Energiewende "Der Strompreis steigt um 2 Prozent - pro Jahr"

Es ist die Achillesferse der deutschen Energiewende: Roland-Berger-Partner Torsten Henzelmann kritisiert den schleppenden Ausbau der Stromnetze - und warnt im Interview vor den Folgen eines Blackouts in Deutschland.
Neue Strommasten: Von den im Energieleitungsausbaugesetz priorisierten 1800 Kilometer Hochspannungstrassen wurden erst 268 Kilometer realisiert.

Neue Strommasten: Von den im Energieleitungsausbaugesetz priorisierten 1800 Kilometer Hochspannungstrassen wurden erst 268 Kilometer realisiert.

Foto: REUTERS

mm: Herr Henzelmann, für die Wirtschaft ist die bislang verpatzte Energiewende ein zentraler Beleg für die magere wirtschaftspolitische Bilanz der schwarz-gelben Koalition, die manager magazin im aktuellen Heft in einem großen Report beschreibt. Dem Ausbau der Stromnetze kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Warum geht es so schleppend voran?

Henzelmann: Das Problem ist, dass bislang keine Klarheit über die Investitionsbedingungen herrscht. Genehmigungen verzögern sich. Es fehlt an grenzüberschreitenden Stromverbindungen, den so genannten Interkonnektoren. Es ist nicht ganz klar, welche Netzkosten von der Bundesnetzagentur anerkannt werden. Und wann die Smart grids, die neue Netztechnologie, eingeführt wird. Ebenfalls noch offen ist es, welchen regulatorischen Vorschriften diese Technologie unterliegt. Diese Faktoren verunsichern auch potenzielle Investoren.

mm: Die Bundesregierung will den Netzausbau beschleunigen, indem sie die Planungskompetenzen zentralisiert. Brauchen wir einen staatlichen Masterplan?

Henzelmann: Die Energiewirtschaft wird ja immer dezentraler. Wenn der Bund einerseits entscheidet, tausende Kilometer neue Stromautobahnen zu bauen, und andererseits werden auf kommunaler Ebene immer neue Energieerzeugungseinheiten geschaffen, die das überregionale Netz gar nicht brauchen, dann hat der Staat zumindest teilweise an den lokalen Bedürfnissen vorbei investiert - auch wenn der Ausbau der Offshore-Windparks gleichzeitig neue Übertragungskapazitäten erfordert. Die Infrastrukturkoordination sollte also idealerweise über alle föderalen Ebenen laufen, von Kommune zu Kommune, von Land zu Land, und am Ende in Abstimmung mit dem Bund.

mm: Schließlich geht es, wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, nicht voran, weil sich Bund, Land und Kommunen gegenseitig blockieren.

Henzelmann: Sicher ist es schwierig, sicher ist es komplex, aber wir bauen ja auch ein komplexes Energiesystem. Und dies erfordert eine große Anstrengung auch auf politischer Ebene.

mm: Wie groß ist die Versorgungslücke? Wie viele Netzkilometer fehlen?

Henzelmann: Wir brauchen 3800 Kilometer neue Hochspannungstrassen; bereits existierende 4000 Kilometer müssen aufgerüstet werden. Das ist sehr ambitioniert, denn von den im Energieleitungsausbaugesetz priorisierten 1800 Kilometern Hochspannungstrassen wurden erst 268 Kilometer realisiert.

mm: Alle reden über die fehlenden großen Stromautobahnen. Sind die Verteilnetze in den Kommunen nicht das größere Problem?

Henzelmann: Dort geht es weniger um großflächige Neubauten, sondern um Netzertüchtigungen und Anschluss von Erneuerbaren Energien. Allerdings in einer Größenordnung von 135.000 bis 193.000 Kilometern. Das entspricht einer Strecke, die vier Mal um die Erde reicht.

mm: Wie teuer wird das?

