Samstag, 18. Januar 2020

Enercon beharrt auf Stellenabbau, Nordex tief in roten Zahlen Sturm in der Windindustrie

Enercon-Zentrale in Aurich

Der Windanlagenbauer Enercon hält auch nach einem Krisentreffen mit Politikern aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt am angekündigten Abbau von bis zu 3000 Stellen fest. "Letztendlich müssen wir jetzt für uns ganz klar festhalten, dass an dem Schritt, den wir am Freitag angekündigt haben, kein Weg vorbeigeht", sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig am Mittwoch in der Staatskanzlei in Hannover. Ein wesentlicher Grund sei, dass in Deutschland in letzter Zeit kaum noch neue Windkraftanlagen errichtet worden seien. "Es bricht etwas weg, was wir nicht auffangen können."

Mögliche Schritte der Bundesregierung zur Wiederbelebung der Windenergie könnten den Jobabbau nicht mehr verhindern. "Die Maßnahmen, die wohlwissend jetzt angepackt werden können und die kurz- und mittelfristiger Natur sind, kommen jetzt zu spät", sagte Kettwig. "Die Messe ist gelesen."

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte zum Krisentreffen geladen. Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) und sein niedersächsischer Kollege Bernd Althusmann (CDU) nahmen teil.

Enercon - einer der größten deutschen Hersteller von Windkraftanlagen - hat am Freitag eine umfassende Neuausrichtung angekündigt, mit der auch rund 3000 Jobs wegfallen sollen. Von dem Stellenabbau dürften die Standorte in Ostfriesland und Magdeburg jeweils zur Hälfte betroffen sein. Aber auch bei Produktionspartnern, Zulieferern und Zeitarbeitsfirmen ist mit Einschnitten zu rechnen.

"Uns ist bewusst, was dieser schmerzhafte Schritt für die Beschäftigten in den betroffenen Unternehmen bedeutet", sagte Enercon-Chef Kettwig. Das tatsächliche Ausmaß an den einzelnen Standorten und die Auswirkungen auf die Lieferketten ist laut Enercon jedoch noch nicht abzusehen.

Früher war Deutschland der größte Markt für Windkraftanlagen in Europa. Doch diese Zeiten sind vorbei, jetzt herrscht Flaute. Vor allem der Ausbau der Windkraft an Land ist im ersten Halbjahr 2019 eingebrochen. Nur rund 150 Anlagen wurden neu errichtet, rund 80 Prozent weniger als im Vorjahr.

Nordex rutscht tiefer in rote Zahlen

Enercon ist daher kein Einzelfall: Im April meldete der Hamburger Konkurrent Senvion Insolvenz an. Nordex ist in den ersten neun Monaten tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Der Nettoverlust stieg von 51,8 Millionen auf 76,5 Millionen Euro, wie das Unternehmen am Mittwoch in Hamburg mitteilte - trotz voller Auftragsbücher. Insbesondere der starke Wettbewerb sorge für Preisdruck. Auch der Siemens-Konzern, der große Teile von Senvion übernommen hat, spricht von einem "darwinistischen Verdrängungswettbewerb".

Als Hauptgründe für die Krise gelten lange Genehmigungsverfahren, zu wenige Flächen und viele Klagen von Bürgerinitiativen. Nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall stehen Zehntausende Jobs in strukturschwachen Regionen auf dem Spiel.

Um die Klimaziele zu erreichen, will die Bundesregierung bis 2030 den Anteil von Ökostrom beim Stromverbrauch auf 65 Prozent steigern. In den ersten neun Monaten 2019 lag der Anteil erst bei rund 43 Prozent. Da die Atomkraftwerke vom Netz genommen werden und auch mit Strom aus Kohle Schluss sein soll, drängt die Zeit, um die Erneuerbaren auszubauen.

Ministerpräsident Weil erneuerte deswegen im Gespräch mit der "Emder Zeitung" (Mittwoch) seinen Ruf nach einem "Neustart der Energiewende". Bereits nach Bekanntwerden des Stellenabbaus bei Enercon hatte er gemahnt, dass neben den Jobs auch die Glaubwürdigkeit der Klimapolitik auf dem Spiel stehe. "Ohne Windenergie kein Klimaschutz", sagte er nun der Zeitung.

Bund fordert 1000-Meter-Abstand für neue Windräder

Die Energie- und Wirtschaftsverbände machen Front gegen den von der Bundesregierung geplanten Mindestabstand von 1000 Metern zwischen Windrädern und Wohnsiedlungen. In einem Brief an die Bundesregierung schrieben der Industrieverband BDI, der Gewerkschaftsbund DGB, der Energieverband BDEW, der Windenergie-Verband (BWE), der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und der Maschinenbauverbands VDMA: "Es ist uns unerklärlich, dass an einer Regelung zu bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar ist, dass damit das Ziel von 65 Prozent Erneuerbare Energien in 2030 nicht gehalten werden kann." Der Brief liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.

Die Verbände wandten sich an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Staatssekretäre im Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium. Zuständig für den Mindestabstand, der den Widerstand gegen neue Windräder verringern soll, ist Bauminister Horst Seehofer (CSU).

Auf den Mindestabstand hatten sich Union und SPD nach langem Streit geeinigt. Länder und Kommunen sollen entscheiden können, die Regel nicht anzuwenden. Umstritten ist weiterhin die genaue Ausgestaltung - einem aktuellen Entwurf zufolge würden schon fünf Wohnhäuser reichen, damit der Mindestabstand eingehalten werden muss.

ak/dpa-afx

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