Exklusive Studie Elektroauto-Laden entwickelt sich zum Multimilliardengeschäft

Anbietern von Ladeinfrastruktur für Elektroautos winken gigantische Geschäfte. Eine Studie vermisst erstmals das mögliche Volumen: Bis 2030 sind in Europa, den USA und China hohe Milliardenbeträge möglich.
Lust am Laden: Umsätze und Gewinne von Ladeinfrastrukturbetreibern dürften in den nächsten Jahren stark zunehmen

Lust am Laden: Umsätze und Gewinne von Ladeinfrastrukturbetreibern dürften in den nächsten Jahren stark zunehmen

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Daniel Bockwoldt/ dpa

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Der Aufbau der Ladeinfrastruktur verschlingt hohe Summen, eine Schnellladesäule kann bis zu 150.000 Euro kosten. In den kommenden Jahren dürften aber auch die Einkünfte der Anbieter in die Höhe schnellen. Die Unternehmensberatung Bain rechnet in einer Studie, die dem manager magazin exklusiv vorliegt, dass sich die Jahresumsätze rund um Ladeinfrastruktur für Elektroautos allein in Europa bis 2030 versechsfachen werden – von derzeit 7 bis 8 Milliarden Euro auf dann 40 bis 55 Milliarden Euro. Auch die Profite dürften stark ansteigen, von aktuell 500 bis 700 Millionen Euro auf dann 3 bis 5 Milliarden Euro.

Noch stärker werde das Umsatzwachstum in den USA ausfallen, prognostizieren die Studienautoren Eric Zayer und Ingo Stein. Dort seien 2030 sogar bis zu 70 Milliarden Euro möglich, zuletzt habe die Branche dort nur zwischen 2,5 und 3,5 Milliarden Euro umgesetzt. In China erwarten die Bain-Berater ebenfalls große Sprünge, allerdings auf einem etwas niedrigeren Niveau. Dort bestehe ein Umsatzpotenzial von bis zu 30 Milliarden Euro, aktuell liege es zwischen 2 und 3 Milliarden Euro.

"Gerade die in vielen Ländern stark gestiegenen Kraftstoffpreise könnten nun zusammen mit den ehrgeizigen Klimazielen dazu beitragen, den Wandel hin zu Fahrzeugen mit Elektroantrieb noch einmal beschleunigen", erwarten Zayer und Stein. Wer nicht nur modellseitig, sondern auch vom vorhersehbaren Infrastrukturboom profitieren wolle, muss sich beeilen. "Die Märkte von morgen werden heute verteilt."

Aktuell fließe vor allem in den Aufbau von Schnellladesäulen Geld. Ein kostspieliges Geschäft, das bereits jetzt umkämpft ist. Soll sich eine Säule für einen Anbieter rechnen, brauche es eine mittlere Auslastung von 8 bis 12 Prozent, erklärt Zayer. "Das ist nicht utopisch", manche könnten schon heute ihre Ladestationen ausreichend auslasten. "Wer die Säule an einem guten Ort aufstellt, beispielsweise einer perfekten Transitlocation, hat in Deutschland gute Chancen."

In anderen Ländern wie Italien oder Spanien bestehe dagegen die Gefahr, dass der Staat zu viele Ladepunkte für zu wenige Elektroautos fördere. Auch hierzulande ist der Bund aktiv und will mit dem "Deutschlandnetz" bis 2023 etwa 1100 zusätzliche Ladestandorte schaffen. Das zwei Milliarden Euro schwere Vorhaben ist umstritten , einige Anbieter legten zuletzt Beschwerde bei der EU-Kommission ein. Sie stören sich vor allem an der geplanten Preisdeckelung von 44 Cent pro Kilowattstunde. Bain-Berater Zayer hält es aber für unwahrscheinlich, dass das "Deutschlandnetz" die etablierteren Anbieter am Markt in Gefahr bringen wird. Dafür seien die geplanten Standorte zu unattraktiv.

Fünf verschiedene Ladeszenarien

Insgesamt haben Zayer und Stein fünf Ladeszenarien identifiziert, um die herum Anbieter Geschäftsmodelle entwickeln können:

  • Unterwegs Laden: Hierfür sind Schnellladestationen gefragt, sie müssen zuverlässig und zügig funktionieren, die Standorte müssen sinnvoll gewählt sein und zusätzlicher Komfort ist gefragt, beispielsweise in Form von Toiletten, kostenlosem Internet oder einer Überdachung. Der Autobauer Tesla hat dafür ein eigenes Netz aufgebaut, auch etablierte Anbieter wie der Tankstellenbetreiber Aral drängen mit Macht in dieses Geschäft.  Und Newcomer wie Fastned wollen auch ein Wort mitsprechen.

  • Laden am Zielort: Hochfrequentierte Standorte wie Supermärkte oder Restaurants, an denen Kunden längere Zeit verbringen, sind attraktiv. Entscheidend für Anbieter: ein störungsfreier Betrieb und wettbewerbsfähige Preise. Das Rennen sei bereits jetzt hart umkämpft, mahnt Zayer.

  • Zuhause laden: Künftig wird es nicht mehr nur um die klassische Wallbox gehen. Auch Smart-Home-Angebote werden stärker gefragt sein. In jenes Geschäft drängen etwa Start-ups wie Heimladen, große Namen wie Volkswagen mit seiner Tochter Elli, aber auch klassische Elektriker-Betriebe.

  • Laden am Arbeitsplatz: Erfolgsfaktoren werden auch dabei einfache Betriebsmodelle und günstige Preise sein. Der Anbietermarkt ist ähnlich breit gefächert wie beim Laden zuhause.

  • Smart Energy Services: Wer sich einen verlässlichen Zugang zu einer hohen Zahl parkender Fahrzeuge verschafft, gewinnt. Das größte Potenzial sieht Bain rund um Büros, Fabriken und Wohngebieten. Zayer und Stein erwarten, dass entsprechende Dienstleistungen 2030 rund ein Drittel des Gesamtumsatzes der Ladebranche ausmachen könnten.

Für alle fünf Anwendungsfälle brauche es unterschiedliche Fähigkeiten. Zunächst dürfte es deshalb in jeder Nische erfolgreiche Spezialisten geben. "Später erwarten wir aber Kooperationen und Zusammenschlüsse", sagt Eric Zayer. "Dann werden große Player entstehen, die alles aus einer Hand anbieten."

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