Kryptomining mit Kohlekraftwerk Bitcoin - die dreckigste Währung der Welt

Kohlekraftwerke und Fracking-Felder erleben ein Comeback: In China, Russland und den USA werden alte fossile Anlagen wieder verstärkt genutzt. Bitcoin-Miner setzen die Klimakiller wieder in Gang - auf der Suche nach schnellem Geld.
Check-in im "Mining Hotel": Die berüchtigte Nickelschmelze im nordsibirischen Norilsk wurde geschlossen. Das Gelände und die mit Kohle und Diesel betriebenen Betriebskraftwerke werden nun als "Mining Hotel" zum Bitcoin-Schürfen genutzt

Check-in im "Mining Hotel": Die berüchtigte Nickelschmelze im nordsibirischen Norilsk wurde geschlossen. Das Gelände und die mit Kohle und Diesel betriebenen Betriebskraftwerke werden nun als "Mining Hotel" zum Bitcoin-Schürfen genutzt

Foto: Ilya Naymushin / REUTERS

Mining von Bitcoin ist nicht nur als Sinnbild zu verstehen. Dass für das "Schürfen" von Kryptogeld ganz real Bergleute unter Tage gehen und ihr Leben riskieren, zeigte sich bei einem Unglück im Kohlebergwerk Fengyuan in der westchinesischen Provinz Xinjiang Anfang April. Die 21 Bergleute konnten aus den überfluteten Stollen gerettet werden, doch die Behörden hielten die Grube in der vorigen Woche noch zum Sicherheitscheck geschlossen. Wegen des fehlenden Brennstoffs kam es zu Stromausfällen im Kreis Hutubi - und das hatte Folgen für den Kryptomarkt: Zeitweise brach die Rechenleistung des Bitcoin-Netzwerks, gemessen an der Hashrate (der Geschwindigkeit beim Lösen komplexer Rechenaufgaben, mit dem neue Bitcoins geschaffen werden), um bis zu 40 Prozent ein.

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Das energiehungrige Bitcoin-Mining findet laut Daten der Universität Cambridge  zu rund 70 Prozent in China statt, der Großteil davon in Xinjiang, wo das muslimische Volk der Uiguren laut etlichen Berichten unterdrückt wird, aber meistens verlässlich billiger Kohlestrom fließt. Die Innere Mongolei, eine weitere chinesische Kohleprovinz, hat die Kryptominer aufgefordert, ihren Betrieb bis Ende April zu schließen. Für die Provinzführung bot der Bitcoin-Boom die Hoffnung, schlecht genutzte Kohleanlagen besser auszunutzen und Jobs im Revier zu halten. Jetzt aber macht Peking Druck, die Region dürfe ihre Klimaziele nicht weiter verfehlen - was laut einer neuen Studie in der Zeitschrift "Nature Communications" auch China insgesamt droht , wenn der Kryptotrend so weitergeht.

Die grüne Fantasie von Jack Dorsey und Elon Musk

Wohin also soll die rasant wachsende Industrie der Kryptominer ziehen? Die südchinesischen Provinzen Sichuan und Yunnan locken mit überschüssiger - und klimaschonender - Wasserkraft, aber nur während der Regenzeit von Mai bis Oktober.

Twitter- und Square-Chef Jack Dorsey schwärmt - applaudiert von Tesla-Chef Elon Musk, einem weiteren Bitcoin-Enthusiasten - von einer Zukunft, in der Bitcoin die Energiewende unterstützt anstatt torpediert: Wie Batteriespeicher könnten Kryptominer mit ihrem flexiblen Strombedarf die Schwankungen von Wind- und Sonnenkraft ausgleichen.

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An der Realität der Miner gehe das vorbei, meint Alex de Vries, der als "Digiconomist" den Energiehunger von Bitcoin und dessen Klimafolgen dokumentiert . Wer seine Mining-Computer nicht rund um die Uhr laufen lasse, verschenke Profit. "Die Energiewende führt zu Erneuerbaren", erklärt de Vries . "Auf dem Trockenen bleiben überholte fossile Brennstoffe - perfekt fürs Bitcoin-Mining."

Tatsächlich häufen sich aktuell die Beispiele, in denen fossile Anlagen offenbar nur dank Bitcoin weiterlaufen oder sogar wieder in Gang gesetzt werden.

