Zölle auf China-Fotovoltaik Ist Solarworld einen Handelskrieg mit China wert?

Kaum hat die EU-Kommission Zölle auf Fotovoltaikmodule in China angekündigt, warnt Peking vor einem Handelskrieg. Und das alles nur, weil Brüssel die wenigen verbliebenen Arbeitsplätze in der Modulfertigung wie bei Solarworld schützen will. Plötzlich steht weitaus mehr auf dem Spiel.
Gefallener Stern: Solarworld schreibt rote Zahlen. Schuld sind laut Firmenchef Frank Asbeck chinesische Module, die in Europa zu Dumpingpreisen angeboten werden

Gefallener Stern: Solarworld schreibt rote Zahlen. Schuld sind laut Firmenchef Frank Asbeck chinesische Module, die in Europa zu Dumpingpreisen angeboten werden

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Hamburg - Gerade ein paar Tage ist es her, dass die EU-Kommission Zölle auf chinesische Solarmodule in Aussicht gestellt hat, da zeigen die markigen Worte bereits Wirkung - allerdings nicht die gewünschten. Um etwa 50 Prozent sei die Nachfrage in Europa eingebrochen, heißt es bei der Fotovoltaik-Handelsplattform pvXchange. "Der Markt ist total verunsichert", sagt Vertriebsleiter Georg Urban gegenüber manager magazin online.

Die allermeisten Kunden würden sich nun allerdings fragen, wie sie die begehrten chinesischen Module auch in Zukunft bekommen können, beobachtet Urban. Eine verbesserte Logistikkette, Umwege über Drittstaaten - den Käufern komme einiges in den Sinn, um die von der Kommission geplanten Importbeschränkungen abzumildern, die Rückwirkend ab März gelten sollen. Nur bei den vergleichsweise teuren heimischen Produzenten will offenbar kaum jemand ordern: "Die deutschen Anbieter profitieren bisher nicht."

Dabei sind die Zölle für Politiker in Brüssel und manchen EU-Hauptstädten eine Herzensangelegenheit. Die Importbeschränkungen sollen nicht weniger als die europäische Solarindustrie retten. War es nicht ein Versprechen der ansonsten oft schmerzhaften Klimapolitik, dass auf dem Kontinent eine blühende Öko-Branche erwächst, in deren Zentrum die Fotovoltaikindustrie steht?

"Für Deutschland steht viel auf dem Spiel"

In den Archiven finden sich haufenweise Fotos von lächelnden Landesfürsten, auf Baustellen Hand in Hand mit den Protagonisten der Sonnenbranche. In den entlegensten Gegenden Ostdeutschlands entstanden "Solar Valleys", die inzwischen komplett auszutrocknen drohen. Billigmodule aus China überschwemmen seit einigen Jahren Europa, da können Solarworld , Q-Cells und Co. einfach nicht mehr mithalten.

Doch was ist der Preis für diese Rettungsaktion? Inzwischen meldet sich eine zunehmende Zahl von Managern und Wirtschaftsfunktionären zu Wort, die die Brüsseler Barrieren als bedrohlich einstufen.

"Es besteht die Gefahr, dass sich die Auseinandersetzung hochschaukelt", sagt der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, gegenüber manager magazin online. "Für Deutschland steht viel auf dem Spiel."

Tatsächlich hat China bereits verschiedene Vergeltungsmaßnahmen angekündigt, die weit über die Solarbranche hinausreichen. Die geplanten Einfuhrhürden der EU würden nach Einschätzung des Handelsministeriums in Peking den beidseitigen Beziehungen "ernsthaft schaden", sagte ein Ministeriumssprecher am Donnerstag. Zuvor hatten die chinesischen Behörden eine Anti-Dumping-Untersuchung von Importen legierter Stahlrohre aus der EU, Japan und den USA eröffnet.

BGA-Präsident Börner: "Auch andere Branchen müssen jetzt zittern"

In der vergangenen Woche hatte Brüssel mit der Einleitung eines entsprechenden Verfahrens den Weg für Strafzölle auf chinesische Solarpaneele freigemacht. Spätestens ab dem 5. Juni sollen sie dem Vernehmen nach mit einem durchschnittlichen Aufschlag von 47 Prozent belegt werden.

