21.05.2015

Kohlekraft-Anteil und CO2-Ausstoß sinken deutlich

Die chinesische Energie-Sensation

Von Nils-Viktor Sorge

AFP

Wasserkraftwerk am Drei-Schluchten-Damm: China baut erneuerbare Energien stark aus

Ein beliebtes Argument im aktuellen Streit um die Emissionen deutscher Kohlekraftwerke geht ungefähr so: Es ist doch letztlich egal, ob wir hierzulande CO2 einsparen oder nicht - die Chinesen pusten ohnehin immer mehr von dem Treibhausgas in die Luft.

Mit der tatsächlichen Entwicklung in der Volksrepublik hat diese Aussage indes nichts mehr zu tun. Von Januar bis Ende April dieses Jahres ist der Ausstoß von Kohlendioxid in China um gut 5 Prozent gesunken, wie die britische Zeitung "The Independent" berichtet und sich dabei auf Berechnungen von Greenpeace bezieht. Auch die Nachrichtenagentur Reuters beobachtet diese Entwicklung, die bereits im vergangenen Jahr begann.

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Höhepunkt (vorerst) überschritten: Chinas CO2-Emissionen durch fossile Brennstoffe (in Milliarden Tonnen pro Jahr)

Gut 5 Prozent - das klingt zunächst nicht viel. Doch es handelt sich dabei um die gesamte Menge CO2, die Großbritannien in demselben Zeitraum ausgestoßen hat, wie der "Independent" herausstellt. Und das bei einer insgesamt weiter leicht steigenden Stromproduktion in China.

Möglich geworden ist die so spektakuläre wie unerwartete Reduktion, weil die chinesischen Kohlekraftwerke so schwach ausgelastet sind wie seit 38 Jahren nicht. Deshalb verfeuerte China 8 Prozent weniger von dem Brennstoff als im Vorjahreszeitraum.

Schwächelnde Wirtschaft nur eine von mehreren Ursachen

Die mit einem offiziellen Wachstum von etwa 7 Prozent etwas schwächelnde Wirtschaft ist nur eine von mehreren Ursachen für den Rückgang. Hinzu kommt ein langsamer Strukturwandel zu weniger energieintensiven Branchen.

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Wasserkraft marsch! Wachstum einzelner Energieträger in der chinesischen Stromerzeugung 2014.

Vor allem aber erntet die Volksrepublik die ersten Früchte des Umstiegs auf sauberere Energieformen. Besonders die Stromproduktion aus teils neuen Wasserkraftwerken ist schon 2014 extrem gestiegen - um 175 Terawattstunden. Dies auch zum Missfallen von Umweltschützern, die die gigantischen Staudämme als unzulässigen Eingriff in die Natur kritisieren. Hilfreich für eine gute Auslastung der Anlagen war ergiebiger Regen.

Neue Wind- und Solarparks (zusammen 32 Terawattstunden zusätzliche Stromerzeugung) sowie Atom- (15) und Gaskraftwerke (34) trugen laut Greenpeace ebenfalls zum Einbruch bei der Kohle um 63 Terawattstunden bei (siehe Grafik). Die gesamte Stromproduktion in China liegt bei etwa 6000 Terawattstunden, das ist gut zehnmal so viel wie in Deutschland.

Vor allem rund um Metropolen dämmen die Behörden die Kohleverstromung gezielt ein, weil diese den starken Smog verschlimmert. So schalten die Versorger in Peking gerade sämtliche Kohleblöcke ab.

Bereits im vergangenen Jahr hatte China die Welt überrascht, als der Kohleverbrauch leicht gesunken war. Nicht zuletzt deshalb stagnierte der weltweite energiebedingte CO2-Ausstoß erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen in einer Phase ohne schwere Wirtschaftskrise.

REUTERS

New York im Smog: Die US-Metropole ist unter den Megacitys weltweit die schmutzigste. Das ergab eine Studie der Universität Toronto, in der der Energie- und Wasserverbrauch sowie der Müllausstoß von Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern verglichen wurde. Ergebnis: New York City liegt in allen drei Kategorien mit zum Teil großem Abstand an der Spitze.

