Dubiose Warnungen der Vergleichsportale Wie Verivox und Check24 die Strompreis-Angst schüren

Strompreis-Schock! Oder doch nicht?

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In Deutschland geht mal wieder die Strompreis-Angst um. "Die Strompreise sind im Höhenflug ", "Schon wieder  wird's teurer", "Auf Verbraucher wartet ein nächster Strompreisschock " - mit diesen Schlagzeilen haben Medien die Kunden in den vergangenen Monaten auf schlechte Nachrichten vom Versorger eingestimmt.

Als Quelle derartiger Berichte dienen häufig Vergleichsportale wie Verivox und Check 24. Diese Unternehmen werten akribisch aus, welche Versorger Preisänderungen planen. Doch ihre Verlautbarungen führen oft in die Irre und suggerieren Teuerungswellen, die es so gar nicht gibt, wie Recherchen von manager-magazin.de ergeben haben.

Zum Jahreswechsel 2016/17, verkündeten die Vergleichsportale, würden steigende Abgaben und Umlagen stark preistreibend wirken. "Angesichts steigender Kosten für Versorger und bereits angekündigter Preisanpassungen rechnen wir 2017 mit 4 bis 5 Prozent höheren Strompreisen für Endkunden", ließ Ende November beispielsweise Oliver Bohr wissen, Geschäftsführer Energie bei Check 24.

Eine "durchschnittliche Strom-Preiserhöhung von insgesamt 3 Prozent, also knapp 30 Euro" zum Jahreswechsel erwartete Verivox - und legte an diesem Donnerstag noch einmal nach. Ab März, April oder Mai würden die Rechnungen für die Privatkunden um 4,4 Prozent teurer.

Die damit verbundene Botschaft lautet: Leute, Strom wird mal wieder teurer - aber wenn ihr mit unserer Hilfe den Anbieter wechselt, verhindert ihr das Schlimmste!

Letzteres ist schon deshalb fragwürdig, weil auf den Listen der Vergleichsportale mitunter dubiose Anbieter oben erscheinen . Und der allgemeine Strompreis-Alarm, der die Wechselbereitschaft erhöhen soll, ist zumindest stark übertrieben. Diese Sprache sprechen jedenfalls die offiziellen Zahlen vom Statistischen Bundesamt.

Zunächst einmal klingt die These vom stark steigenden Strompreis in Energiewende-Deutschland grundsätzlich glaubwürdig - auch wenn sie gar nicht mehr stimmt. Auf traumatische Art wirkt offenbar noch nach, dass Elektrizität seit 2010 laut dem Statistischen Bundesamt zunächst tatsächlich um gut 25 Prozent teurer geworden ist. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Preis sogar verdoppelt, europaweit ist Strom für Verbraucher nur in Dänemark noch kostspieliger als in Deutschland.

Hintergrund dieser Entwicklung war unter anderem die stetig gewachsene EEG-Umlage, aus der der Ausbau erneuerbarer Energien finanziert wird. Hinzu kommen die Stromsteuer und steigende Gebühren. Am heftigsten schlug die Ökostromförderung Anfang 2013 ins Kontor. Damals verteuerte sich Strom von einem Jahr aufs andere um satte 12 Prozent.

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Seit drei bis vier Jahren hat sich zum Leidwesen der Vergleichsportale allerdings nicht mehr viel beim Verbraucher-Strompreis getan. Zum jüngsten Jahreswechsel kletterte der Preis laut Statistischem Bundesamt im Schnitt um ganze 0,95 Prozent - viel weniger also als von den Vergleichsportalen im Herbst suggeriert. Damit erreichte der Strompreis zwar knapp ein Rekordniveau, stand aber lediglich 1,4 Prozent höher als vor drei Jahren. Real hat sich Strom seither sogar verbilligt, denn die allgemeine Teuerung fiel mit 2,1 Prozent höher aus.

Zwar sind Ökostrom-Umlage und Netzgebühren weiter gestiegen. Doch sinkende Beschaffungspreise an der Strombörse und der allgemein harte Wettbewerb um Endkunden haben die Teuerungseffekte in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal kompensiert.

"Bei unserer Prognose haben wir uns lediglich auf Tarife der Grundversorger bezogen", erklärt eine Verivox-Sprecherin die Diskrepanz gegenüber manager-magazin.de. Doch Grundversorger decken nur noch einen Teil des Marktes ab. Künftig solle diese Information deshalb in die Mitteilungen einfließen. Ende Dezember habe das Unternehmen die tatsächliche Strompreissteigerung zum Jahreswechsel um 1 Prozent dann auch korrekt prognostiziert. Da hatten es die vorher versendeten Strompreis-Warnungen allerdings bereits in viele Medien geschafft.

Auch ein Sprecher von Check 24 betont, die Strompreis-Prognose beziehe sich nur auf Grundversorger-Tarife. Doch ein expliziter Hinweis in der Mitteilung darauf fehlt. "Die Portale müssen deutlich herausstellen, welche Kundengruppen betroffen sind", kritisiert Energierechts-Experte Jürgen Schröder von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen das Vorgehen.

