Samstag, 7. Dezember 2019

Klimaschutz bizarr Der total verrückte CO2-Markt

Kohlekraftwerk in Brandenburg: Anreiz für mehr CO2-Emissionen

2. Teil: Klimakasse des Bundes ist leer, Kohlekraft boomt

Dem Bund fehlen wegen des Preisverfalls Milliardeneinnahmen für seinen Klimafonds, der allein aus der Versteigerung der Zertifikate gespeist wird. Ursprünglich sollte der Fonds in diesem Jahr 3,3 Milliarden Euro einnehmen, aktuell geplant sind zwei Milliarden, doch bei einem Zertifikatepreis von fünf Euro reicht es noch nicht einmal für eine Milliarde. Am Freitag, wie bereits einmal im Januar, platzte gar eine Auktion mangels Nachfrage.

Der Fonds soll Förderprogramme für Gebäudedämmung, Elektroautos und internationale Klimaschutzprojekte ebenso finanzieren wie Zuschüsse an stromintensive Unternehmen. Mittel aus dem allgemeinen Haushalt darf er rechtlich nicht bekommen. Einige dieser Programme wurden bereits gekürzt. In dieser Woche wollten die beteiligten Bundesminister über eine Lösung für die Finanzen des Klimafonds beraten, Ergebnisse wurden bisher nicht bekannt.

Indirekt leiden auch die Stromkunden unter dem Versagen des Klimamarkts. Denn niedrige CO2-Preise drücken den Einkaufspreis der Versorger an der Strombörse, was aber die Erneuerbare-Energien-Umlage - die Differenz zu den festgelegten Einspeisevergütungen für Ökostrom - umso teurer macht und damit den Endkundenpreis treibt.

Auch die Ausgaben der Versorger für CO2-Zertifikate werden laut BUND vollständig an die Kunden abgewälzt - selbst die virtuellen Ausgaben für die bis 2012 vom Bund geschenkten Zertifikate. So habe die Branche im Namen des Klimaschutzes eine Subvention von 38 Milliarden Euro kassiert - und zum Teil in neue Kohlekraftwerke investiert, wodurch jährlich zusätzlich 70 Millionen Tonnen CO2 in die Luft geblasen würden.

Trotz Energiewende: Deutschlands Klimabilanz verschlechtert sich

Auch die Industrie investiert angesichts der billigen Zertifikate weniger in Klimaschutz. Einen Anreiz dazu sehen die von Point Carbon im Februar befragten Branchenanalysten erst ab einem Zertifikatepreis von 40 Euro. Yvo de Boer, der frühere Generalsekretär der UN-Klimarahmenkonvention, hält gar einen Preis von 150 Euro für nötig, um die Wirtschaft so zu lenken, dass die globale Erwärmung auf das international ausgerufene Limit von zwei Grad begrenzt bleibt. Wesentlich mehr als 30 Euro haben die EU-Schmutzrechte aber nie gekostet.

Unterhalb von 25 Euro haben sogar bestehende Gaskraftwerke das Nachsehen gegenüber kohlebetriebenen Anlagen, die ein Vielfaches an CO2 ausstoßen, meint Sandbag-Experte Damien Morris. Tatsächlich nimmt der Anteil der Kohlekraft zu und sorgt dafür, dass selbst im vorgeblichen Energiewendeland Deutschland 2012 erstmals seit Jahren die Emissionen von Kohlendioxid um bis zu 2 Prozent gewachsen sind.

Die Internationale Energieagentur sieht die niedrigen CO2-Preise in Europa neben dem Boom in China und Indien sogar als Grund, warum Kohle weltweit bis 2017 zum wichtigsten Energieträger aufsteigen könnte. "Wenn die aktuelle Politik nicht geändert wird, holt Kohle Öl binnen eines Jahrzehnts ein", erklärt Maria van der Hoeven, Generalsekretärin der internationalen Organisation. Nur die USA lieferten mit ihrem Gasboom einen gegenläufigen Trend - was nebenbei aber zum stärkeren Export billiger US-Kohle nach Europa beiträgt.

Gaskraftwerke in Europa arbeiten derzeit mit Verlust, weshalb etliche Anlagen vom Markt genommen wurden. "Erstmals schließt die Branche Anlagen nur aus wirtschaftlichen Gründen", beklagt sich Jean-François Cirelli, Aufsichtsratschef von GDF Suez und Präsident des Branchenverbands Eurogas. "Ohne Intervention ist das System tot."

Seite 2 von 3

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung