Samstag, 20. April 2019

US-Energiebosse dreschen vor Klimagipfel auf europäische Kollegen ein Eine Billionenbranche zerfleischt sich selbst

"Die Menschheit hat diese enorme Fähigkeit, mit großem Elend zurechtzukommen": Exxon-Chef Rex Tillerson setzt beim Thema Klimawandel offenbar auf natürliche Auslese

In der Energieindustrie liegen vor dem Pariser Klimagipfel im Herbst zusehends die Nerven blank. Mit seltener Offenheit zoffen sich die Vorsitzenden von Öl-, Gas- und Kohlekonzernen darum, wer von ihnen der dreckigste ist und wer vergleichsweise sauber. Die Vertreter der Billionenbranche fürchten sich zunehmend vor einschneidenden Umweltgesetzen, die ihnen die Geschäftsgrundlage entziehen könnten.

Tief wie nie ist beispielsweise der Riss zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Ölkonzernen. Shell Börsen-Chart zeigen (Niederlande), BP (Großbritannien), Statoil (Norwegen) und weitere hatten sich zuletzt für eine globale CO2-Abgabe stark gemacht und das in einem Brief an die Vereinten Nationen formuliert. Nur so sei es möglich, die von Wissenschaftlern erwarteten katastrophalen Folgen durch steigenden Meeresspiegel, Dürren und Stürme zu begrenzen.

Den großen Jungs aus Amerika ist derart vorauseilender Gehorsam offenbar fremd. "Wir haben das nicht unterschrieben und wir werden das nicht unterschreiben", polterte der Chef des kalifornischen Ölriesen Chevron Börsen-Chart zeigen, John Watson. "Die Kunden wollen billige Energie, nicht teure."

Konzernchefs sagen, was opportun ist

Sein Kollege Rex Tillerson von Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen (Esso) warf den Europäern vor, scheinheilig zu agieren. "Wir werden beim Thema Klimawandel nicht unaufrichtig sein", giftete er über den Atlantik.

Erderwärmung: Vor dem Klimagipfel in Paris greifen US-Energiebosse ihre europäischen Kollegen an
Getty Images
Erderwärmung: Vor dem Klimagipfel in Paris greifen US-Energiebosse ihre europäischen Kollegen an
Auch Tillerson warnt vor höheren Energiepreisen durch ein globales Emissionshandelssystem oder Steuern. Zudem erwartet er, dass die Welt mit den Folgen von steigendem Meeresspiegel und Hitzewellen schon irgendwie fertig werde - und setzt dabei offenbar auf natürliche Auslese: "Die Menschheit hat diese enorme Fähigkeit, mit großem Elend zurechtzukommen."

Ganz anders die Töne aus Europa: "Wir sind vereint in unserer Sorge über die Herausforderungen und die Bedrohung, die der Klimawandel darstellt", heißt es in dem Aufruf für eine Kohlendioxid-Abgabe, den unter anderem Shell-Chef Ben van Beurden unterzeichnet hat.

In beiden Positionen spiegeln sich auch die unterschiedlichen politischen Verhältnisse in Europa und den USA. In Europa ist der Konsens groß, dass der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert werden muss. Deshalb mischen sich die Konzerne ein, wollen die Debatte mit ihren wenig radikalen und nicht ganz neuen Vorschlägen prägen.

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