Corbis

Den zweithöchsten Müllausstoß weltweit hat der Untersuchung zufolge Mexiko City. Beim Energie- und Wasserverbrauch liegt die Metropole in Lateinamerika allerdings nicht so weit vorne. Einem Bericht der US-Website Quartz.com zufolge kann das auch daran liegen, dass ärmere Städte generell weniger Zugang zu Energie- und Wasserressourcen haben und allein schon deshalb auch einen geringeren Verbrauch.

DPA

Die Megacity mit dem dritthöchsten Müllausstoß weltweit ist laut Uni Toronto Tokio. In der japanische Großstadt ist die Luftqualität so schlecht, dass viele kaum noch ohne Atemschutz aus dem Haus gehen. Zudem hat Tokio nach New York den zweithöchsten Energieverbrauch, so die Studie.

Corbis

Los Angeles leidet ebenfalls häufig unter Smog, wie das Foto zeigt. Gemessen am Müllausstoß liegt die Filmmetropole weltweit auf Platz vier.

Bemerkenswert: Die Megacitys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern stellten etwa 6,7 Prozent der Weltbevölkerung, produzieren aber beinahe 13 Prozent des Mülls und verbrauchen 9,3 Prozent der Elektrizität sowie 9,9 Prozent des Wassers, so die Website Quartz.com. Allerdings wird in diesen Ballungsräumen auch beinahe 15 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung produziert.

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Fünftgrößer Müllproduzent unter den Megacitys ist Mumbai. Die indische Metropole ist auch beim Wasserverbrauch weit vorne mit dabei.

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Auch in Istanbul wird vergleichsweise viel Müll produziert. Die Stadt liegt auf Rang sechs, gefolgt von ...

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... Jakarta, der Megacity in Indonesien, in deren Nähe diese Aufnahme auf einer Müllkippe entstand.

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Neben New York und Tokio sticht vor allem Moskau mit einem hohen Energieverbrauch heraus.

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Beim Wasserverbrauch befinden sich mit Guangzhou sowie Shanghai zwei chinesische Großstädte auf den vorderen Rängen. Auch in diesen chinesischen Metropolen sind die Bewohner das Tragen von Atemmasken gewöhnt ...

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... um sich vor dem Smog zu schützen.

Energieexperten beobachten nun mit Spannung, ob es sich bei den überraschenden Daten um einen Ausreißer handelt. Eine neue Phase starken Wirtschaftswachstums in China könnte die Entwicklung zumindest bremsen und den Kohlekraftwerken wieder zu besserer Auslastung verhelfen. Ebenso könnten Dürren der Wasserkraft den Hahn abdrehen.

Peking baut Wind- und Sonnenkraft massiv aus

Bisher hat China in Aussicht gestellt, seine Emissionen ab 2030 zu senken. Doch für eine bereits viel früher einsetzende, dauerhafte Wende spricht, dass das Land schon jetzt konsequent auf erneuerbare Energien sowie Atom- und Gaskraftwerke setzt. Peking hat angekündigt, Solar- und Windkraft weiter massiv auszubauen und dies auch in einem Abkommen mit den USA bekundet.

Auch ist eine neue große Gaspipeline aus Russland im Bau. Sie kann ab Ende des Jahrzehnts vergleichsweise sauberere Kraftwerke versorgen. Zudem bedrohen Strommarktreformen die Kohle.

Geht es nach den Rohstoffmärkten, könnte China der langsame Ausstieg aus der Kohle gelingen - und damit eine Energie-Sensation: Der Marktpreis für die schwarzen Brocken fällt auch wegen der schwachen Nachfrage aus dem Riesenreich weiter ins Bodenlose.

Rohstoffkonzerne wie Glencore und BHP Billiton zittern bereits. Reine Kohleproduzenten wie Peabody steuern schon auf den Abgrund zu. Dies auch, weil die Händler nicht daran glauben, dass die schwarzen Brocken in der Volksrepublik jemals ein Comeback erleben werden.

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