Nickel, Öl und Bitcoin-Boom in Sibirien

In Russland, der nach China wichtigsten Mining-Nation, macht vor allem die Bergbaustadt Norilsk nördlich des Polarkreises als neue Bitcoin-Metropole von sich reden. Der Rohstoffkonzern Norilsk Nickel hat seine für schwere Luftverschmutzung etwa mit Schwefeldioxid berüchtigten alten Nickelschmelzen in den vergangenen Jahren geschlossen - gezwungenermaßen, wie die Firma einräumt, aber durchaus erwünscht: Schließlich sehe die Firma von Großaktionär Wladimir Potanin ihre Zukunft als sauberer Lieferant beispielsweise für Batterien von Elektroautos.

Das Gelände und die zugehörigen Betriebskraftwerke nutzt seit dem vergangenen Jahr ein "Mining Hotel" für Rechenzentren, als Zeichen der Zeit wurde ein großes Bitcoin-Logo in den allmählich tauenden Permafrostboden gerammt. Der Strom von Norilsk Nickel wird hauptsächlich mit Kohle erzeugt, als Reservetreibstoff für die Kraftwerksturbinen dient aber auch Diesel. Als im vergangenen Juni ein Dieseltank zusammenbrach, wurden weite Flächen der Arktis verseucht. Russland rief den Katastrophenzustand aus, der Konzern musste inzwischen zwei Milliarden Dollar Strafe zahlen.

Weiter westlich in Khanty Mansiysk hat Gazprom mit Bitcoin einen Weg gefunden, seine Fracking-Ölquellen wirtschaftlicher auszubeuten. Das bei der Förderung freigesetzte Gas, das ansonsten abgefackelt würde, treibt nun auch die Stromproduktion für Kryptominer an.

Das Überleben der Frackingfirmen

In den USA haben verschiedene Firmen wie Crusoe Energy oder EZ Blockchain daraus schon ein neues Geschäftsmodell gemacht. Mehrere Frackingbetreiber , die im vergangenen Jahr wegen der fallenden Öl- und Gaspreise ums wirtschaftliche Überleben kämpften, konnten sich dank der nun angeschlossenen Bitcoin-Minen retten.

In Kentucky ließ der ukrainische Milliardär Ihor Kolomoiskyj, der inzwischen wegen Korruptionsvorwürfen nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen darf, zwar sein Stahlwerk schließen und die Belegschaft entlassen. Die Hallen fanden aber eine neue Funktion als Krypto-Mine. Im März beschloss der Staat ein Gesetz, das Kryptominern Steuer- und Strompreisrabatte für grüne Energien verschafft, auch wenn sie den normalen Strommix nutzen, der in Kentucky zu rund drei Vierteln aus Kohlekraft stammt.

USA: Eine Bitcoin-Mine mit eigenem Kraftwerk geht an die Börse

Im Rust Belt des Staats New York kaufen inzwischen schon Kryptominer ihre eigenen Kraftwerke. Ein ehemaliger Kohlemeiler nahe der Kleinstadt Dresden, vor zehn Jahren stillgelegt, ist auf Erdgas umgerüstet und wieder in Betrieb, wenn auch nicht am öffentlichen Stromnetz.

Der Betreiber Greenidge will das auch gar nicht. Die Anlage mit einer Kapazität von 106 Megawatt dient nur dem Zweck, nach Bedarf Kryptowährungen zu schürfen. Das Gas kommt per Pipeline, "und wenn wir kein Gas brauchen, drehen wir das Ventil einfach zu", erklärt Greenidge-Chef Jeff Kirt.

So habe man ein extrem kostengünstiges Modell geschaffen, um an Bitcoins zu kommen. In den vergangenen zwölf Monaten seien 1186 Bitcoins zu variablen Kosten von 2869 Dollar pro Stück entstanden - bei Börsenpreisen von 55.000 Dollar eine ordentliche Gewinnspanne.

Diese Geschichte will Kirt ab dem dritten Quartal auch an der Börse Nasdaq verkaufen, verbunden mit dem Siegel "lower carbon", also niedrigeren Emissionen von CO2. Verglichen mit den Kohleminen von Xinjiang dürfte das sogar stimmen.

ak