Stromnetzbetreiber Wie Amprion Strom-Abschaltungen verhindern will

Nicht nur Gas wird im Winter knapp, auch beim Strom drohen Engpässe. Worauf Deutschland sich im Winter einstellen muss und wie der Übertragungsnetzbetreiber Amprion Stromausfälle verhindern will.
Dunkle Zeiten: Ob im Winter die Lichter ausgehen, hängt auch vom Weiterbetrieb der verbleibenden Atomkraftwerke ab

Dunkle Zeiten: Ob im Winter die Lichter ausgehen, hängt auch vom Weiterbetrieb der verbleibenden Atomkraftwerke ab

Foto: Stefan M. Prager / IMAGO

Städte und Kommunen erstellen Blackout-Pläne, Unternehmen rüsten ihre Notstromversorgung auf – Deutschland bereitet sich auf einen Winter mit Stromausfällen vor. Denn die Gaskrise entwickelt sich in eine Stromkrise. Mit dem russischen Gaslieferstopp, den stillstehenden Atomkraftwerken in Frankreich und der Dürre in Europa hat sich am Strommarkt eine gefährliche Gemengelage zusammen gebraut. Fest steht, es wird eng mit der Stromversorgung. Angesichts der Zuspitzung der Energiekrise nehmen die Warnungen vor flächendeckenden Stromausfällen in Deutschland zu.

"Die Gefahr eines Blackouts ist gegeben", warnte kürzlich der Städte- und Gemeindebund. Ähnliche Stimmen kamen von Energiekonzernen. Wenn im Winter zusätzlich zu Industrie und Ladesäulen auch noch Tausende Heizlüfter ans Netz kämen, könne es auf lokaler Ebene durchaus kritisch werden, sagte Frank Mastiaux (58), Chef des Energieversorgers EnBW im Interview mit manager magazin . Jetzt hat auch noch ein Stromnetz-Stresstest der Bundesregierung und Stromnetzbetreibern ergeben, "dass stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können". Gehen also hierzulande tatsächlich bald die Lichter aus?

Amprion stellt sich auf Abschaltungen ein

Ja, das kann passieren. Laut Amprion, einem von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland, besteht die Gefahr von Stromausfällen. So könnte es diesen Winter dazu kommen, dass der Netzbetreiber erstmals Verbrauchern den Strom abstellen muss. Dabei gehe es voraussichtlich um Stunden und nicht um Tage, sagt Solveig Wright, Pressesprecherin von Amprion. Was aber nicht zu erwarten sei, sei ein richtiger Blackout, also ein unkontrollierter Zusammenbruch des europäischen Stromsystems, wie der Betreiber ihn definiert. "Unter den aktuellen Rahmenbedingungen rechnen wir nicht mit einem Blackout."

Es drohen also Abschaltungen, doch auch die treten nicht ohne Weiteres ein. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man sich vor Augen führen, wie der Übertragungsnetzbetreiber im Normalfall die Stromversorgung stabil hält und welche Maßnahmen er ergreift, bevor es zum Ernstfall kommt.

Die Übertragungsnetzbetreiber – das sind Amprion, TransnetBW, TenneT TSO und 50Hertz – sind in Deutschland verantwortlich für das Stromnetz zur überregionalen Versorgung und Übertragung im Höchstspannungsbereich. Ihre Aufgabe ist es, ein "sicheres, zuverlässiges und leistungsfähiges Energieversorgungsnetz diskriminierungsfrei zu betreiben, zu warten und bedarfsgerecht zu optimieren, zu verstärken und auszubauen", heißt es im Energiewirtschaftsgesetz. Die Sicherheit der Stromversorgung zu gewährleisten, ist also ihr gesetzlicher Auftrag. Über ihre Netze gelangt der Strom von Großerzeugern wie Kraftwerken und Offshore-Windparks über weite Distanzen zu Verteilernetzen und damit dahin, wo er gebraucht wird. Dafür kassieren sie Netzentgelte.

Regelenergie als erstes Mittel

Zu einer der ersten Maßnahmen, mit der der Netzbetreiber Schwankungen der Netzfrequenz vermeidet, zählt der Einsatz von sogenannter Regelenergie. Damit gleicht Amprion auftretende Abweichungen zwischen den erwarteten und tatsächlich eintretenden Stromverhältnissen kurzfristig aus. Denn für Netzstabilität muss immer so viel ins Netz eingespeist werden, wie verbraucht wird. Bei 50 Hertz ist das Stromnetz im Gleichgewicht. Um die Frequenz zu erreichen, stellen die Netzbetreiber ständig Berechnungen an.

