Sonntag, 22. September 2019

Steigende Strompreise Die Elektronenschieber - ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende

Wann welcher Strom ins Hochspannungsnetz darf und wann nicht, darüber entscheidet das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet

2. Teil: Mehr Ökostrom heißt steigende EEG-Umlage: "Das kann man den Menschen nur sehr schwer erklären"

Es ist paradox: Je mehr Ökostrom produziert wird, desto tiefer fällt der Preis an der Börse. Und desto größer wird die Differenz zur garantierten Vergütung. 2017 wird deswegen die sogenannte EEG-Umlage zum wiederholten Male steigen, um 0,53 auf dann 6,88 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl also Strom in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, wird er für den Verbraucher teurer. "Das kann man den Menschen nur sehr schwer erklären", sagt Weinreich. Zumal Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen, von dieser Umlage befreit sind.

Der Strompreis für Verbraucher stagnierte in den vergangenen Jahren zwar, weil der Gesetzgeber die exzessive Förderung erneuerbarer Energien zurückgefahren hat. Doch inzwischen steigen die Preise wieder leicht. Derzeit ist Strom für Endverbraucher laut Statistischem Bundesamt ein Prozent teurer als vor einem Jahr. Das Vergleichsportal Verivox erwartet, dass sich der Preisanstieg in dieser Größenordnung fortsetzt.

Weinreich verwaltet mit seinen 60 Mitarbeitern den zweiten Kostentreiber: die Stromleitungen. Besser gesagt: die fehlenden Stromleitungen. Während konventionelle Kraftwerke früher dort entstanden, wo auch der Strom verbraucht wurde, ist heute das Gegenteil der Fall. Durch den Atomausstieg - 2022 soll das letzte deutsche AKW vom Netz gehen - fällt vor allem Erzeugungskapazität in Süddeutschland weg.

Im Norden erzeugter Strom für den Süden Deutschlands

Genau dort liegen jedoch wichtige industrielle Zentren, die viel Energie verbrauchen. Die wird jetzt vor allem in Norddeutschland erzeugt: Allein die Rotoren in der Nordsee können heute so viel Strom produzieren wie zwei Atomkraftwerke - natürlich nur, wenn Wind weht. Nur dass diese Strommenge vor Ort gar nicht verbraucht wird. Sie müsste per Hochspannungsleitung gen Süden transportiert werden.

Doch die Planungen für die notwendigen Trassen stocken seit Jahren - allen voran die größte, Südlink. Die Folgen spüren die Elektronenschieber in Ahlten täglich.

Das Herz der Schaltleitung sieht aus wie ein Handelsraum an der Börse, wie man ihn aus der Tagesschau kennt: Unzählige bunte Kurven flimmern über mehr als 20 Farbmonitore, nur dass die große rote LED-Anzeige ganz oben an der Wand nicht den aktuellen Dax-Stand anzeigt, sondern die Frequenz des Stromnetzes: 50,00 Hertz, genau so soll es sein. Mindestens vier Techniker sind rund um die Uhr im Einsatz, damit dieser Wert allenfalls in der zweiten Nachkommastelle abweicht. Werden die Schwankungen zu groß, droht der Gau des Ökostromzeitalters: Instabilität des Netzes. Blackout. Stromausfall.

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