Der BGA rechnet mit einer weiteren Eskalation der Lage, wenn die EU und China nicht doch eine Lösung am Verhandlungstisch finden. "Auch andere Branchen müssen jetzt zittern." Börner nannte die Elektro-, Maschinenbau- und Automobilindustrie als mögliche Opfer von Vergeltungsmaßnahmen.

Die mögliche Tragweite eines Handelskrieges steht offenbar kaum im Verhältnis zum Nutzen, den die EU mit den Zöllen stiften will. Kaum jemand glaubt daran, dass die Modulherstellung in Europa jemals wieder die mächtige Stellung erreichen kann, die sie vor fünf Jahren hatte. Zahlreiche Unternehmen sind bereits insolvent oder wurden aufgekauft, darunter Q-Cells, Solon  oder Odersun. Den verstoßenen Solar-Töchtern von Bosch droht ein ähnliches Schicksal.

"Die Zölle hätten vor fünf Jahren kommen müssen"

"Es ist jetzt einfach zu spät, um noch Weichen zu stellen", sagt eine Solar-Investorin. Inzwischen hätten sich die Chinesen am Markt etabliert und viele europäische Hersteller verdrängt. "Zölle hätten vor fünf Jahren kommen müssen."

BGA-Chef Börner weint der Solarindustrie kaum eine Träne nach. "Wir müssen uns fragen, ob Europa überhaupt noch der richtige Standort für die Produktion von Solarmodulen ist." Solarmodule seien keine Hochtechnologie, sondern ein relativ einfaches, kopierbares Produkt, das in guter Qualität anderswo zu günstigen Preisen hergestellt werden könne. "Das ist eine Frage der weltweiten Arbeitsteilung; die Textilindustrie produziert ja ebenfalls überwiegend in Asien."

Sogar die europäische Solarbranche selbst ist keineswegs einhellig begeistert von dem Brüsseler Vorstoß. "Die Zölle sind nicht im europäischen Interesse", sagt Vertriebsmanager Luc Graré vom größten europäischen Solarkonzern REC (Norwegen) gegenüber manager magazin online. "In Europa ergeben sich gewisse Vorteile für uns. Doch in Asien werden stattdessen viele chinesische Module auf den Markt geworfen und können zu mehr Preisdruck führen."

Das Beispiel REC zeigt, wie heikel die Sache mit den Zöllen ist. Für das Unternehmen sind die Chinesen einerseits gefürchtete Billig-Wettbewerber. Und REC unterstützt durchaus die Sichtweise, dass der chinesische Staat den heimischen Firmen auf unzulässige Weise unter die Arme gegriffen hat. Doch auf der anderen Seite sind die Chinesen wichtige Kunden für Silizium - und davon brauchen sie weniger, wenn sie ihre Module in Europa nicht verkaufen können.

Verhandlungslösung in letzter Minute?

Damit ist REC in einer ähnlichen Lage wie der deutsche Konzern Wacker Chemie. "Strafzölle bremsen die Entwicklung der Solarindustrie und verteuern die Energiewende", sagt Konzernchef Rudolf Staudigl.

Um die Frage, ob die Zölle der europäischen Branche insgesamt mehr nützen oder schaden, ist inzwischen ein Papierkrieg ausgebrochen. Eine Studie von Pricewaterhouse Coopers besagt ersteres, eine Prognos-Untersuchung letzteres.

So oder so, will die Europäische Union eine Eskalation offenbar in letzter Minute verhindern. Es liefen bereits Verhandlungen mit China, heißt es in Kreisen, die mit der Sache vertraut sind. Ein Szenario, das gegenwärtig gehandelt wird, sieht demnach so aus: Die EU setzt die Zölle in Kraft, um sie kurz darauf wieder auszusetzen. Im Gegenzug verpflichten sich die Chinesen, ihren Herstellern den Export nicht mehr so zu erleichtern wie bisher.

Eine in der Solarbranche dringend benötigte Zutat enthält dieses Szenario allerdings nicht: Echte Planungssicherheit. Und so werden die Zeiten für die Industrie so schnell nicht wieder besser. Das Gespenst eines allgemeinen Handelskrieges verlöre dabei aber deutlich an Schrecken.

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