Montag, 18. November 2019

Steigende Strompreise Die Elektronenschieber - ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende

Wann welcher Strom ins Hochspannungsnetz darf und wann nicht, darüber entscheidet das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet

4. Teil: Verbraucher trägt Milliardenkosten zur Stabilisierung des Netzes

Und auch diese Kosten trägt - Überraschung! - der Verbraucher, und zwar über das sogenannte Netzentgelt, das Tennet und die anderen drei Hochspannungsnetzbetreiber auf den Strompreis aufschlagen. Bundesweit betrugen die Kosten für stabilisierende Eingriffe 2015 rund 1 Milliarde Euro. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass dieser Betrag durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien auf bis zu 4 Milliarden Euro steigen wird. Für 2017 hat Tennet eine Erhöhung des Netzentgelts um 80 Prozent angekündigt, das entspricht einer Preiserhöhung von etwa 30 Euro pro Haushalt.

Sein halbes Berufsleben hat Volker Weinreich in der Stromwirtschaft verbracht und er ist genervt, dass er und seine Kollegen die Buhmänner sein sollen für eine verkorkste Energiepolitik. "Anders als Gas lässt sich Strom nur sehr begrenzt speichern, deshalb müssen wir dringend in die Netze investieren", wirbt er für den Ausbau der Hochspannungstrassen. "Das ist viel günstiger, als Jahr für Jahr Strom ungenutzt zu lassen."

Den ursprünglichen Plan, eine Überlandleitung quer durch die Republik zu ziehen, stoppte die Politik nach massiven Bürgerprotesten. Vor wenigen Wochen hat Tennet eine neue Planung vorlegt, diesmal als Erdkabeltrasse. Das ist in der Bevölkerung leichter vermittelbar, kostet allerdings das Dreifache. Und es kostet Zeit. So verzögert sich allein der Bau von Südlink um voraussichtlich drei Jahre bis 2025. Drei Jahre Verzögerung bedeuten 3 Milliarden Euro Mehrkosten. Mindestens.

Es ist ruhig im Kontrollraum. Die blaue Kurve, die die aktuelle Leistung der Offshore-Windparks anzeigt, dümpelt an diesem Oktobermorgen nahe der Nulllinie. Flaute über der Nordsee. Noch vor wenigen Stunden war deutlich mehr zu tun, da fluteten schlagartig rund 2800 Megawatt ins Netz. "Haben wir ohne Eingriff in die Offshore-Windparks hingekriegt", freut sich Weinreich.

Wird es jemals wieder so werden wie früher, als das Netz sich quasi von selbst regulierte und er nur eingreifen musste, wenn mal irgendwo ein Kraftwerk störungsbedingt vom Netz ging? "Bevor ich in den Ruhestand gehe, vermutlich nicht", sagt Weinreich. Er ist 54 Jahre alt.

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