Hohe Energiepreise Die gefährliche Preisexplosion der CO2-Zertifikate

Der rasante Anstieg beim Preis für europäische CO2-Zertifikate blieb im Schatten der Energiepreise bislang fast unbeachtet. Dabei könnte er Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben. Schon bald könnte er die 100-Euro-Marke übersteigen.
Teure Emissionen: Das Kraftwerk Schkopau, Sachsen-Anhalt, des Energiekonzerns Uniper wandelt jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen Braunkohle in Strom

Teure Emissionen: Das Kraftwerk Schkopau, Sachsen-Anhalt, des Energiekonzerns Uniper wandelt jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen Braunkohle in Strom

Foto: Martin Schutt/ dpa

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Nicht nur die Future-Märkte für Gas und Strom spielen gerade verrückt. Auch der europäische CO2-Preis zeigt sich extrem volatil und explodierte kürzlich förmlich. Nachdem er Ende Juli noch auf ein Viermonatstief von 76 Euro pro Tonne CO2 gefallen war, schoss er Mitte August auf ein neues Allzeithoch von knapp 99 Euro. Zuletzt kostete das Recht, eine Tonne CO2 freizusetzen, im europäischen Handelssystem ETS mit 89 Euro wieder etwas weniger. Doch schon bald könnte der Preis die 100-Euro-Marke durchbrechen, erwarten Beobachter.

Mit fatalen Folgen: Verursacher von Emissionen – das sind Stromerzeuger, energieintensive Industrien und Fluggesellschaften – müssten dann rund doppelt so viel bezahlen wie noch im vergangenen Jahr. Neben den gestiegenen Energiepreisen entwickeln sich die CO2-Preise damit zu einem weiteren Risikofaktor für die deutsche Wirtschaft.

Eingeführt hat die Europäische Union das Instrument der CO2-Zertifikate bekanntlich, um die Emissionen der klimaschädlichen Treibhausgase zu drosseln. Die grobe Logik: Wer Emissionen verursacht, muss eine Erlaubnis für die entsprechende Menge erwerben – in Form von Zertifikaten. Und da die Gesamtmenge im europäischen Emissionshandel begrenzt ist, steigt der Preis bei steigender Nachfrage – und damit gleichzeitig der Anreiz, die Emissionen stärker zurückzufahren. Wer Emissionen vermeidet, kann überschüssige Zertifikate verkaufen und wird belohnt.

Die aktuelle Preisexplosion ist Folgewirkung des Chaos auf den Energiemärkten. Aufgrund der reduzierten Gaslieferungen aus Russland und der ausgefallenen Atomkraftwerke in Frankreich herrscht Mangel. Um die fehlende Energie zu liefern, würden laut Florian Rothenberg, Experte für EU-Energie- und Kohlenstoffmärkte beim Analysehaus ICIS, die Kohleverstromung und damit die Emissionen des Stromsektors steigen. Die Folge des Kohle-Comebacks ist eine höhere Nachfrage nach CO2-Zertifikaten – und damit ein gestiegener Preis. Verstärkt werde das Ganze durch den Weiterbetrieb alter Kohlekraftwerke, die wegen der Energiekrise in Deutschland länger am Netz bleiben sollen, so Rothenberg.

Ein weiterer preistreibender Faktor ist das stetig knapper werdende Angebot an Zertifikaten. Auf Auktionen, wo die Zertifikate am Spotmarkt gehandelt werden, sinkt das Angebot angesichts lang geplanter Kürzungen der sogenannten Marktstabilitätsreserve. Die EU nimmt gezielt Zertifikate aus dem Markt, um den historischen Überschuss abzubauen, der sich zu Zeiten billiger Emissionsrechte wie der Weltwirtschaftskrise 2008 auf den Konten der Unternehmen angesammelt hat. Der dadurch provozierte Preisanstieg ist allerdings kalkuliert: Er soll die Unternehmen zur Investition in Klimaschutzmaßnahmen animieren. So will die EU helfen, ihre Klimaziele zu erreichen.

Sorgen vor dem Produktionsstopp

Bislang blieb der Preisanstieg der EU-Emissionsrechte fast unbeachtet. Dabei könnte er sich durch das Kohle-Comeback und das Umstellen auf andere Energieträger mit hohen Emissionen in Deutschland in rasanten Tempo fortsetzen – und spürbare Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Für die gleiche Menge Strom werden heute schließlich deutlich mehr Zertifikate benötigt, die anderen Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stehen. Sie müssen folglich ihre Emissionen reduzieren: indem sie klimafreundlicher produzieren oder – kurzfristig wahrscheinlicher – indem sie ihre Produktion einstellen. Wen das treffen wird, regelt am Ende der Preis.

Ein zusätzlicher Anreiz, die Fabriken anzuhalten: Der Verkauf eigener Zertifikate angesichts der hohen Preise könnte lukrativer sein als die fortgesetzte Produktion. "Zertifikate verkaufen ist für Unternehmen eine Möglichkeit, ihre Liquidität kurzfristig zu verbessern", sagt Experte Rothenberg. Das würde dämpfend auf den Preis wirken.

Wie hoch der Konjunktureffekt der CO2-Preisexplosion ausfällt, ist nicht ganz eindeutig. Deutlich mehr ins Gewicht fällt aus Sicht von Rothenberg ohnehin die dramatische Entwicklung der Strom- und Gaspreise; Düngemittel- und Aluminiumproduzenten wie Yara oder SKW haben die Produktion bereits teilweise eingestellt oder gedrosselt. Und energieintensive Industrieunternehmen müssten aktuell noch kaum für CO2-Zertifikate zahlen, da sie den Großteil kostenlos zugeteilt bekämen, argumentiert Rothenberg. Aktuell am stärksten betroffen sind darum andere: "Die größten Käufer bei Zertifikateauktionen sind Stromerzeuger und Erdölraffinerien, da diese keine beziehungsweise deutlich weniger kostenlose Zuteilungen bekommen als andere Sektoren", sagt Rothenberg.

Andere Experten warnen dagegen. Auch wenn die energieintensiven Branchen die hohen CO2-Zertifikatskosten aktuell selbst gar nicht zahlen müssen, schlügen die indirekten Emissionskosten bei den Unternehmen durchaus zu Buche. Schließlich wird für den Strom, den sie extern beziehen, der CO2-Preisaufschlag fällig.

Das gefährdet wiederum die Industrieproduktion. "Eine Rezession in Deutschland wird immer wahrscheinlicher", sagt Achim Wambach, Ökonom und Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), auf Anfrage des manager magazins. "Die Energiepreise für Gas und Strom sind massiv angestiegen und stellen eine extreme Belastung für die Unternehmen dar. Die Ausgaben für die Zertifikate kommen hinzu."

Angesichts dieser Risiken gibt es Spekulationen darüber, ob die Europäische Union ihre Klimaziele weiter auf diesem Wege durchsetzen wird. Die Politik könnte – zur Entspannung – auch zusätzliche CO2-Zertifikate freigeben, wenn der Preis weiter so rasant steigt. Wambach hält das für keine gute Idee. "Das Gebot der Stunde ist Energieeinsparung – von Gas und Strom. Die Freigabe zusätzlicher Zertifikate würde zu einer höheren Nachfrage nach Energie führen, und ist daher nicht zu empfehlen." Sinnvoller aus Sicht des Ökonomen: eine Unterstützung der Unternehmen abhängig vom Vorjahresverbrauch, sodass die Anreize zur Energieeinsparung gewahrt bleiben.

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