Montag, 21. Oktober 2019

RWE-Bilanz Kohle scheffeln dank Kohlekraft

Kraftwerk Neurath: Die Kohlendioxid-Hauptstadt Europas, 30 Kilometer vor Köln

Die Energiewende bedeutet, zumindest vorübergehend, eine Hinwendung zur Kohlekraft. Größter Profiteur des schmutzigen Geschäfts ist RWE, wie auch die heute vorgelegte Jahresbilanz zeigt. Der Konzern findet sich neuerdings im energiepolitischen Interessengegensatz zum Wettbewerber Eon.

Hamburg - Bis zu sechs Millionen Tonnen Kohlendioxid sollen die beiden grauen Blöcke in Neurath pro Jahr sparen. Wobei "Sparen" so zu verstehen ist wie in den Angeboten der Autohändler: "Sparen Sie 4000 Euro" - im Vergleich zum Listenpreis, nicht im Vergleich zum Nicht-Kauf.

Tatsächlich laufen die im vergangenen August von RWE Börsen-Chart zeigen eröffneten zwei Kraftwerksblöcke im Rheinischen Braunkohlerevier mit einem Wirkungsgrad von 43 Prozent sauberer als vergleichbare alte Anlagen, dürften aber doch ihren Anteil daran haben, dass der Ausstoß des klimaschädlichen CO2 in Deutschland 2012 erstmals seit Jahren wieder gestiegen ist. Der 2,6 Milliarden Euro teure Neubau macht das Kraftwerk Neurath zum größten CO2-Emittenten Europas. Nur ein kleiner Teil des Schmutzes wird durch die Schließung sechs alter Blöcke im benachbarten Frimmersdorf eingespart.

Es gehört zu den merkwürdigsten Wirrungen der an merkwürdigen Wirrungen reichen Energiewende: Vordergründig geht es um den Wechsel von Atom- zu Wind- und Sonnenkraft, gleichzeitig findet unter den fossilen Energieträgern, die unverändert den Großteil des Stroms liefern, aber ein anderer Wechsel statt: mehr Kohle und in geringerem Maß auch Öl, weniger Energie aus vergleichsweise sauberem und effizientem Gas.

Größter Profiteur dieser Entwicklung ist RWE, wie auch die heute vorgelegte Jahresbilanz 2012 zeigt. Der Konzern konnte den operativen Gewinn um 10 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro steigern.

Ersatz für stillgelegte Atommeiler

Faktisch dienen eher Kohlekraftwerke als Ersatz für stillgelegte Atomkraftwerke zur Lieferung von Grundlaststrom, in der Spitzenlast verdrängen die Erneuerbaren zusammen mit Kohle die Gaskraftwerke, die doch ideal als Brücke zu einer CO2-freien Zukunft ideal wären. Im Ergebnis wird der Strom in Deutschland schmutziger hergestellt als vorher, zumindest in der Bilanz des vergangenen Jahres.

"Diese Entwicklung darf nicht zu einer Tendenz werden", warnte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), und hoffte, die Zahlen als "Ausreißer in einer bisher positiven Entwicklung" darstellen zu können. Doch allmählich deutet sich auch ein längerfristiger Trend an. Die Bruttostromerzeugung aus Braunkohle erreichte 2012 mit 159 Milliarden Kilowattstunden den höchsten Wert seit 1990, Gasstrom mit 70 Milliarden Kilowattstunden den niedrigsten seit 2004.

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