Henzelmann: Insgesamt brauchen wir circa 62 Milliarden Euro, davon rund 35 Milliarden für Verteil- und 27 Milliarden für Übertragungsnetze. Die 35 Milliarden verteilen sich allerdings auf rund 800 Regional- und Kommunalversorger sowie Stadtwerke. Die 27 Milliarden müssen hingegen von nur vier Übertragungsnetzbetreibern finanziert werden. Ist die Investition allerdings sicher - was heute selten der Fall ist -, so ist die Finanzierung kein großes Problem. Denn die Netze generieren auf Jahre einen stabilen Cash flow.

mm: Wer bezahlt die Netze am Ende?

Henzelmann: Wenn die Bundesnetzagentur die Investitionen anerkennt, dürfen die Kosten an den Stromkunden weitergeben werden. Wir prognostizieren, dass der Strompreis bis 2030 um 2 Prozent jährlich steigen wird. Das ist ein Zeitraum von 18 Jahren. Die Frage ist, ob Industrie, Gewerbe und Haushalte damit nicht überfordert sind.

mm: Das deutsche Stromland ist in vier Zonen aufgeteilt, die jeweils von einem anderen Netzbetreiber betreut werden. Brauchen wir eine Deutsche Netz AG, die alles bündelt?

Henzelmann: Ich halte eine Netz AG für überflüssig, weil wir hier kein Kapital- und auch kein Koordinationsproblem zwischen den Betreibern haben. Entweder holen sich die vier Übertragungsnetzbetreiber Geld vom Kapitalmarkt, oder Fonds beteiligen sich von vornherein an ihnen. Der Betreiber 50 Hertz zum Beispiel gehört zu 40 Prozent einem australischen Infrastrukturfond.

"Gesamtmarktdesign für die Energiewende erforderlich"

mm: Was muss als nächstes politisch angepackt werden?

Henzelmann: Generell gilt: Je dezentraler die Energie erzeugt wird, desto weniger werden die Hochspannungsnetze in Anspruch genommen. Hohe Investitionen in dezentrale Netze und Erzeugung führen also dazu, dass die überörtlichen immer weniger ausgelastet sind. Die entstehenden Kosten werden so auf eine immer geringere Menge umgelegt. Gleichzeitig erfordern aber Offshore-Windparks den Ausbau von Übertragungsnetzen, weil hier eine neue zentrale Form der Energieerzeugung entsteht. Das sind gegenläufige Phänomene. Deswegen ist es notwendig, die Netzpolitik zu synchronisieren, von den Kommunen über die Länder bis hin zum Bund. Sonst funktioniert das nicht. Wir brauchen ein Gesamtmarktdesign für die Energiewende.

mm: Immer mehr Kommunen kaufen ihre Stromnetze zurück. Übernehmen die sich?

Henzelmann: Volkswirtschaftlich ist das schädlich, weil so Größenvorteile verloren gehen. Die Kommunen können Kauf und Betrieb der Netzes oft nur über Kooperationen stemmen. Damit steigt die Komplexität der politischen Steuerung weiter an. Aber Kommunen haben das Recht, sich ein Netz zu kaufen, wenn für sie die Netzeigenständigkeit ein wichtiger Aspekt ist. Außerdem verfügen viele Kommunen über gute Finanzierungskonditionen. Über Kommunalkredite können sie sich deutlich günstiger refinanzieren als etwa ein privater Energieversorger, der andere Anforderungen an die Verzinsung seines Eigenkapitals hat. Da sind die Kommunen eindeutig im Vorteil.

mm: Was passiert, wenn der Netzengpass nicht schnell genug beseitigt wird? Wie groß ist die Gefahr eines Blackouts?

Henzelmann: Schon jetzt nehmen die systembedingten Stromausfälle zu, und die Netzbetreiber müssen verstärkt eingreifen. Aber nicht nur, weil das Netz überlastet ist, sondern auch, weil konventionelle Kraftwerke öfter ausfallen. In München zum Beispiel blieben Ende 2012 Hunderttausende ohne Strom, weil die Umspannanlage eines Heizkraftwerks explodiert war. In erster Linie sind Industriebetriebe von Blackouts betroffen. Sie können ihre Produktion nicht mehr nachholen beziehungsweise müssen aufwändige Reservesysteme bereithalten. Das führt zu hohen Schäden. In Privathaushalten halten sich die Schäden, die durch einen Blackout entstehen, eher in Grenzen.

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