Stabil auf hohem Niveau - Verbraucherstrompreise in Deutschland

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Vergleichsportale wie Verivox und Check24 haben in den vergangenen Jahren durchaus hin und wieder kommuniziert, dass das Strompreis-Niveau teilweise gesunken ist. Erfolgversprechender scheint aber offenbar die Alarm-Strategie zu sein.

"Strompreis-Rally geht weiter", titelte Verivox am Montag, obwohl das Statistische Bundesamt eine solche gar nicht erkennen kann. "Im Frühling steigen die Temperaturen - und die Strompreise", hieß es in schönster Vergleichsportal-Prosa weiter. 33 Stromversorger hätten für die kommenden Wochen Strompreiserhöhungen im Grundversorgungstarif angekündigt, durchschnittlich um 3 Prozent.

Immerhin 33 Stromversorger - klingt aufregend, klingt nach viel . Ist es aber nicht: Insgesamt gibt es etwa 830 Grundversorger in Deutschland. Betroffen sind zudem lediglich Gebiete mit vier Millionen Haushalten. Da zudem nur knapp jeder dritte in einem Grundversorgungs-Tarif steckt, geht es um nicht viel mehr als eine Million von gut 40 Millionen Haushalten in Deutschland.

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Mit diesem teuren Basis-Tarif ist es zudem so eine Sache: So fallen vor allem Kunden, die keine Lust oder Zeit haben, sich um ihren Stromvertrag Gedanken zu machen, automatisch in die Grundversorgung von Stadtwerken und anderen regionalen Platzhirschen. Zudem kommen manche Verbraucher mit schwacher Bonität sonst nirgendwo unter.

Diese Immobilität nutzen Anbieter oft aus und erhöhen den Preis in der Grundversorgung kräftig. Das wirkliche Geschehen am Strommarkt bilden diese Verteuerungen eher nicht ab. Das allgemeine Strompreisniveau solle aus derartigen Mitteilungen denn auch künftig deutlicher hervorgehen, kündigt die Verivox-Sprecherin an.

So lange dies nicht passiert, ist auch die von Verivox verbreitete Erkenntnis, dass seit Jahresbeginn 421 Grundversorger in einem Einzugsgebiet mit 16 Millionen Haushalten ihre Preise um durchschnittlich 3,5 Prozent erhöht haben, von geringer Aussagekraft. Für eine leichte Strompreis-Hysterie taugt sie dennoch als Grundlage.

Die Verivox-Sprecherin bestätigt, dass ein Klima steigender Strompreise dem Vergleichsportal grundsätzlich nützt. Wenn sich die Verbraucher ärgern, "steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie reagieren". Gleichzeitig ermögliche ihr Unternehmen Stromkunden aber auch echte, spürbare Ersparnisse.

Check24-Logik: Auch wer nicht betroffen ist, ist betroffen

Besonders irreführend geht mitunter Konkurrent Check24 bei derartigen Mitteilungen vor. "Bislang haben 281 und damit rund ein Drittel der Stromgrundversorger reagiert und Preiserhöhungen für Januar oder Februar angekündigt", teilte das Portal im November mit. Im Schnitt gehe es um 3,5 Prozent, in der Spitze um 14,9 Prozent. "Rund zehn Millionen deutsche Haushalte sind davon betroffen."

Diese Aussage unterschlägt allerdings, dass nur knapp ein Drittel der Verbraucher in einem Grundversorgungstarif stecken. Betroffen waren also nicht zehn, sondern eher drei Millionen Haushalte. Check24 widerspricht mit einer sehr eigenen Logik: Jeder, der im Gebiet eines Grundversorgers wohne, sei von dessen Preiserhöhungen betroffen - auch wenn er dort gar nicht Kunde ist. Verbraucherschützer Schröder hält eine derartige Argumentation für unzulässig.

Tatsächlich lohnt ein Blick auf den Strompreis immer. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Strom nach einigen Jahren Ruhe in Zukunft wirklich wieder teurer wird. Auch deshalb ist an dem Aufruf, sich über den eigenen Stromvertrag Gedanken zu machen, generell nichts auszusetzen. Mitunter lässt sich durch einen Wechsel eine dreistellige Summe im Jahr sparen.

Manchem überhasteten Wechsel folgt jedoch eine umso größere Enttäuschung. Einige Anbieter werben mit Billigtarifen und landen so ganz oben in den Tabellen der Vergleichsportale. Nach einer Weile erhöht der vermeintliche Preisbrecher dann saftig die Tarife - und hofft, dass der Verbraucher schon nichts merkt. Verivox und Check24 haben nach dem Teldafax-Skandal nach eigenen Angaben verschiedene Schutzmechanismen aktiviert, die extrem günstige, aber unseriöse Anbieter aus den Listen verdrängen.

Noch dreister als diese nutzen Betrüger den Hype um vermeintlich flächendeckend stark steigende Strompreise aus. So beklagen die Stadtwerke Karlsruhe eine Welle von unseriösen Telefonanrufen  bei ihren Kunden.

Diese würden mit der Falschaussage konfrontiert, ihr Versorger verteuere ja bekanntlich Elektrizität. Dann unterbreite der Anrufer ein vermeintlich günstigeres Angebot und wolle noch am Telefon einen Vertrag abschließen. Dabei, so die Stadtwerke, sei für 2017 erneut gar keine Strompreiserhöhung geplant. Eine solche habe es zuletzt 2013 gegeben.

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