Weht der Wind schwächer als erwartet, fällt eine Turbine in einem Kraftwerk aus oder tritt ein anderes unerwartetes Ereignis auf, kommt es zu Abweichungen. Denn es wird weniger eingespeist als prognostiziert. In dem Fall springt die Regelenergie ein. Das Gleiche gilt, wenn der Verbrauch abweicht. "Es wird dann – teils automatisiert, bei längerem Vorlauf von Hand – die Stromeinspeisung aus Erzeugern oder Speichern erhöht oder gesenkt", sagt Wright. "Das ist kein Notfall, sondern ganz normales Alltagsgeschäft." Der Strom kommt bei der Regelenergie nicht nur aus Kraftwerken, sondern auch Batteriespeicher oder Windparks.

Notfall-Kraftwerke stehen bereit

Bei kritischen Situationen wie Strommangellagen kann der Stromnetzbetreiber darüber hinaus seine Kapazitätsreserve nutzen. Ein Instrument, das besonders für den Winter eingeführt wurde, wenn der Verbrauch höher ist und die Nachfrage nach Strom nicht aus dem Markt heraus gedeckt werden kann. Für diesen Notfall stehen Kraftwerke zur Verfügung, die bei einem solchen Szenario hochgefahren werden. "Die sind noch nie abgerufen worden. Der Fall ist bislang nicht eingetreten", sagt Amprion-Sprecherin Wright.

Letztes Mittel: kontrollierte Abschaltungen

Erst als letztes Mittel, wenn also alle Reserven ausgeschöpft sind, schaltet der Übertragungsnetzbetreiber Verbraucher kontrolliert ab. Zu beobachten ist dies momentan in Kalifornien. Der US-Bundesstaat hat Besitzer von Elektroautos jüngst dazu gebeten, wegen Stromknappheit das Laden zu verschieben. Die Idee hinter den Abschaltungen ist einfach: Wenn nicht genügend Strom vorhanden ist, muss der Verbrauch sinken. Da die Abschaltung "diskriminierungsfrei" in jeder Netzebene erfolgt, wie Amprion sagt, kann sie potenziell jeden treffen.

"Im Fall einer Abschaltung wegen Lastunterdeckung werden auf ganz Deutschland verteilt Teile des Landes dunkel", erklärt Wright. Vorstellen könne man sich dies so, als ob es überall schwarze Flecken gäbe. Jeder Netzbetreiber in Deutschland würde in diesem Szenario anteilig nach einem festgelegten Schlüssel Last abwerfen. Anders sieht das bei kontrollierten Abschaltungen aufgrund eines Netzengpasses aus. Im Gegensatz zur Strommangellage wären in diesem Fall nur einzelne Regionen betroffen.

Viele Unwägbarkeiten entscheiden

Wie wahrscheinlich eine solche Abschaltung ist, ist schwer zu sagen und hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon ist, wie warm oder kalt der Winter wird. Eine anderer: wie schnell Berlin und die Betreiber es gemeinsam schaffen, nötige Vorbereitungen zu treffen.

Denn um kontrollierte Abschaltungen zu vermeiden, wird gerade an einer ganzen Reihe von Maßnahmen gearbeitet, die die Übertragungsnetzbetreiber im Rahmen des jüngsten Stresstests vorgeschlagen haben. Sie empfehlen "alle Möglichkeiten zur Erhöhung der Stromerzeugung zu nutzen".

Ein entscheidender Faktor ist somit, ob die stillgelegten Kohlekraftwerke rechtzeitig zurück ans Netz kommen. Im Hinblick auf die drei verbleibenden Atomkraftwerke fordern die Übertragungsnetzbetreiber den sogenannten Streckbetrieb. Auch die Versorgung der Kraftwerke mit Rohstoffen müsse gesichert sein. Bereits angelaufen ist etwa die Priorisierung für Energietransporte im Bahnverkehr, nachdem das Niedrigwasser die Versorgung eingeschränkt hatte.

Gleichzeitig fordern Amprion und seine drei Wettbewerber Anreize für Unternehmen von der Regierung, damit insbesondere Industriebetriebe ihren Stromverbrauch in kritischen Phasen reduzieren. Insgesamt zielen die Maßnahmen nicht nur darauf ab, dass genügend Strom vorhanden ist, sondern auch darauf, dass er da ankommt, wo er gebraucht wird.

Wichtig sind laut Amprion daher auch verbindliche Absprachen mit Nachbarländern zu sogenannten Redispatch-Leistungen. Das bedeutet: Sind die Netze so überlastet, dass es zu einem Netzengpass kommt, muss auf der einen Seite der Leitung die Erzeugung abgesenkt und auf der anderen Seite die Erzeugung hochgefahren werden. Dafür braucht es verfügbare Kraftwerksleistung, nach der Analyse von Amprion im Zweifel auch aus dem Ausland. Das versucht das Unternehmen derzeit vertraglich abzusichern.

In allen Szenarien, die Amprion mit seinen drei Wettbewerbern skizziert hat, sei die "Versorgungssituation im kommenden Winterhalbjahr äußerst angespannt".

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