AKW-Bauprojekt Hinkley C Englands neuer Atomstrom ist teurer als Solarenergie

Geld spielte bei diesem Deal offenbar keine Rolle: Die französischen Konzerne EDF und Areva sowie zwei chinesische Firmen bauen in England zwei ultrateure neue Atomkraftwerke. Gemessen an der vereinbarten Strom-Einspeisevergütung ist deutsche Solarenergie geradezu billig.
Atomkraftwerk Hinkley: Großbritannien setzt weiter auf Kernkraft

Atomkraftwerk Hinkley: Großbritannien setzt weiter auf Kernkraft

Foto: Matt Cardy/ Getty Images

Hamburg - Die Förderung der Solarenergie in Deutschland gilt gemeinhin als Beispiel für krasse Übersubventionierung in der Stromerzeugung. Doch nun setzt Großbritannien einen drauf: Die Elektrizität aus den neuen Kernkraftwerken am Standort Hinkley ist noch einmal deutlich kostspieliger.

Mit dem französischen Energiekonzern Electricité de France  (EDF) einigte sich die Regierung nach Angaben vom Montag nun auf die finanziellen Modalitäten für die Errichtung von zwei Reaktoren im westenglischen Hinkley Point.

Die beiden Reaktoren haben eine Leistungsfähigkeit von jeweils 1600 Megawatt und sollen 19 Milliarden Euro kosten. Den Plänen zufolge bekommt der Anlagenbetreiber für jede produzierte Megawattstunde Strom über 35 Jahre einen garantierten Betrag von 92,50 Pfund (109 Euro) plus Inflationsausgleich. Das liegt deutlich über dem Marktpreis für Strom von 49 Pfund im vergangenen Jahr.

Briten wollen alte Meiler ersetzen

Damit ist Atomenergie made in England sogar deutlich teurer als Solarstrom. In Deutschland erhalten Betreiber größerer Fotovoltaikanlagen seit Oktober nur noch 98,80 Euro pro Megawattstunde - für 20 Jahre und ohne Inflationsausgleich. Der Betrieb kann laut Bank-Analysten trotz der niedrigen Vergütung wirtschaftlich sein. Auch in Südengland liegen die Gestehungskosten für Sonnenstrom nicht viel höher als in Deutschland. Nochmals deutlich günstiger ist Elektrizität aus Windkraftanlagen.

Großbritannien will mit den neuen Meilern alte Anlagen ersetzen, die bis 2023 vom Netz gehen sollen. "Dies ist ein Symbol für die nächste Generation der Atomkraft in Großbritannien, die für unseren zukünftigen Energiebedarf und die langfristige Sicherheit bei der Versorgung eine wichtige Rolle spielt", sagte Premierminister David Cameron.

Die Förderung der Atomenergie ist ein zentrales Element der Regierungsstrategie, fossile Energieträger durch Alternativen mit niedrigem CO2-Ausstoß zu ersetzen. Die Anlage Hinkley Point C soll in rund zehn Jahren in Betrieb gehen. Die endgültige Entscheidung über den Bau, durch den 25.000 Stellen entstehen sollen, ist für kommenden Sommer geplant.

Am Konsortium zum Betrieb der Anlage, die rund 60 Jahre Strom liefern soll, sind außer EDF (45 bis 50 Prozent) auch Areva  aus Frankreich (10 Prozent) sowie zwei chinesische Unternehmen (30 bis 40 Prozent) beteiligt. Mögliche weitere Firmen könnten bis zu 15 Prozent erhalten, wie die Partner mitteilten.

Deal ist Eintrittskarte für chinesische Atomfirmen nach Europa

Der Deal verschafft den Firmen China General Nuclear Corporation (CGN) und China National Nuclear Corporation (CNNC) einen Einstieg in den europäischen Markt und gibt ihnen die Chance, in Zukunft dort womöglich weitere Reaktoren zu verkaufen.

Das Abkommen stellt für die weltweite Atomindustrie einen Lichtblick dar. Seit der Katastrophe im japanischen AKW Fukushima ist die Zahl der Kernkraftgegner gestiegen. Deutschland hat sich für den Ausstieg aus der Atomkraft entschieden, Italien ein geplantes Atomprogramm gestrichen und Frankreich strebt eine Verringerung seiner Abhängigkeit vom Atomstrom an.

Großbritanniens Premierminister David Cameron hat sich vor allem die Versorgungssicherheit und eine langfristige Entlastung der Haushalte auf die Fahnen geschrieben. Er verspricht den Bürgern, dass neue AKWs den erwarteten Strompreisanstieg bremsen werden.

EU kritisiert hohe Subventionen für Atomenergie

Diese angestrebte Regelung mit festem Abnahmepreis ist nach der Privatisierung der Versorger einmalig in Europa und muss noch von der EU-Kommission gebilligt werden. Erst wenn dies geschehen ist, will EDF endgültig über die Investition entscheiden. Dies soll bis Juli 2014 geschehen.

Großbritanniens Pläne könnten sich allerdings als schwierig erweisen. Denn vor kurzem hatte die EU-Kommission entschieden, Subventionen für AKWs nicht zu erleichtern. Kritiker werfen der Regierung zudem vor, hohe Risiken einzugehen. Der Umweltaktivist und Ex-Regierungsberater Tom Burke nannte es ein gewagtes Unterfangen, sich bereits jetzt auf den Strompreis im Jahr 2058 festzulegen.

Zuletzt war in Großbritannien 1995 mit Sizewell B an der englischen Ostküste ein Atomkraftwerk in Betrieb gegangen. Dort plant EDF eine weitere Anlage.

Bis zum vergangenen Jahr hatten auch deutsche Energieversorger Interesse am Bau von Atomkraftwerken in Großbritannien gezeigt. RWE  verkaufte dann seine Beteiligung an einer britischen Atom-Tochter Horizon - aus strategischen Gründen. Der Konzern wolle verstärkt Solarparks bauen, sagte Vorstandschef Peter Terium damals. Die Technik werde stetig günstiger und sei in Kürze wettbewerbsfähig. Offenbar hatte er nicht bedacht, dass Regierungen auch für die Kernenergie hohe Subventionen ermöglichen.

nis/dpa/rtr
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