Energiekonzerne "Stress im System"

BCG-Energieexperte Philipp Gerbert deckt die Schwächen der Energiewende auf. Die Branche stehe vor einer grundlegenden Umgestaltung: inklusive Konsolidierung und Eigentümerwechseln.
Windräder in Brandenburg: Die traditionellen Geschäfte rentieren sich nicht mehr, und die Konzerne nehmen nur in geringem Maße am Neugeschäft teil

Windräder in Brandenburg: Die traditionellen Geschäfte rentieren sich nicht mehr, und die Konzerne nehmen nur in geringem Maße am Neugeschäft teil

Foto: DPA

mm: Herr Gerbert, das manager magazin beschreibt in seiner neuen Ausgabe die dramatische Lage der deutschen Stromkonzerne. Welche Folgen hat die Energiewende aus Ihrer Sicht für die Branche?

Gerbert: Der Mechanismus liegt offen zu Tage und die ökonomischen Auswirkungen auf die Versorger sind fatal. Weil es noch keine effizienten, kostengünstigen Langfristspeicher gibt für Sonne oder Wind, brauchen wir zusätzlich zum System der erneuerbaren Energien die konventionelle Energieerzeugung über Kohle oder Gas als Back-up. Wir haben deshalb bei günstiger Witterung viel zu viel Erzeugungskapazität. Wegen vernachlässigbarer variabler Kosten der erneuerbaren Energien sinken die Großhandelspreise. Und die werden nach unserer Einschätzung bei 3 bis 4 Cents pro Kilowattstunde niedrig bleiben. Damit sinken die Einnahmen für alle Stromerzeuger. Weil die erneuerbaren immer zuerst laufen, arbeiten die fossilen immer seltener. Das ist dramatisch beim Erdgas, weil das die höchsten variablen Kosten hat, betrifft aber perspektivisch auch die Kohle. Der gesamte konventionelle Kraftwerkspark wird zunehmend unprofitabel; und das trifft jetzt ein Kraftwerk nach dem nächsten.

mm: Wie viel verdienen die traditionellen Energieerzeuger wie RWE  oder Eon  künftig noch?

Gerbert: Es ist ein doppelter Negativeffekt, der sich letztlich in den Bilanzen niederschlägt: Die Betreiber konventioneller Kraftwerke bekommen nicht nur weniger Geld, weil die Großhandelspreise sinken, sie bekommen es auch immer seltener, weil die Anlagen kaum noch laufen.

mm: Warum haben sich die Unternehmen nicht stärker auf das Geschäft mit erneuerbaren Energien verlegt?

Gerbert: Einige engagieren sich, aber vor allem im Ausland. In Deutschland hatten die großen vier Energiekonzerne 2012 erst 5 Prozent Anteil an erneuerbaren Kapazitäten. Die Überrenditen, die bisher hier zu Lande in diesen Formen der Stromerzeugung stecken, laufen an den Großen komplett vorbei. Sie haben das Thema unterschätzt, wollten aber auch bewusst nicht in regulierte Geschäftsbereiche zurück. Es wäre auch politisch nicht vermittelbar, würden die großen Energieversorger heute die ganzen Subventionen für Sonne oder Wind abgreifen. Also: Die traditionellen Geschäfte rentieren sich nicht mehr, und die Konzerne nehmen nur in geringem Maße am Neugeschäft teil. Das ist das Dilemma.

mm: Was hat die EEG-Reform bisher gebracht?

Gerbert: Sie hat zum einen klargestellt, welche Technologien sinnvoll sind und welche nicht. Das war ja zu Beginn völlig offen. Als Pionier gibt es nun mal für viele Themen keine Vorlage. Jetzt ist klar: Biomasse ist es nicht, Geothermie ebenfalls nicht. Wasser? So viel wie geht, aber das Potenzial ist begrenzt. Also konzentriert man sich sinnvollerweise auf Photovoltaik und Wind. Zweitens hat man verhindert, dass zu früh zu viel Geld in Offshore-Wind fließt, Überinvestitionen wurde eingedämmt. Drittens wurde verhindert, dass Besitzer von Photovoltaik-Anlagen, die den Strom selbst nutzen, über die Maßen profitieren. Größere Anlagen zum Eigenverbrauch müssen die EEG-Umlage zahlen, wie andere Stromverbraucher auch. Das ist nur gerecht. Und sie müssen irgendwann am Markt teilnehmen, wenn auch Details der Modelle noch völlig offen sind. Aber es geht in die richtige Richtung: Jeder, der eine Anlage zur Stromerzeugung angeschlossen hat, muss auch die Netzumlage zahlen, so funktioniert es in der Telekommunikation ja auch.

mm: Also sind bald die Kosten im Griff?

