Serie zu Innovationen für Klimaschutz Fliegen mit Algen - ist das die Lösung?

Algenkultur im Projekt "Aufwind" am Forschungszentrum Jülich (2014)

Algenkultur im Projekt "Aufwind" am Forschungszentrum Jülich (2014)

Foto: DPA

Eine besondere Faszination scheint von Algen auf Christian Lindner auszugehen. Mehrfach in diesem Jahr schon hob der FDP-Chef die glibberigen Wassergewächse hervor, wenn es um Klimapolitik ging. Unter seiner Führung wenden sich die Liberalen gegen "die Vielzahl von Verboten und Subventionen" und den "eindimensionalen Fokus der Politik auf die E-Mobilität". Sie fordern "neues Denken und eine Technologieoffensive in alle Richtungen" - mit Algen, die CO2 binden, als oftmals einzigem Beispiel.

Tatsächlich haben die pflanzenähnlichen Lebewesen das Potenzial, als Biosprit die existierenden Verbrennungsmotoren in eine klimafreundliche Zukunft zu retten. Sie könnten, in FDP-Sprache, "zeigen, dass Klimaschutz und freies Leben zugleich möglich sind".

Vor allem für die Luftfahrt, einen der großen CO2-Emittenten, führt kaum ein Weg an neuen Treibstoffen vorbei. Autos und Lastwagen lassen sich eventuell auf Elektroantrieb umstellen, große Passagierflugzeuge wahrscheinlich nie. "Es funktioniert nicht, rein elektrisch wird es nicht gehen", sagte Airbus-Chefingenieurin Grazia Vittadini im Juni - gerade, als sie eines der ambitioniertesten Projekte in dieser Richtung in Paris vorstellte.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr nannte deshalb jüngst im SPIEGEL-Interview  synthetische Kraftstoffe als "zentralen Schlüssel für CO2-neutrales Fliegen". Nur leider seien sie "noch so teuer und in so geringer Menge verfügbar, dass sie kaum nutzbar sind".

Bleibt Biosprit. Wird er auf Algenbasis hergestellt, ergeben sich mehrere Vorteile:

  • die Algen binden viel effizienter Kohlendioxid aus der Atmosphäre, als dies Pflanzen wie Bäume könnten
  • sie enthalten zu einem hohen Anteil fette Öle, die sich beispielsweise für Kerosin nutzen ließen
  • noch besser fürs Klima wäre zwar, sie gar nicht zu verbrennen, doch wegen des raschen Wachstums können Algen-Bioreaktoren trotzdem eine positive CO2-Bilanz haben
  • die Zucht ist auch im Salzwasser möglich, wo sich das Problem "Tank oder Teller" weniger stellt und auch der Wasserverbrauch weniger problematisch ist

Die Forschung ist schon seit Jahrzehnten aktiv, die Technik existiert. Aber wirtschaftlich ist sie nicht.

Von Aquaristik bis Kosmetik - was Algen-Sprit-Startups heute machen

Am Forschungszentrum Jülich wurde 2014 ein großes "Algen Science Center" gestartet. Das Projekt "Aufwind", von Airbus und dem Ölkonzern OMV unterstützt, sollte vor allem die Verwertungskette erforschen. "Denn wenn es gelingt, aus den Algen neben Kerosin weitere attraktive Produkte zu gewinnen, könnte das derzeit noch teure nachhaltige Kerosin aus dem Bioreaktor konkurrenzfähig werden", hieß es damals. Bis 2016 lief die vom Bund geförderte Forschung, ein Resümee wurde öffentlich nicht gezogen.

In den vergangenen Jahren ist eine ganze Welle von Venture-Capital-getriebenen Algenkraftstoff-Startups zusammengebrochen.

Prominent ist beispielsweise Solazyme. Die kalifornische Firma präsentierte 2008 das erste Biokerosin aus Algen. Eine Partnerschaft mit dem Ölkonzern Chevron, Multi-Millionen-Staatskredite, ein Großauftrag der Marine und ein stark überzeichneter Börsengang folgten. Doch auch nach hunderttausenden Litern Produktion blieb der Sprit zu teuer selbst für den militärischen Bedarf. 2017 meldete die in Terravia umbenannte Firma Insolvenz an. Das Geschäft wurde von der niederländischen Corbion übernommen, die das Algenöl jetzt beispielsweise für Aquarien, als Kochfett oder Schmiermittel anbietet.

Sapphire Energy, unter anderem von Bill Gates mit 100 Millionen Dollar Risikokapital ausgestattet, in Allianzen mit Monsanto und Linde gegangen, vertreibt jetzt in bescheidenem Umfang Nahrungsergänzungsmittel auf Algenölbasis. Die meisten anderen Firmen, die einst Treibstoffe aus Erdöl ersetzen wollten, haben sich auf Algenkosmetik verlegt.

Die Pläne zerschossen hat neben den eigenen technischen Hürden der Verfall der Ölpreise  ab 2014. Mehrere der Startups waren davon ausgegangen, mit einem fossilen Produkt zu Preisen von 150 bis 200 Dollar pro Fass Öl zu konkurrieren, zudem von hohen CO2-Emissionspreisen oder -Steuern. Doch im realen Markt kann die Klima-Innovation kaum bestehen. Aus demselben Grund wurde schon ein in den 70er Jahren gestartetes US-Algenprogramm 1996 wieder beendet.

Noch aktiv ist das vom Gentechnik-Pionier Craig Venter gegründete Synthetic Genomics, das mit ExxonMobil zusammenarbeitet. Im vergangenen Jahr wurde verkündet, bis 2025 peile man die in der kalifornischen Wüste getestete Produktion von 10.000 Fass Biosprit pro Tag an. Das wäre ein Zehntelpromille der aktuellen globalen Ölproduktion. Immerhin.

Der damalige Exxon-Chef Rex Tillerson sagte 2013 im Fernsehen voraus, die auf 600 Millionen Dollar bezifferte Partnerschaft werde noch mindestens 25 Jahre lang keinen Erfolg liefern.

Das Programm sei nicht mehr als eine Lobbytaktik, argwöhnt  Analyst Ed Collins von der Organisation InfluenceMap. ExxonMobil, derzeit wegen Irreführung seiner Investoren zur Konzernsicht auf den Klimawandel vor Gericht, setze auf Ablenkung: "Mit all diesen positiv gestimmten Anzeigen über Tech-Innovationen wie Algen erzeugt man den Eindruck, das Klimaproblem werde ohne Regulierung gelöst."

Das nun verkündete Ziel sei zumindest "nicht unmöglich", räumt der britische Meeresbiologe Kevin Flynn ein . "Ob es sinnvoll oder wirtschaftlich ist, würde ich mit Nein und Nein beantworten." Die Biosprit-Raffinerie würde ein "wahrhaft gigantisches System" erfordern. Und: "Es wird entkommen." Mit "Es" meint Flynn die genetisch veränderten Algen, die nach einer früheren Studie Wasserwege und ganze Ökosysteme zerstören könnten - eine biologische Massenvernichtungswaffe als Nebenprodukt der Klimahoffnung.

Eric Wesoff von Greentech Media fasst die aktuell vorherrschende Algen-Skepsis zusammen . Die Technik könne sich schon noch durchsetzen. Der Aufwand werde aber nicht von ein paar hundert Millionen Dollar Wagniskapital oder staatlicher Forschungsförderung abgedeckt. Eher solle man an das Manhattan Project zur US-Atombombe oder die Mondlandung denken. "Es wird zig Milliarden Dollar und Jahrzehnte lange Forschung und Arbeit brauchen."