Dienstag, 12. November 2019

Energiewende "Den Boden unter den Füßen weggezogen"

Trianel: Bunter Stadtwerkeverbund
Trianel

Der Gesprächsbedarf beim Energiegipfel ist gewaltig, auch aus Sicht kommunaler Versorger. Sven Becker, Chef des Stadtwerkeverbunds Trianel, erklärt, wie er sich eine EEG-Reform vorstellt, weshalb eine Strompreisbremse Investitionen verhindert und warum Rendite im Wettbewerb mit Eon und RWE nicht alles ist.

mm: Herr Becker, die Stadtwerke München haben wegen der geplanten Strompreisbremse verkündet, Milliardeninvestitionen in regenerative Energien auf Eis zu legen. Halten Sie solch eine Entscheidung für übertrieben?

Becker: Ich kann die Entscheidung der Stadtwerke München schon nachvollziehen, da hier Einschnitte in die laufende Förderung gefordert werden. Es wird also in den Vertrauens- und Bestandsschutz eingegriffen. Denjenigen, die jetzt gerade investiert haben, wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Für unseren Offshore-Windpark vor Borkum, der im Sommer ans Netz gehen soll, würden bei der diskutierten Förderkürzung für die ersten fünf Monate 48 Millionen Euro Einnahmen fehlen.

mm: Planen Sie ebenfalls, Projekte einzufrieren?

Becker: Wenn die Strompreisbremse käme, würden wir den zweiten Bauabschnitt unseres Offshore-Windparks nicht realisieren. Dass wir jetzt aber das Projekt beerdigen, halte ich für verfrüht. Schon deshalb, weil ich nicht glaube, dass die Strompreisbremse in dieser Form kommt.

mm: Sie haben Verständnis für den Vorstoß der Bundesregierung?

Becker: Zunächst einmal begrüße ich, dass die Bundesregierung die Probleme auf der Kostenseite für Verbraucher und Industrie aufgreift. Die Vorschläge, die gemacht worden sind, lösen aber die Probleme nicht. Sie folgen eher wahltaktischer Logik als energiepolitischer Vernunft. Dabei brauchen wir jetzt nicht Korrektive bei einzelnen Interessengruppen. Was wir brauchen, ist eine generelle Reform des EEG. Und zwar dringend. Eigentlich können wir damit gar nicht bis zu den Bundestagswahlen warten.

mm: Was stört Sie am Erneuerbare-Energien-Gesetz?

Becker: Das EEG ist ja ursprünglich mal als Technologieförderungsgesetz eingeführt worden, um den erneuerbaren Energien in den Markt zu helfen. Dieses Ziel hat das EEG mit Bravour erreicht. Mittlerweile machen die Erneuerbaren aber schon 25 Prozent des Marktes aus. Das ist der größte einzelne Block noch vor der Braunkohle und der Kernenergie. Deshalb dürfen die Erneuerbaren auch nicht mehr separat vom Markt betrachtet werden. Derzeit wird ja selbst dann weiter eingespeist und vergütet, wenn der Wind- oder Sonnenstrom die Nachfrage übersteigt. Die Folge ist, dass der EEG-Strom zu negativen Preisen ins Ausland abgegeben wird, das heißt, wir zahlen Geld, um Strom loszuwerden, den wir für teures Geld subventioniert haben.

mm: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Becker: Die Erneuerbaren müssen Systemverantwortung übernehmen. Sie dürfen nicht weiterhin das Motto "produce and forget" verfolgen, also am Markt vorbei produzieren. Wir brauchen daher erstens eine marktorientierte Steuerung und zweitens eine Verstetigung der Erneuerbaren. Das sind die zentralen Ansätze, mit denen das EEG weiterentwickelt werden muss. Dafür haben wir Speicher und Systeme bereitzustellen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Und dafür brauchen wir flexible Kraftwerke.

mm: Wie stellen Sie sich so eine Systemverantwortung in der Praxis vor?

Becker: Vorstellbar im Rahmen der Systemverantwortung wäre zum Beispiel, dass die Erneuerbaren für ihre unsichere Einspeisung eine Art Backup-System bereitstellen. Da gibt es verschiedene Modelle. Wenn man Kunden mit einer Fotovoltaikanlage versorgt, dann sollte das ja nicht nur geschehen, wenn die Sonne scheint. Und dafür muss man sich dann beispielsweise mit entsprechenden Lieferkapazitäten absichern.

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