nur so sei es möglich, die von Wissenschaftlern erwarteten katastrophalen Folgen durch steigenden Meeresspiegel, Dürren und Stürme zu begrenzen.

Den großen Jungs aus Amerika ist derart vorauseilender Gehorsam offenbar fremd. "Wir haben das nicht unterschrieben und wir werden das nicht unterschreiben", polterte  der Chef des kalifornischen Ölriesen Chevron , John Watson. "Die Kunden wollen billige Energie, nicht teure."

Konzernchefs sagen, was opportun ist

Sein Kollege Rex Tillerson von Exxon Mobil  (Esso) warf den Europäern vor, scheinheilig zu agieren. "Wir werden beim Thema Klimawandel nicht unaufrichtig sein", giftete er über den Atlantik.

Erderwärmung: Vor dem Klimagipfel in Paris greifen US-Energiebosse ihre europäischen Kollegen an

Erderwärmung: Vor dem Klimagipfel in Paris greifen US-Energiebosse ihre europäischen Kollegen an

Foto: Miguel Villagran/ Getty Images

Auch Tillerson warnt vor höheren Energiepreisen durch ein globales Emissionshandelssystem oder Steuern. Zudem erwartet er, dass die Welt mit den Folgen von steigendem Meeresspiegel und Hitzewellen schon irgendwie fertig werde - und setzt dabei offenbar auf natürliche Auslese: "Die Menschheit hat diese enorme Fähigkeit, mit großem Elend zurechtzukommen."

Ganz anders die Töne aus Europa: "Wir sind vereint in unserer Sorge über die Herausforderungen und die Bedrohung, die der Klimawandel darstellt", heißt es in dem Aufruf für eine Kohlendioxid-Abgabe, den unter anderem Shell-Chef Ben van Beurden unterzeichnet hat.

In beiden Positionen spiegeln sich auch die unterschiedlichen politischen Verhältnisse in Europa und den USA. In Europa ist der Konsens groß, dass der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert werden muss. Deshalb mischen sich die Konzerne ein, wollen die Debatte mit ihren wenig radikalen und nicht ganz neuen Vorschlägen prägen.

"Ausstieg aus Kohle rettet Leben" - Shell-Chef van Beurden schießt sich auf Glencore und Co. ein

Dagegen sind die meisten Abgeordneten im US-Kongress völlig gegen staatliche Eingriffe, leugnen zum großen Teil glatt den Klimawandel und sind eng mit der fossilen Energiewirtschaft verbunden. Für die Industrie gibt es keinen Grund, das Thema zu besetzen. So folgen die verschiedenen Haltungen auch der jeweiligen politischen Opportunität.

Nach und nach zeigt sich, dass die neu entflammte Debatte über den Schutz der Atmosphäre die Energiebranche gerade monumental erschüttert. Die Unternehmen bringen sich so gut wie möglich in Stellung, um dabei nicht in Existenzgefahr zu geraten.

Die Öl- und Gaskonzerne von beiden Seiten des Atlantiks haben dabei immerhin einen gemeinsamen Feind ausgemacht - die Kohleindustrie. Dieser müsse es zuerst an den Kragen gehen, so ihre unmissverständliche Botschaft. Schließlich entstehe bei der Verbrennung von Kohle deutlich mehr Kohlendioxid als von Öl und besonders Gas.

Kohle ist ein Schadstoff - Breitseite aus Paris in die Schweiz

Auf Gas setzen Shell, BP und andere aber zunehmend. Vor allem im Kraftwerksbereich, der Industrie, aber auch bei Lastwagen und in der Schifffahrt erhoffen sie sich gute Geschäfte - zum Teil auf Kosten der Kohle.

"Zusammen mit erneuerbaren Energien muss Gas die Kohle ersetzen", sagte der Chef des französischen Rohstoffkonzerns Total, Patrick Pouyanné, auf einer Konferenz am Dienstag in Paris . Kohle sei ein "Schadstoff",  der Fortschritte im Umweltbereich zunichte mache. "Nehmt die Kohle aus dem System", sagte Shells Finanzchef Simon Henry. Und sein Chef van Beurden setze noch einen drauf : "Ein Umstieg von Kohle auf Gas rettet Leben", in anderen Worten: Kohle tötet.

Über Twitter verbreiten die Öl- und Gaskonzerne nicht selten Botschaften von Greenpeace, die sich gegen die Kohle richten. Wenn es um die eigenen Bohrungen in der Arktis geht, sind sie der Umweltorganisation weniger freundlich gesinnt.

EnBW fällt RWE in den Rücken

Kein Wunder, dass sich die Kohlebranche einer großen Verschwörung von Gasindustrie, Politikern und Umweltschützern ausgesetzt sieht. Sie beklagt einen "Krieg gegen die Kohle".  Von einer "populistischen Strategie" spricht der Kohlechef des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore, Peter Freyberg. Die schwarzen Brocken trügen in Wirklichkeit dazu bei, Menschen aus der Armut zu befreien.

Glencore ist weltgrößter Produzent von international gehandelter Kohle. Bei seiner Wutrede dürfte Freyberg außer der Gas fördernden Konkurrenz auch den norwegischen Staatsfonds im Blick haben. Dieser will Beteiligungen an Kohlefirmen abstoßen, darunter RWE.

Bis nach Deutschland geht die tiefe Spaltung in der Energiebranche. So sind sich die Stromversorger nicht einig, wie sie mit dem Vorschlag von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) umgehen sollen, der eine Art Klimaabgabe für alte Kohlekraftwerke fordert. Gift für eine ganze Region sei dies, argumentiert RWE-Chef Peter Terium. Effizient und gut fürs Klima sei die Abgabe, heißt es dagegen aus Karlsruhe  - von Frank Mastiaux, Chef des baden-württembergischen Versorgers EnBW.