Energiekosten Industrie fleht um Fracking in Deutschland

Amerika werbe mit geringen Energiekosten Produktionsbetriebe ab, warnen Industrievertreter und Bundesregierung. Sie fordern die dort erfolgreiche unkonventionelle Gasfördertechnik, die der Bundesrat gerade abgelehnt hat. Fracking stößt aber auch auf kommerzielle Hindernisse.
Erkundungstrupp in Bayern: Mit Bohrgenehmigungen ist derzeit nicht zu rechnen

Erkundungstrupp in Bayern: Mit Bohrgenehmigungen ist derzeit nicht zu rechnen

Foto: A3483 Matthias Schrader/ dpa

München - Die Förderung von Schiefergas sollte nach Ansicht der Industrie auch in Deutschland geprüft werden. "Wenn wir dies sofort ablehnen, geraten wir international ins Hintertreffen", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, am Samstag der Nachrichtenagentur Reuters am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Man müsse die Schiefergasnutzung ergebnisoffen prüfen.

Er antwortete damit auf einen Beschluss des Bundesrats vom Freitag. Die Vertretung der Länder forderte die Bundesregierung auf, Umweltverträglichkeitsprüfungen vor Einsatz von Fracking für obligatorisch zu erklären.

Die Länder lehnten "insbesondere den Einsatz umwelttoxischer Chemikalien" beim sogenannten Fracking ab, solange deren Risiken nicht geklärt seien. Der Bundesrat warnte zudem "vor Gefahren für Trinkwasser- und Heilquellenschutzgebiete". Genehmigungen zum Einsatz des Frackings dürften erst erteilt werden, wenn "zweifelsfrei geklärt" sei, dass eine "nachhaltige Veränderung" der Wasserqualität ausgeschlossen sei.

BDI-Präsident Grillo: "Deutschland wird abgehängt"

Hintergrund der Forderung ist der Schiefergasboom in den USA. Als Folge sind dort die Gaspreise auf ein Drittel des deutschen Niveaus gefallen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler hatte vor einer Abwanderung energieintensiver Unternehmen gewarnt, die jetzt schon zu beobachten sei. "Europa ist auf dem schleichenden Weg einer Deindustrialisierung", warnte auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

"Falls in Deutschland von vornherein eine Förderung ausgeschlossen wird, wird das Land im internationalen Wettbewerb abgehängt", sagte auch Grillo. In der Bundesrepublik gibt es etwa in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen größere Schiefergasvorkommen. Der Bundesrat hatte die Regierung am Freitag aufgefordert, erst dann die Förderung zu genehmigen, wenn Umweltschäden ausgeschlossen seien.

Grillo verwies auf Erfahrungen in den USA, die auch in Deutschland beachtet werden müssten. "Angesichts der Umweltbedenken ist es völlig richtig, dass die Bevölkerung eng eingebunden werden muss", betonte der BDI-Präsident. In den USA habe sich aber gezeigt, dass eine grundsätzliche Ablehnung unsinnig und überflüssig sei. "In den Vereinigten Staaten haben auch die Umweltverbände umgedacht. Statt die Förderung völlig abzulehnen, konzentrieren sie sich jetzt darauf, dass die Nutzung des Schiefergases möglichst umweltfreundlich geschieht. Das ist der richtige Weg."

Beim sogenannten Fracking werden Wasser und Chemikalien mit hohem Druck in Gestein gepumpt, um an die dort lagernden Gas- und Ölvorkommen zu kommen. Eine ähnliche Methode wird aber in Deutschland schon seit Jahrzehnten für die Förderung konventionellen Gases verwendet. Grillo verwies darauf, dass Deutschland zudem eine leistungsfähige chemische Industrie habe, die an möglichst umweltfreundlichen Verfahren arbeite.

Experten halten Technik in Europa für derzeit unwirtschaftlich

Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe lagern unter der Oberfläche der Bundesrepublik bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter Erdgas aus Schiefergestein. Damit könnte Deutschland über ein Jahrzehnt ohne Lieferungen aus dem Ausland auskommen. Wegen der kontroversen Diskussion rund ums Fracking und der unklaren Rechtslage können Energieunternehmen derzeit nicht mit Genehmigungen für die Erkundung von Vorkommen oder für deren Ausbeutung rechnen.

Allerdings halten manche Experten die Förderung hierzulande ohnehin für derzeit nicht wirtschaftlich. Die Gaspreise müssten ungefähr doppelt so hoch sein wie gegenwärtig, damit sich die Förderung von unkonventionellem Erdgas aus Schiefergestein und Kohleflözen überhaupt lohne, heißt es in einer Mitteilung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die am Donnerstag in Mannheim verbreitet wurde. Basis ist das ZEW Energiemarktbarometer, eine halbjährliche Befragung von rund 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis.

"Die Förderung von unkonventionellem Erdgas in der EU ist somit auf absehbare Zeit unwirtschaftlich", sagte Umweltökonom Florens Flues vom ZEW. "Zudem sind die Kosten für Umwelt und Gesundheit durch unkonventionelle Gasförderung schwer einzuschätzen."

Exxon Mobil begräbt Frackingpläne in Polen

"Unsere Investitionsentscheidungen hängen nicht von den aktuellen Gaspreisen ab", sagte dazu eine Sprecherin des Energiekonzerns Exxon Mobil , der in Deutschland offensiv für Fracking wirbt. Wenn Exxon Mobil heute investiere, dann fließe das Gas in einigen Jahren für Jahrzehnte. Dafür gebe es keine Preisszenarien. Auch der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) sieht die These des Mannheimer Forschungszentrums kritisch. "Die Technik kommt seit Jahrzehnten zum Einsatz und die Unternehmen würden das nicht machen, wenn es nicht wirtschaftlich wäre", sagte eine Sprecherin.

Die EU ist in der Haltung zum Fracking gespalten. Länder wie Polen wollen Schiefergas auf jeden Fall fördern, schon um unabhängiger von russischen Gasimporten zu werden. Dort gibt es bereits mehrere Probebohrungen - allerdings zum Teil mit enttäuschenden Ergebnissen, weshalb sich Exxon Mobil im vergangenen Jahr aus polnischen Projekten verabschiedete.

Frankreich, das Land mit den wohl größten Reserven in Westeuropa, hat ein generelles Moratorium für das Fracking verhängt. Auch in den USA gibt es Umweltbedenken und auf Staats- oder Gemeindeebene Verbote und Moratorien. In den wichtigsten Fördergebieten des Mittleren Westens haben die Unternehmen aber freie Bahn.

ak/rtr/afp

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