Gerbert: Die Kostendynamik wird jedenfalls gebremst. Wir rechnen damit, dass der Haushaltsstrompreis zwar weiter steigt, aber deutlich schwächer als in den vergangenen Jahren. Der Höhepunkt wird Anfang der 20er-Jahre sein. In 2023 könnte er bei 33 Cent pro Kilowattstunde liegen. Was mit den bisherigen EEG-Reformen allerdings nicht gelöst wurde, sind klare Rahmenbedingungen, die auch noch in zehn Jahren gelten können.

"Der Staat müsste klar sagen, welche und wie viel Kapazität er will"

mm: Kommt der Kapazitätsmarkt, ein breit angelegtes Hilfssystem für die Bereitstellung konventioneller Reservekapazitäten?

Gerbert: Die politische Dynamik ist derzeit enttäuschend. Der Gesetzgeber hat zwar gesagt, er würde darüber nachdenken, aber de facto bewegt sich nicht viel. Wahrscheinlicher ist folgender Ablauf: Die Konzerne melden ein Kraftwerk nach dem anderen bei der Bundesnetzagentur zur Schließung an, weil sich der Betrieb nicht mehr lohnt. Die Behörde muss die Versorgungssicherheit gewährleisten und wird, je nach Bedarf, einzelne Kraftwerke unter Vertrag nehmen, also weiter betreiben lassen, gegen eine entsprechende Ausgleichsgebühr, die sie mit dem einzelnen Unternehmen aushandelt. Das wird die Ertragsmisere der Konzerne nicht beenden.

mm: Sie empfehlen einen neuen großen Subventionstopf?

Gerbert: Nein. Wir brauchen eine Lösung, die so marktnah wie möglich ist. Der Staat müsste klar sagen, welche und wie viel Kapazität er will. Die wird dann ausgeschrieben. Dabei gibt es immer noch viele Gestaltungsmöglichkeiten. Nur: Die ersten Schritte zu einem Kapazitätsmechanismus müsste man jetzt auch mal gehen.

mm: Das Geschäftsmodell der etablierten Stromversorger liegt in Trümmern. Was bleibt auf lange Sicht übrig?

Gerbert: Das Stromnetz, der Vertrieb, ein gewisser Anteil Energiehandel. Und es gibt neue Einnahmequellen wie konsumentennahe Zusatzleistungen, Stichwort: Smart home. Aber Fakt ist: Die verbleibenden Geschäfte werden im Inland nicht das Gewicht der traditionellen Erzeugung erreichen. Die Konzerne werden sich auf wesentlich geringere Margen einstellen müssen, die Ergebnissituation wird sich nicht verbessern. Wir rechnen deshalb mit einer grundlegenden Restrukturierung der Branche.

mm: Was heißt das konkret?

Gerbert: Man kommt schnell in eine Situation wie bei den Banken. Das System ist extrem vernetzt, die großen Player sind systemrelevant. Aber, und das ist der Unterschied zu den Banken: Wenn die Konzerne finanziell straucheln, verschwinden deren Assets nicht. Der Staat muss also nicht den Unternehmen helfen, sondern er kanndie Kraftwerke unter seine Obhut nehmen. Der Trend ist eindeutig: 50 Prozent der gesamten Erzeugung ist heute schon reguliert, der Anteil wird bis 2030 auf etwa 65 Prozent steigen. Man bekommt also einen stark regulierten Markt mit niedrigen Margen. Große Konzerne, die an der Börse notiert sind, haben es in einem solchen Umfeld unglaublich schwer.

Ein Szenario ist eine Rekommunalisierung. Die Kommunen geben sich als Eigner womöglich mit niedrigeren Renditen zufrieden, weil sie nicht dem Druck des Kapitalmarkts ausgesetzt sind.

mm: Am baden-württembergischen Energiekonzern EnBW  halten Land und Kommunen jeweils 50 Prozent. Ist eine solche Anteilseignerstruktur auch für andere Unternehmen wie etwa RWE  denkbar?

