Photovoltaik-Industrie wieder in Feierlaune "Solarstrom wirbelt Energiebranche auf wie Fracking"

Neues Solarkraftwerk in Tongxiang, China: Die Volksrepublik überholt Deutschland in Kürze als Land mit den größten Sonnenkraftwerken

Neues Solarkraftwerk in Tongxiang, China: Die Volksrepublik überholt Deutschland in Kürze als Land mit den größten Sonnenkraftwerken

Foto: CHINA STRINGER NETWORK/ REUTERS

Es ist ein mehr als peinlicher Versprecher, der Europas Top-Solarfunktionär da herausrutscht. "Das künftige Energiesystem basiert auf ... Gas", kommt es James Watson über die Lippen, als er eigentlich die künftige Dominanz der erneuerbaren Energien herausstellen will. Und das auch noch kurz nachdem sein Photovoltaik-Branchenverband EPIA beschuldigt wurde, von der Gasindustrie unterwandert zu sein  und planmäßig deren Botschaften zu vertreten.

Dabei gibt sich die Solarindustrie ansonsten so souverän und siegesgewiss wie seit Jahren nicht auf der Messe Intersolar, Europas größtem Treff der Branche. Während die schlechten Nachrichten in den vergangenen Jahren kein Ende kannten, können die Ökostromer nun vor Selbstbewusstsein kaum gehen. Ihre Lage hat sich grundlegend verbessert:

• Die sieben wichtigsten Industriestaaten haben gerade beschlossen, in diesem Jahrhundert komplett aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Die Zukunft soll der sauberen Stromerzeugung gehören

• Ein internationaler Proteststurm brandmarkt die Kohle,- Öl- und Gasbranche zunehmend als Klimakiller. Finanzinvestoren wie der norwegische Staatsfonds und die Versicherung Axa verkaufen ihre Anteile, wogegen Konzerne wie Amazon  oder Apple  Milliarden in neue Energien stecken

• Fast wöchentlich veröffentlicht eine große Bank oder eine angesehene Unternehmensberatung eine große Studie, in der eine Art solare Weltrevolution ausgerufen wird

• Diese erwarten Fachleute auch, weil Solaranlagen so billig geworden sind, dass sie sich in vielen Regionen ohne Subventionen lohnen

• Trotz fallender Preise haben zahlreiche große Solarfirmen den Sprung in die Gewinnzone geschafft. Die Aktienkurse steigen wieder.

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Billiger und besser: Diese Grafiken zeigen, weshalb Solarstrom Versorgern so viel Angst macht

"Solarstrom wirbelt die Energieindustrie auf wie Fracking", prophezeien die Autoren der Unternehmensberatung Roland Berger in einer Untersuchung vom Donnerstag. Die vor allem in den USA angewandte Schiefergas-Fördermethode erschüttert seit einigen Jahren die Rohstoffwelt, weil sie den Gaspreis hat einbrechen lassen. Darunter leidet die Kohleindustrie. Zudem haben sich die Vereinigten Staaten ein gutes Stück weit unabhängiger von Energieimporten gemacht.

Gigantische Solarwelle baut sich in den USA auf

Billige Solaranlagen könnten nach Ansicht einer wachsenden Zahl von Fachleuten ähnlich einschneidende Folgen haben. "Schiefergas hat den Gaspreis gesenkt, Solarenergie wird den Strompreis senken", sagt Wood-Mackenzie-Analyst Michael Blaha . Vor allem Mittags, wenn in den USA die Klimaanlagen laufen, vergrößern die Photovoltaikanlagen das Angebot - Elektrizität wird billiger, die Gewinne der klassischen Versorger schrumpfen.

Auch in Europa würden vor allem die klassischen Stromkonzerne wie RWE  und Eon  - demnächst Uniper - unter die Räder kommen, erwartet Roland-Berger-Partner Torsten Henzelmann: "Vor allem das hochprofitable Geschäft mit Privat- und kleineren Gewerbekunden ist in großer Gefahr."

Vor allem dank zunehmend günstigen Hausbatterien sind Verbraucher zunehmend in der Lage, ihren Strom nicht nur selbst herzustellen sondern auch überwiegend selbst zu verbrauchen. "Wer eine Solaranlage mit Batterie kauft, erwirbt ein System, das sich von selbst trägt", sagt Henzelmann. Die Stromrechnung des Versorgers ließe sich auf diese Weise mindestens halbieren. Bisher gibt es immerhin schon etwa 20.000 solcher Speicher in Deutschland, hat das Marktforschungsunternehmen EuPD ermittelt.

Japan, China und die USA sind die neuen Boommärkte

Für die deutsche Solarindustrie ist diese Entwicklung allerdings eher ein Rettungsanker als der Weg zurück zu alter Herrlichkeit. Der Absatz auf dem Heimatmarkt ist in wenigen Jahren von 8000 auf knapp 2000 Megawatt im Jahr gesunken, Tendenz weiter fallend.

Das zeigt sich auch auf der Intersolar. Lange nicht so voll sei es wie vor vier, fünf Jahren sei es, sagen langjährige Kenner der Szene. Die Boommärkte und damit auch die größten Messestandorte sind inzwischen Japan, China und die USA.

In den Vereinigten Staaten baut sich gerade eine gigantische Investitionswelle auf, weil Ende 2016 eine 30-prozentige Steuergutschrift beim Bau einer Solaranlage wegfällt. Derzeit sind zwischen Pazifik und Atlantik Kraftwerke mit einer Spitzenleistung von 32.000 Megawatt im Bau, hat das Analysehaus IHS ermittelt . Kleine Solaranlagen unter fünf Megawatt sind in dieser Rechnung noch nicht einmal enthalten.

Obwohl nach wie vor die Staaten weltweit die wichtigste Rolle beim Ausbau der Solarenergie spielen - auch ohne Hilfen des Gesetzgebers funktioniert das Geschäft schon. In Spanien und Chile gibt es erste Solarparks, die ihren Strom am freien Markt verkaufen. Solare Selbstversorgersysteme sind vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern eine preiswerte Alternative zu Dieselgeneratoren oder dem Ausbau von Überlandleitungen.

Vom Sozialschmarotzer zum Billigheimer

"In vielen Regionen ist Solarstrom bald die günstigste Form der Elektrizität überhaupt", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, Carsten Körnig. Auf dem Podium ist ihm deutlich anzumerken, wie gut es tut, nicht mehr Prügelknabe der Nation zu sein. Noch vor zwei Jahren galten er und seine Getreuen in Deutschland beinahe als Sozialschmarotzer Nummer eins, weil sich die Subventionen auf immer höhere Milliardenbeträge summierten.

"Inzwischen ist Solarstrom fast schon zu billig", sagt Körnig und verweist auf Länder wie Spanien. Dort plant die Regierung eine Art Strafsteuer auf Photovoltaikanlagen, weil sie eine Flut selbst erzeugter Elektrizität befürchtet. Diese könnte das staatlich regulierte Stromsystem an den Rand des finanziellen Abgrundes bringen. Auch in mehreren US-Bundesstaaten wehren sich Versorger gegen einen unkontrollierten Ausbau der Paneele.

Doch immer häufiger steigen sie einfach selbst in das Geschäft ein, um noch so stark wie möglich vom erwarteten Wachstum zu profitieren. Das Engagement kommt besonders in Europa allerdings reichlich spät, wie eine Zahl aus der Roland-Berger-Studie belegt: Bisher besitzen die klassischen Versorger noch nicht einmal ein Prozent der installierten Anlagen.