US-Präsident setzt auf Kohle Der energiepolitische Amoklauf des Donald Trump

Donald Trump bei einem Wahlkampf-Auftritt vor Kohle-Arbeitern in West Virginia

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Zahlreiche Branchen profitieren von US-Wahl: Waffen, Öl, Pharma - diese Firmen gewinnen mit Trump

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Für seine ambitionierte Energiewende ist Deutschland lange belächelt worden. Kein anderes Land gehe diesen Weg mit hohen Ökostrom-Subventionen und Atomausstieg, monierten Fachleute und Politiker im In- und Ausland. Nicht ganz zu Unrecht: Tatsächlich sucht die mal überstürzt, mal verschwenderisch, jedenfalls stets mit glühendem Eifer umgesetzte Transformation weltweit ihres Gleichen - im Positiven wie im Negativen.

Sechs Jahre nach dem Reaktorunfall von Fukushima ist heute allerdings nicht Deutschland weltweit der Sonderling Nummer eins auf dem Gebiet. Diese Rolle erobern sich zunehmend die USA. Dort setzt Präsident Donald Trump zu einem energiepolitischen Amoklauf an, der von Gefühlen, Machtkalkül und alternativen Fakten geprägt ist. Kommt Trump damit durch, dürften den größten Schaden- außer dem Weltklima - die Vereinigten Staaten selber nehmen.

Unter Trump sollen die Vereinigten Staaten eine fulminante Rolle rückwärts vollziehen: Freie Bahn für Ölbohrungen, weniger Beschränkungen für Fracker und Autobauer, und nicht zuletzt eine Renaissance für die Kohle wünscht sich der US-Milliardär. Dies sehr zur Freude zahlloser Funktionäre in pseudowissenschaftlichen Instituten und der republikanischen Partei, die den seit mehr als 100 Jahre bekannten Treibhauseffekt der Einfachheit halber schlicht leugnen - wie es der Präsident selbst auch lange selbst getan hat.

Die Umweltbewegung sei "die größte Bedrohung für Freiheit und Fortschritt in der modernen Welt", gab Trumps Beauftragter für die Neuausrichtung der Umweltbehörde EPA, Myron Ebell, aggressiv den Ton vor . Der Lobbyist des regulierungsfeindlichen Competitive Enterprise Institute (CEI) ist nur einer von zahlreichen Männern um Trump, die es satt sind, dass unter Barack Obama zunehmend Klima- und andere Wissenschaftler anstatt Firmen aus der fossilen Brennstoff-Industrie den energiepolitischen Kurs prägten. Letztere gehören nicht zufällig zu den größten Spendern dieser so genannten Think Tanks.

Maximale Bereicherung statt Klimaschutz

Den Energie-Ideologen ganz alten Schlags geht es offenbar um maximale Bereicherung - und nicht darum, dass die USA ein zukunftstaugliches Energie-System bekommen. Es geht ihnen auch nicht um weniger Regulierung und das freie Spiel der Marktkräfte.

Andernfalls hätten Trumps Einflüsterer den jüngsten Vorschlag aus den Reihen einiger verdienter Republikaner zumindest ernsthaft geprüft: Die Gruppe um den ehemaligen Außenminister George P. Shultz hatte für eine aufkommensneutrale Kohlendioxid-Steuer plädiert. Diese hätte viele der verhassten Klimagesetze tatsächlich überflüssig gemacht - es wäre dem Markt überlassen gewesen, welche saubere Technologie sich durchsetzt. So geht schlanker Staat. Doch Trump und seine Truppe bleiben lieber Teil eines fortschrittsfeindlichen (Anti-) Ökosystems, das in einer energiepolitischen Parallelwelt lebt.

Vor allem der Kreuzzug für die Kohle entbehrt jeder ökonomischen Grundlage. Elektrizität aus diesem besonders klimaschädlichen Energieträger ist inzwischen teurer als Solar- oder Windenergie, auch abzüglich aller Öko-Subventionen. Und die trägen fossilen Kraftwerke rechnen sich auch nur, wenn sie die meiste Zeit laufen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung erneuerbarer Energien und billigen Erdgases ist das ein unerfüllbarer Wunschtraum.

Trump-Einflüsterer bestreiten nachweisbare Energie-Fakten

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Kein Wunder, dass China, Indien, Brasilien und viele andere Länder inzwischen gigantische, spottbillige Wind- und Solarparks bauen - ein nachweisbares Faktum, das das CEI und andere Lobbyisten bis heute bestreiten . Die Kohle steht dagegen fast überall auf dem Abstellgleis .

Versorger in den USA haben zuletzt ebenfalls diesen Weg der Modernisierung eingeschlagen, vorneweg in konservativen Bundesstaaten wie Texas, Iowa oder Kansas. Längst sind es nicht mehr politische Vorgaben, die diese Entwicklung beschleunigen, sondern die Märkte.

Wenn Donald Trump deren Kräfte nun abschwächt, um seine abstrusen Pro-Kohle-Wahlversprechen einzulösen, behindert er damit faktisch innovative Unternehmen in den USA. Wer soll noch Stromspeicher, intelligente Netze oder effizientere Solaranlagen erfinden, wenn die Politik Kohle oder die teure und unrentable Abscheidung von Kohlendioxid fördert? Ähnliches gilt im Verkehr: Wenn Autos in den Staaten wieder mehr Schmutz in die Luft pusten dürfen, werden eher nicht US-Firmen die Fahrzeuge für den Auto-Weltmarkt der Zukunft bauen.

Ironie der Geschichte: Hauptgewinner einer derart rückwärtsgewandten Energiepolitik wäre wohl Trumps Lieblingsfeind China. In der Volksrepublik stehen Firmen durch ambitionierte Vorgaben unter hohem Modernisierungsdruck. Solar- und Windradbauer, aber auch Elektroautohersteller schicken sich an, den Weltmarkt zu beherrschen.

Wahrscheinlich ist auch deshalb, dass Trump mit seinen radikalen Plänen an der Realität scheitert, in der schon jetzt erneuerbare Energien mehr Arbeitsplätze in den USA schaffen als die Öl- oder Kohlewirtschaft. Der Präsident kann nicht gleichzeitig Fracking und Kohle zu neuem Glanz verhelfen. Es wird schwierig, Abgasstandards für Autobauer abzusenken und sich gleichzeitig mit Gigafactories des Elon Musk zu schmücken.

Trump muss sich entscheiden. Entweder die USA mutieren wirklich zu einem rückständigen Energie-Außenseiter, wo Kohlekumpels dank Subventionen den Ton angeben und alte Industrien vermeintlich wieder "großartig" werden. Oder Washington setzt konsequent auf die neuen Möglichkeiten sauberer Energien, zumal diese viele von Obamas Fördergesetzen und Regulierungen gar nicht mehr brauchen. Das wäre wirklich großartig.