Gerbert: Denkbar sicherlich. Auch eine Stiftung, wie bei der RAG, wäre möglich: Man wirft alle Kraftwerke zusammen und verwaltet diese gemeinsam, verbunden mit staatlichen Garantien. Eine Gefahr liegt darin, ob ein solches Modell europakompatibel wäre. Da wird es sicherlich Diskussionen geben. Aber so wie das System jetzt ausgestaltet ist, kann es nicht bleiben. Dann wird in Deutschland nichts mehr investiert, weil weder erneuerbare Energien noch konventionelle Kraftwerke ihr Geld im Großhandel zurück verdienen. Die Grundproblematik ist: Es sind zu viele Rahmenbedingungen gleichzeitig. Man will Klimaschutz und Nuklearausstieg gleichzeitig, und alles muss noch den EU-Regeln entsprechen. Das kann nicht ohne große Verwerfungen funktionieren.

"Es gibt keinen natürlichen Schutz gegen Insolvenz"

mm: Anderen europäischen Energieversorgern geht es nicht viel besser. Kommt es zu grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen? Immer wieder wird über eine deutsch-französische Energieallianz spekuliert.

Gerbert: Die Konsolidierung hört an der deutschen Grenze nicht auf, das stimmt. Aber solange die Regulierung nicht Klarheit schafft, sind konventionelle deutsche Assets für Investoren unattraktiv. Frankreichs Stromriese EDF wusste ja genau, weshalb er aus dem EnBW-Konzern ausgestiegen ist. Wir erwarten jedenfalls nicht, dass sich ein ausländischer Player in absehbarer Zeit in Deutschland einkauft, oder dass es eine von der EU gesteuerte supranationale Lösung geben wird.

mm: Für wie wahrscheinlich halten Sie einen Zusammenschluss von Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen, etwa Telekommunikation und Energie?

Gerbert: Die Kombination Telekommunikation und Energie war schon mal beliebter als jetzt. Im Vertrieb könnte man sich aus Sicht der Stromunternehmen sicherlich Kooperationen mit anderen Industrien vorstellen, bei Dienstleistungen im und um den Haushalt herum.

mm: Die EU-Kommission hat Stromerzeugung und Netz einst voneinander getrennt, mit dem Ziel, die Marktmacht der Konzerne zu brechen. War das ein Fehler?

Gerbert: Die Entflechtung erfolgte in völliger Unkenntnis dessen, was sich in Deutschland anbahnen würde. Das grundsätzliche Problem solcher Regulierungen ist immer: Sie sind rückwärts gerichtet. Aus heutiger Sicht ist die Argumentation jedenfalls nicht nachzuvollziehen, man müsse die Marktmacht der großen Stromkonzerne in Deutschland beschränken.

mm: Können Energiekonzerne Pleite gehen? Oder wird dieses Schreckensbild nur benutzt, um politisch Stimmung zu machen für mehr Staatshilfen?

Gerbert: Es gibt keinen natürlichen Schutz gegen Insolvenz. Man kann sich durchaus Szenarien vorstellen, in denen die Konzerne finanziell überfordert wären, etwa wenn die AKW-Risiken größer sein sollten als bilanzielle Vorsorge dafür getroffen ist. Aber man kann aus der Insolvenz heraus noch handeln, weil die Assets noch vorhanden sind, anders als in der Bankenbranche.

mm: Herr Gerbert, US-Präsident Barack Obama will den Klimawandel jetzt offenbar beherzt angehen und den CO2-Anstieg, vor allem aus Kohlekraftwerken, drosseln. Was kann er von Deutschland lernen?

Gerbert: Die deutsche Energiewende hat zwei Teile: Nuklearausstieg und Ausbau erneuerbarer Energien. Es ist schwer vorstellbar, dass die USA aus der Atomkraft aussteigen werden, aber der Neubau von AKW ist auch dort sehr schwer geworden, keine Frage. An Deutschland sieht man sehr schön, welche Teile in die Wende eingebaut werden können. So hat man hierzulande bewiesen, dass Sonne und Wind grundsätzlich wettbewerbsfähig sind. Man sieht aber auch, wo und wann der Stress im Gesamtsystem anfängt.

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